Die Straße ist ihr Arbeitsplatz: Streetworkerin Melanie versteht sich als Sprachrohr der Jugendlichen

Nach mehr als zwei Jahren Vakanz hat Neumarkt wieder eine Streetworkerin. Die Neumarkterin Melanie Sassenhausen hat alle Hände voll zu tun und sprüht vor Ideen – auch wenn sich manche Ziele vielleicht nur langfristig umsetzen lassen.
Eigentlich hat die 27-Jährige ihre Stelle erst zum 1.Januar angetreten. Doch die gelernte Erzieherin hat ihr Anerkennungsjahr bereits im G6 absolviert und als Jugendliche hatte sie selbst das Gespräch der damaligen Streetworker gesucht. Deshalb bringt sie schon eine gewisse Erfahrung in der Jugendarbeit mit. „Es ist toll, wenn man neutrale Ansprechpartner hat – außerhalb des Elternhauses und der Schule.“
Was sie an der Aufgabe begeistert, ist, gemeinsam mit Jugendlichen ein Projekt von Anfang bis Ende zu begleiten. „Wenn sie für was brennen, bringen sie ganz viel Motivation mit und packen mit an“, sagt Sassenhausen. Umso schöner sei es, wenn in der Stadt den Kindern und Jugendlichen auch Wünsche erfüllt würden.
Graffiti steht in Neumarkt hoch im Kurs
Einer ging jetzt ganz schnell in Erfüllung: Die Stadtverwaltung hat die beiden Fußgänger- und Radunterführungen zwischen Willibald-Gluck-Gymnasium, Sonderpädagogischem Förderzentrum und Altstadt reinigen sowie grundieren lassen. Und am Freitagnachmittag durften die Nachwuchskünstler schon mit ihren Spraydosen anrücken. Deshalb hängte sich die 27-Jährige ganz kurzfristig ans Telefon und koordinierte über die Sozialen Medien eine Graffiti-Aktion mit Graffiti-Künstlern.
Sie versteht sich als Sprachrohr vor allem der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 27 Jahre, die nicht ins G6 kommen, die nicht in Vereinen und anderen Institutionen organisiert sind. Die sich auf der Straße treffen – und manchmal auch dort schlafen. „Ich bin für die da, die durchs raster fallen.“
Drogenabhängigkeit und andere Suchterkrankungen, aber auch Einsamkeit und Depressionen sind Themen, mit denen sich Mädchen und Jungen an sie wenden. Der klassische Liebeskummer ist genauso vertreten wie der Druck, sich über die Sozialen Medien Anerkennung zu holen. Dabei handle es sich durchaus nicht nur um Mädels und Jungs aus bildungsfernen Schichten, widerspricht die Streetworkerin einem Klischee: „Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom Mittelschüler bis zum Gymnasiasten.“
Ziel für Neumarkt: Eine Notschlafstelle
Ein Thema, das bereits Sigi Müller in seiner Zeit als Jugendpfleger auf der Agenda hatte, liegt auch ihr sehr am Herzen: eine Notschlafstelle für Jugendliche, die nicht zuhause bleiben wollen oder können.
„Der Redebedarf bei jungen Erwachsenen ist sehr groß“, sagt Sassenhausen. Doch die Herausforderung bei ihrer Klientel ist es gerade, sie ausfindig zu machen. Deshalb sucht die 27-Jährige die Plätze in Neumarkt auf, wo junge Leute gerne mal abhängen und sich treffen: beim NeuenMarkt, auf Spiel- und Parkplätzen, auf dem Volksfestplatz oder beim Dirtpark in der Mooswiese.
„Ich dränge mich nicht auf. Meine Arbeit ist Beziehungsarbeit. Ich will Vertrauen aufbauen.“ Wenn sie deshalb solche Treffpunkte aufsucht, verstehe sie sich als Gast. Wenn sie das Gefühl habe zu stören, gehe sie wieder und komme ein anderes Mal wieder. „Bevor sie gehen, gehe ich.“
Und da tut sich schon ein zweites großes Ziel auf, das auch die Schüler der Mittelschule West vor kurzem bei ihrer Zukunftswerkstatt kommuniziert hatten: Sie wünschen sich einen überdachten Treffpunkt, etwas abseits, wo sie Musik hören können, ohne dass sich Anwohner gestört fühlen. „Diesen Wunsch kann ich sehr gut verstehen“, sagt Melanie Sassenhausen.
Ihr ist klar, dass sich so ein Projekt nicht von heute auf morgen realisieren lässt. Aber falls es bei den Entscheidern Gehör fände, wünsche sie sich, dass es gemeinsam mit den Jugendlichen realisiert würde. „Es wird so oft etwas über die Köpfe von Jugendlichen entschieden.Deshalb ist es wichtig, etwas gemeinsam mit ihnen umzusetzen. Sie einzubeziehen“, sagt die 27-Jährige.
Einen Wunsch hat sie bereits selbst in die Tat umgesetzt: das „Café Justitia“. Dabei beantwortet ein Jurist in lockerer Runde Themen, die die jungen Leute beschäftigen. Nach der Premiere im April ist ein zweiter Termin am 23.Mai geplant zum Thema „DickPig“ und Sexualstrafrecht. Wie können sich – in diesem Fall vor allem Mädchen – wehren, wenn ihnen Fremde über die Sozialen Medien Bilder von einem Penis schicken.
Jugendarbeit – die findet in Neumarkt auch digital statt
„Das ist keine juristische Beratung“, betont der Leiter des Amts für Jugend, Bildung und Soziales, Oliver Schmidt. Aber es gebe den Jugendlichen die Möglichkeit, in kleiner Runde juristische Themen anzusprechen.
Mobile Jugendarbeit – die findet inzwischen nicht nur auf der Straße statt, erklärt Schmidt. Vor allem seit der Corona-Pandemie hielten sich viele Jugendliche vermehrt Zuhause auf. „Das war vor Corona noch anders“, bestätigt die Leiterin des Jugendbüros Anke Auer.
Melanie Sassenhausen baut deshalb derzeit zum Beispiel Angebote mit dem Onlinedienst Discord auf, der Chats, Kurznachrichten und digitale Konferenzen ermöglicht. Denn immer mehr Jugendliche nutzen inzwischen Discord.
Aber sie ist auch in Chatforen unterwegs und in den klassischen Sozialen Medien, um sich als Gesprächspartnerin anzubieten. „Ich versuche, meine Arbeit transparent zu halten und erzähle, wo ich gerade unterwegs bin. Dort können mich dann die Jugendlichen treffen.“
