Regensburger Corona-Experte Bernd Salzberger ist jetzt Rentner: „Ich war ein Mahner“

Bernd Salzberger hat mehr als zwanzig Jahre die Infektiologie an der Uniklinik Regensburg geleitet. Vor Kurzem hat sich der Corona-Experte und Italienliebhaber in den Ruhestand verabschiedet. Langweilig wird ihm so schnell nicht.
Wie geht es Ihnen?
Bernd Salzberger: Ich habe ein Feriengefühl, als Rentner fühle ich mich noch nicht. Aber ich stehe morgens eine Stunde später auf.
Vermissen Sie Ihre Arbeit?
Salzberger: Noch nicht, aber dass kommt, da bin ich sicher.
Gab es Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?
Salzberger: Ja, vor allem Patienten, die mich überrascht haben. Ich habe in Köln einmal eine Patientin mit einer schweren Blutvergiftung auf der Intensivstation betreut. Ihr Ehemann kam jeden Tag. Irgendwann habe ich zu ihm gesagt: Ich glaube, Ihre Frau hat eine Chance. Da guckt er mich an und sagt: Das glaube ich Ihnen, denn heute lächeln Sie zum ersten Mal.
In Ihrer Anfangszeit in Köln hatten Sie viele Aids-Patienten. Zum Ende Ihrer Berufslaufbahn kam Corona. Was war schlimmer?
Salzberger: Beides war auf unterschiedliche Art und Weise schlimm. An Aids sind viele junge Menschen gestorben. Ende der 80er Jahre war klar: Diese jungen Leute haben vielleicht noch zwei, drei oder vier Jahre, dann ist es vorbei. Erst Mitte der 90er Jahre hat sich die Situation drastisch geändert, als neue Medikamente kamen und eine langfristige Behandlung möglich war. Corona hat mich in der ersten Zeit daran erinnert. Wir haben in der Regensburger Uniklinik viele Patienten an der ECMO, also an der künstlichen Lunge, behandelt. Rund 40 Prozent sind gestorben. Das war eine harte Zeit.
Wie fällt Ihre Pandemie-Bilanz aus?
Salzberger: Wir hatten in Regensburg ein sehr gutes Netz , auch zwischen den Krankenhäusern. Die Pandemie war schlimm, aber wir sind vernünftig damit umgegangen und haben die meisten Sachen so gut gemacht, wie wir konnten. Aber es erschreckt mich, wie die verschiedenen Narrative der Pandemie in Deutschland auseinanderdriften. Es gibt Menschen, die sagen, es ist relativ gut gelaufen, andere meinen, wir hätten bestimmte Dinge besser machen müssen. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Menschen, die bleibt dabei, dass alles falsch war: die Maskenpflicht, die Impfkampagne. Das erschreckt mich. Die Gesellschaft hat sich verändert. Allerdings gab es solch unterschiedliche Sichtweisen bisher bei jeder Pandemie, auch schon bei der Cholera im 19. Jahrhundert. Da haben die Leute dann vom Zorn Gottes gesprochen.
Was waren aus Ihrer Sicht die größten Fehler?
Salzberger: Die Impfpflicht war ein Fehler, den schreibe ich mir auch auf die Fahne. Und wir hätten früher und besser öffnen können. Ich hatte in der Zeit aber immer große Sorgen, was als nächstes passiert. Ich war ein Mahner.
Was würden Sie heute in einer Pandemie anders machen?
Salzberger: Wissenschaftler sollten sich nicht offen widersprechen. Auch die Politik müsste versuchen, mit einer Stimme zu sprechen. Fake News sind ebenfalls ein Problem. Je länger Falschinformationen in der Luft hängen, desto stärkere Wirkung entfalten sie.
Kann uns so eine Plage wieder heimsuchen?
Salzberger: Pandemien sind wiederkehrende Ereignisse. Ich glaube aber nicht, dass uns die Pest oder die Affenpocken Mpox treffen. Mpox ist nicht so ansteckend wie Covid. Da müssen wir uns keine Sorgen machen.
Sind medizinische Durchbrüche zu erwarten?
Salzberger: Ich glaube, dass man die HIV-Infektion innerhalb der nächsten zehn Jahre heilen kann. Auch bei Krebserkrankungen gibt es hervorragende Entwicklungen. Immuntherapie, dazu gehören auch Impfungen, wird in Zukunft eine große Rolle spielen und die Krebstherapie viel besser machen.
Sie kommen gebürtig aus Nordrhein-Westfalen. Sind Sie inzwischen gefühlt ein Oberpfälzer geworden?
Salzberger: Ich bin in Kevelaer aufgewachsen, aber meine Familie kommt aus Niederbayern. Mein Großvater ist aus Lam im Bayerischen Wald nach Nordrhein-Westfalen abgehauen, weil es nichts zu essen und nichts zu arbeiten gab. Ein echter Oberpfälzer bin ich nicht. Ich würde mich als heimatlos bezeichnen. Ich könnte überall in Deutschland leben, aber eher im südlichen Teil.
In Regensburg sind Sie seit mehr als 20 Jahren zuhause. Haben Sie Lieblingsecken?
Salzberger: Ja, das Orphée und die Donau. Ich fahre viel mit dem Fahrrad. Auch das Hinterland von Regensburg ist wunderschön.
Was haben Sie als Rentner vor?
Salzberger: Ich möchte vernünftig Italienisch lernen. Italien ist mein Lieblingsurlaubsland und ich radebreche immer nur, wenn ich dort bin. Als zweites möchte ich eine Biografie über einen Bekannten schreiben, der vor ein paar Jahren verstorben ist.
Wer war das?
Salzberger: Bert van der Post. Er war eigentlich Friseur, hat sich aber sehr für Kunst und Religion interessiert. Als er an einem gutartigen Hirntumor erkrankt ist, der operiert werden konnte, hat er sein Leben umgekrempelt. Im Kölner Klinikum, wo ich gearbeitet habe, war er Seelsorger und hat sich um Krebs- und Aids-Patienten gekümmert. Jeden Morgen haben wir darüber gescherzt, dass er die Patienten in den Tod begleitet und ich versuche, seine Arbeit zu behindern. Ich möchte ihm mit einer Biografie ein kleines Denkmal setzen.
Sie verbringen jetzt viel Zeit zu Hause. Wie klappt das?
Salzberger: Gut, aber für meine Frau ist das auch noch neu. Ich koche gerne, nur die Wäsche mache ich nicht. Falten und Bügeln ist nicht mein Ding.
Zur Person
Beruf: Bernd Salzberger hat mehr als zwei Jahrzehnte die Infektiologie am Uniklinikum Regensburg geprägt. Darüber hinaus war er lange Studiendekan und gefragter Corona-Experte. Ende September ist er in Ruhestand gegangen.
Familie: Salzberger wird Ende des Jahres 68 Jahre alt. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt in Regensburg.