Graffiti-Sprayer verwandeln Neumarkter Trafo-Häuschen in Kunstwerke

Von Eva Gaupp · 14. November 2024 um 11:00

Erst der Bauzaun, dann Unterführungen, jetzt Trafo-Häuschen: Neumarkt bietet Graffiti-Künstlern eine Bühne. Akteure wie Sebastian Lohmaier beweisen, dass Streetart sehr viel mehr ist als ein schnell dahin gesprühter Schriftzug. Solche Schmierfinken sind dem Profi ein Dorn im Auge.

Mit Badelatschen, Schnorchel und Schwimmringen ausstaffiert, mit einer Wasserspritzpistole bewaffnet – so grinsen Lohmaiers Figuren von einem Trafo-Häuschen nicht nur den Jungs der Knabenrealschule nebenan entgegen. Zusammen mit gut einem halben Dutzend Sprayern hat er in den vergangenen Wochen drei dieser unansehnlichen Kleingebäude mit gelben Warnschildern im Stadtgebiet in kunterbunte Bilder verwandelt.

Neben dem Schlossbad teilen sich die Comicfiguren mit einem Buntspecht und einem knallroten Schriftzug die Flächen, an der Mühlstraße fährt ein goldener Oldtimer den Gästen vom Café Zentral entgegen. Und wer vom DJK-Gelände in Richtung Volksfestplatz läuft, stößt auf eine todunglückliche junge Frau.

Graffiti stehen bei Neumarkts Jugendlichen hoch im Kurs

Die Idee zu diesem Projekt hatte Neumarkts Streetworkerin Melanie Sassenhausen. Viele Jugendliche hätten Spaß am Sprayen – aber es fehle an legalen Wänden. Auch bei der großen Online-Befragung im Vorfeld des Jugendforums der Stadt sei das Thema immer wieder genannt worden. „Deshalb habe ich einfach mal bei den Stadtwerken angefragt.“

Und die haben ihre Trafo-Häuschen zur Verfügung gestellt. Die Stadtwerke Neumarkt engagierten sich mit Überzeugung für Neumarkt und die Region – nicht nur als zuverlässiger Versorger, sondern auch als aktiver Partner für Kunst und Kultur, teilt Sabine Schwägerl dazu mit. „Wir tragen dazu bei, das Leben in unserer Stadt noch vielfältiger und lebendiger zu gestalten“, sagt die Leiterin der Abteilung Marketing und Kommunikation. Die authentischen und kraftvollen Kunstwerke bereicherten die Stadt. „Wir freuen uns darauf, auch in Zukunft Kunst und Kultur in Neumarkt zu fördern und weitere spannende Projekte wie dieses zu verwirklichen“, bietet Schwägerl an.

Was am Ende der Kunstaktion rauskommen würde, war jedoch offen. Und genau das hat Sebastian Lohmaier besonders gereizt. Der 39-Jährige hat seine Leidenschaft für Streetart zu seinem Beruf gemacht. Er hat Grafikdesign studiert und gestaltet Wände für Unternehmen oder im Auftrag von Kommunen. Außerdem gibt er Workshops oder tritt auf Comic-Messen auf. Seine Eltern seien nicht gerade hellauf begeistert gewesen, als er ihnen erzählt habe, er wolle Künstler werden. Aber er hat es geschafft. „Ich habe mich nicht beirren lassen“, erzählt der Nürnberger und fügt lachend hinzu: „Man muss dafür schon etwas dickköpfig sein.“

Seinen Erfolg macht er auch daran fest, dass er das Handwerk gelernt hat, ebenfalls gegenständlich zeichnen kann und sich breit aufgestellt hat. Für Melanie Sassenhausen war es wichtig, einen Profi an ihrer Seite zu wissen, der die Jugendlichen mit weniger Erfahrung anleitet. Die Kosten hat sie aus ihrem Budget bestritten. Denn auch das Handwerkszeug ist wichtig. Da kommen einige Hundert Euro zusammen, erzählt sie.

Dass weder die Stadtwerke noch die Stadt Neumarkt Vorgaben gemacht haben, was die Motive anging, versteht Lohmeier als „hohe Wertschätzung“. Ähnlich wie bei Graffiti-Jams, zu denen sich die Szene trifft, um gemeinsam eine Wand zu gestalten, haben in Neumarkt mehrere Sprayer zusammengearbeitet. In der Szene ist man gut vernetzt, aber nicht alle möchten ihren Namen in der Zeitung lesen, arbeiten doch einige am Liebsten im Verborgenen.

Auch Lohmaier hat einen Künstlernamen: „KL52“. Im Gegensatz zu vielen Sprayern, bei denen die Buchstaben keine Bedeutung haben und gewählt werden, weil sie ihnen gut von der Hand gehen, steht beispielsweise das „L“ als Initial für seinen Nachnamen. Die übrigen Ziffern möchte auch er nicht verraten. Ein bisschen Geheimnis gehört in der Szene einfach dazu.

Nürnberger Graffiti-Künstler überlässt sich seiner Kreativität

Eine mehrere Quadratmeter große Fläche zu gestalten, ist für den Nürnberger kein Problem. Wenn er keine Vorgaben zum Motiv habe, überlasse er sich ganz seiner Kreativität. „Das ist wie ein Rausch. Vieles passiert freestyle.“ Trotzdem gehört jahrelange Erfahrung dazu, um klare Übergänge oder feine Linien zu ziehen.

„Wer nur etwas reinschmiert, ist szenefremd, den hat der Übermut gepackt oder es spielt Alkohol eine Rolle.“ Sebastian Lohmeier, Graffiti-Künstler

Da die Farben decken, fange man mit den großen Flächen an, setze zum Schluss die Details und Konturen. „Das ist die Königsdisziplin“, sagt Lohmaier. Dabei spielten der Druck in der Dose und der Sprühkopf eine Rolle. „Aber man muss auch gewisse Tricks kennen und Fingerfertigkeit besitzen.“ „Can Control“ sagen die Insider dazu – die Kontrolle über die Sprühdose ist das A und O, um die Farbe richtig zu dosieren.

Graffiti: Vergängliche Schönheit

Es ist nicht geplant, die Trafo-Häuschen der Stadtwerke in absehbarer Zeit umzugestalten. Aber nicht selten werden Graffiti auf öffentlichen Wänden übersprüht. „Das gehört einfach dazu. Das muss man von Anfang an lernen“, sagt Lohmaier. Deshalb halten die Künstler ihre Werke in Fotos und Filmen fest.

Trotzdem gebe es eine „Hackordnung“ oder auch einen Ehrenkodex: Wenn jemand ein bestehendes Graffito überspraye, müsse es mindestens genauso gut oder besser sein. Und es müsse sauber gemacht werden, damit das alte Motiv im neuen aufgehe.

Schmierereien ohne künstlerischen Anspruch sind ihm dabei genauso ein Dorn im Auge wie manchen Stadtvätern. „Wer nur etwas reinschmiert, ist szenefremd, den hat der Übermut gepackt oder es spielt Alkohol eine Rolle“, sagt der 39-Jährige. „Das ist sehr schade, aber es passiert leider.“

Eine Fläche eines Trafo-Häuschens an der Mühlstraße wartet noch auf seine Verwandlung im November. Damit sie nicht die letzte Fläche gewesen ist, wünscht sich Streetworkerin Melanie Sassenhausen für Neumarkt eine Wall oder eine Hall – also eine freie Fläche oder ein Gebäude – wo sich Jugendliche kreativ ausprobieren können.

Die kuriosen Badegäste hat Sebastian Lohmeier alias „KL52“ gestaltet.
Der Buntspecht lebt zwischen dem Neumarkter Schlossbad und der Knabenrealschule.
Das weinende Mädchen ziert ein Trafo-Häuschen zwischen DJK-Sportgelände und Volksfestplatz.
Ein Frosch zeigt sich auf dem Trafo-Häuschen beim DJK-Sportgelände in Neumarkt.
Zum Vergleich: So sehen Trafo-Häuschen aus, an denen sich Leute mit Spray und Stift versucht haben und eher wenig kreativ waren.
„KL52“ ist der Künstlername von Sebastian Lohmeier.
Eines der Trafo-Häuschen steht zwischen Knabenrealschule und Schlossbad.