In der Oberpfalz fallen mindestens 1600 gut bezahlte Jobs weg – Das müssen Betroffene tun

Die Industrie baut in der Region Regensburg massiv Stellen ab. Die Arbeitsagenturen schildern, wo derzeit die meisten Jobs wegfallen und was Betroffene beachten müssen.
Die Deindustrialisierung Deutschlands schreitet voran. Die Industrieproduktion in Deutschland liegt derzeit um fünf Prozent tiefer als noch 2011 (Quelle: Neue Zürcher Zeitung). In der Schweiz stieg der industrielle Output im gleichen Zeitraum um 40 Prozent, wenngleich natürlich auf anderem Niveau. Bislang glaubte sich Bayern noch auf einer Insel der Glückseligen. Doch die Einschläge kommen, auch mit der Krise in der Automobilindustrie mit Gewinnwarnungen bei Audi und BMW in der vergangenen Woche, näher.
Auch die heimischen Global Player ziehen Konsequenzen und reagieren mit Jobabbau. Infineon Technologies geht von einem mittleren dreistelligen Bereich in Regensburg aus. Vitesco, das kürzlich von Schaeffler geschluckt wurde, reduziert 734 Arbeitsplätze. ams-Osram verkündete diese Woche, dass 142 Stellen in Regensburg wegfallen sollen. Und Aerumtec mit 120 Arbeitsplätzen schließt ein Werk in Bad Kötzting. Und vergangene Woche verkündete der Weidener Traditionsbetrieb Eisen Knorr seinen Mitarbeitern, das Werk bis Ende 2025 zu schließen – 113 Mitarbeiter verlieren dadurch ihren Arbeitsplatz. Läpple in Teublitz habe keinen Stellenabbau angekündigt, ist aber in wirtschaftlich schwieriger Lage. „Dort sind wir in Verhandlungen über einen Ergänzungstarifvertrag, in dem es um Beiträge der Beschäftigten geht, um die Zukunft des Standortes zu sichern“, schildert Rico Irmischer von der IG Metall.
Insgesamt sind damit etwa 1600 Stellen allein in den vergangenen Monaten in der Oberpfalz weggefallen – und zwar zumeist in eher gut bezahlten Berufen.
Logistik besonders betroffen
Doch kommt diese dramatische Entwicklung schon bei den Arbeitsagenturen an? Bedingt, wie die beiden Agenturen unseres Verbreitungsgebiets mitteilen. „Der Anstieg verläuft moderat, von großen Einbrüchen am Arbeitsmarkt sind wir bisher verschont geblieben“, sagt Robert Brüderlein, Sprecher der Arbeitsagentur in Regensburg. Steigende Arbeitslosenzahlen führen auch zwangsläufig zu einem höheren Beratungsaufkommen. Doch in dem für Regensburg Stadt und Land, Kelheim und Neumarkt zuständigen Arbeitsagentur ist dies bisher noch nicht der Fall.
Besonders hohe Arbeitslosenzahlen verzeichne die Agentur in den Bereichen Verkehr und Logistik mit 1364 Betroffenen, Handel mit 1244 und Unternehmensführung sowie Organisation mit 1181. Auch Sicherheitsberufe seien mit 1092 Betroffenen und Berufe im Bereich Fertigungstechnik mit 919 Arbeitslosen stark betroffen. Diese Zahlen spiegelten die Zugänge der letzten zwölf Monate wider und gäben Aufschluss darüber, wo die größten Herausforderungen lägen.
Bezogen auf das Anforderungsniveau gebe es bei den Helferberufen den größten Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr. Brüderlein erläutert, dass die Arbeitslosigkeit insgesamt um 14,7 Prozent gestiegen sei, bei Helfern jedoch um ganze 23,2 Prozent. „Auch bei Fachkräften und Experten beobachten wir einen Anstieg von 19,1 beziehungsweise 18,9 Prozent.“ Dies untermauere das bekannte Bild, dass eine höhere Qualifikation besser vor Arbeitslosigkeit schütze.
Noch ist das so. Experten befürchten, dass die Verbreitung von Lösungen mit Künstlicher Intelligenz gerade die Hochqualifizierten unter Druck setzen könnten. Im Moment stehen die Jobaussichten jedoch umso besser, je höher qualifiziert die Bewerber sind. Derzeit sind im Agenturbezirk Regensburg 5927 Stellen gemeldet, davon 1341 für Helfer, 3382 für Fachkräfte und 1204 für Experten oder Spezialisten. Agentursprecher Brüderlein hebt hervor, dass nur etwa ein Fünftel der offenen Stellen im Helferbereich angesiedelt seien, während die Chancen für gut ausgebildete Arbeitskräfte deutlich besser stünden. „Von den 11.689 Arbeitslosen im Bezirk sind über 50 Prozent im Helferbereich gemeldet. Das zeigt, dass es für Helfer weitaus schwieriger ist, eine neue Anstellung zu finden, als für besser qualifizierte Arbeitsuchende.“
Auch Brüderleins Kollegin Eva Plößner von der Agentur für Arbeit in Schwandorf sagt: „Derzeit haben im Agenturbezirk Schwandorf etwa 60 Prozent der Arbeitslosen Helferniveau, 25 Prozent sind Fachkräfte, knapp sieben Prozent Experten oder Spezialisten.“ Generell halten die Betriebe ihr Fachpersonal, so die Sprecherin. „Vorrangig werden ungelernt Kräfte freigesetzt.“ Auch in der Arbeitsagentur Schwandorf ist im Moment noch kein erhöhter Beratungsbedarf gegeben. „Allerdings nehmen die Anfragen zum Thema Kurzarbeit zu, da Firmen in der Regel über diesen Weg ihre Arbeits- und Fachkräfte im Betrieb halten wollen“, sagt Plößner. Doch was ist zu tun, wenn der eigene Konzern einen Stellenabbau ankündigt? „Wichtig ist, zwischen Arbeitsuchendmeldung und Arbeitslosmeldung zu unterscheiden,“ erklärt die Sprecherin.
Solange man keine Kündigung erhalten habe, sei die „Arbeitsuchendmeldung“ freiwillig, könne jedoch sinnvoll sein. „So kann die Agentur für Arbeit frühzeitig Beratungsgespräche planen, bei der Stellensuche helfen oder weitere Beratungsangebote bereitstellen, wie etwa die Berufsberatung für Erwachsene.“
Plößner weist darauf hin, dass eine Verpflichtung zur „Arbeitsuchendmeldung“ spätestens drei Monate vor Beendigung des Arbeitsverhältnisses bestehe, sofern eine Kündigung bereits vorliege. Erfahren Betroffene jedoch erst später vom genauen Beendigungszeitpunkt – etwa durch Erhalt der Kündigung oder eines Aufhebungsvertrags – müsse die Meldung innerhalb von drei Tagen erfolgen.
Abfindungen verhandeln
Rico Irmischer von der IG Metall schildert, dass bei rein wirtschaftlichen Entscheidungen für einen Stellenabbau Gewerkschaft und Betriebsräte nicht viel ausrichten können. Am Beispiel Schaeffler-Vitesco bedeute dies: „Betriebsrat und IG Metall werden die geplanten Maßnahmen intensiv hinterfragen und beleuchten, werden eigene Vorschläge einbringen und mit aller Kraft probieren, den Arbeitgeber davon zu überzeugen, keine Stellen zu streichen“, so Irmischer.
So oder so: Wenn der Standort Deutschland unter Druck gerät, wackeln Jobs. Und derzeit sieht es noch nicht danach aus, als wäre die Talsohle bereits durchschritten. Die Zeichen stehen eher auf weiteren Abschwung.
Kernbranchen der deutschen Industrie stehen unter Druck – Sozialabgaben explodieren
Auftragslage: Wie berichtet, steht die deutsche Industrie weiter unter Druck. Wie das Ifo-Institut in einer Umfrage ermittelte, klagten im Oktober 41,5 Prozent der Unternehmen über einen Auftragsmangel. Das ist der höchste Wert seit der Finanzkrise 2009, so das Institut weiter.
Druck: Besonders betroffen ist demnach die Metallerzeugungs-Industrie. 68,3 Prozent der Unternehmen gaben an, eine mangelnde Auftragslage zu verzeichnen. In der besonders für Bayern wichtigen Automobilindustrie klagten 44,3 Prozent der Unternehmen über Auftragsmangel.
Abgaben: Unter Druck gerät die deutsche Wirtschaft auch aufgrund steigender Kosten für das Personal. Das Niveau der Abgaben steigt in den kommenden Monaten – je nach Krankenkasse – sogar über die Rekordwerte von 42 Prozent Abgabenlast am Ende der Ära Kohl 1998.
Bedarf: Zwar ist die Zahl der Arbeitslosen mit drei Millionen heute niedriger. Das Bürgergeld wird bekanntermaßen über die Steuereinnahmen finanziert. Doch die Kassen haben bereits ihren Bedarf für 2025 angemeldet, zudem werden die Rentenbeiträge steigen müssen.