„Schikane der Stadt“: Legendäre Bordell-Königin hat endgültig genug – Juliska-Bar steht zum Verkauf

Von Philip Hell · 9. November 2024 um 19:00

Sie hat endgültig genug: Nach über 50 Jahren will Juliane Streich die Juliska-Bar nun ein für alle Mal zusperren. Im wohl ältesten Bordell der Stadt Regensburg könnte damit das Rotlicht für immer ausgehen. Beim MZ-Besuch in dem legendären Haus in Reinhausen kritisiert die „Königin der Nacht“ die Stadt scharf und sagt: „Ich habe richtig Angst vor weiteren Kontrollen.“

Von ihrem Thron auf der Eckbank sieht die Bordell-Königin alles. Immer wieder geht der Blick von Juliane Streich nach rechts oben. Ein Bildschirm hängt dort, auf ihm sieht man jeden, der die Juliska Bar in Reinhausen betritt. Ein Mann huscht über den Bildschirm. Die Mütze hat er tief ins Gesicht gezogen. Streich springt auf und verschwindet in den Gang. „Zu wem willst du?“ Der Mann nennt einen Namen. „Zweiter Stock.“ Streich setzt sich wieder. Einst lag der Bordell-Betreiberin das Regensburger Rotlicht-Milieu zu Füßen. Heute liegen da nur noch einige Schreiben der Stadtverwaltung, die Streich wütend machen. So wütend, dass sie Regensburg nun ein für alle Mal den Rücken kehren möchte.

In einem Schreiben fordert die Stadt insgesamt 3000 Euro von ihr. Bei einer Kontrolle seien im September einige Missstände zutage getreten. So hätten „Damen“, wie die Stadt die Prostituierten nennt, Arbeits- und Schlafzimmer vertauscht. Zudem gebe es Probleme mit dem Notrufsystem und Unterlagen seien offen herumgelegen. Streich brütet seit Wochen über den Unterlagen. Spricht sie über die Forderungen der Stadt, redet sie sich regelrecht in Rage. „Was geht mich das an, was die da oben macht?“

Eines räumt Streich allerdings ein: Ja, die Unterlagen seien in der Küche herumgelegen. Die Kontrolleure seien allerdings zum Wochenstart gekommen, da sei es meist etwas hektisch, da am Sonntag neue Frauen kommen. Kann also gut sein, dass sie in der Aufregung ein paar Blätter liegen lassen hat. Woran sich Streich allerdings am meisten stört: der Vorwurf der Stadt, die Küche sei für „jeden zugänglich“. „Hier soll jeder reinkommen können? Weißt du, was dann als erstes leer wäre? Der Kühlschrank.“ Streich zeigt auf das brummende Gerät an der Wand. Darin stehen teure Champagnerflaschen.

Juliska-Bar in Regensburg vor dem Aus: Das Schild des Anstoßes

Die Bordell-Königin hält es nicht mehr auf ihrem Thron. Sie springt vom Küchentisch auf, um durch ihr Lebenswerk zu führen. Zügig geht sie bis in den dritten Stock hinauf. Sie klopft an einer Tür. Eine leicht bekleidete Prostituierte öffnet. Aus dem hell erleuchteten Treppenhaus geht es hinein in eine düstere Wohnung. Aus einem Zimmer schimmert rotes Licht. Unter dem mit Stoff verhängten Dachfenster steht ein Tisch. Darunter ein Paar High Heels, darauf eine stattliche Dildo-Sammlung. An der Tür hängt ein Schild: „Arbeitszimmer“.

Die kleine metallen schimmernde Platte ist ein Teil des Problems. Bei der Kontrolle hatten der Stadt zufolge Prostituierte im Arbeitszimmer geschlafen und andersherum. Juliane Streich kann nur den Kopf schütteln. „Soll ich immer hochgehen und nachschauen?“

Die 78-Jährige ist eine Institution des Regensburger Rotlichtmilieus. 1973 eröffnete das Bordell. Der Reinhausener Pfarrer hat zuvor noch versucht, das zu verhindern. Doch auch 3000 Unterschriften halfen nicht. Das leuchtende rosa Herz hat viele Regensburger gesehen, die auf der Suche nach der kurzen Liebe sind. Auch Juliane Streich, genannt Juliska, hat viel gesehen. Entstanden aus einer Vergewaltigung hat sie ihr Leben der Liebe − oder besser: dem Liebe machen – gewidmet. In über 50 Jahren als Bordell-Betreiberin hat sie einiges mitgemacht. „Eine Anzeige habe ich aber nie bekommen.“ Das Vorgehen der Stadt? „Eine Schikane! So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich habe richtig Angst vor weiteren Kontrollen.“

Streich steigt ein Stockwerk tiefer. Entlang der Stiege ist ein Treppenlift installiert. „Für die Älteren“, sagt die 78-Jährige. Denen gehe es dann aber nicht mehr um Sex. „Die wollen reden – und kuscheln.“ Die Bordell-Königin klopft an eine Tür und schließt sie auf. Eine Asiatin sitzt im Bademantel am Küchentisch. Vor sich hat sie ein Glas Orangenlimonade und ein Tablett, auf dem sie die Bilder der Überwachungskamera sieht. Neulich sei ein junger Mann für sie dagewesen, sagt Streich zu der Prostituierten. „Das war Max“, antwortet sie. An dem Tag sei sie müde gewesen, da habe sie nicht arbeiten wollen. „Aber der kommt wieder.“ Die Prosituierte lacht. Sie solle noch an die Wäsche denken, sagt Streich der jungen Asiatin. „Ja, Mama“, antwortet die. Streich lacht kurz. „Die nennen mich hier alle Mama.“

Sackgasse? Find ich gut!

Zurück in der Küche. Die Bordellkönigin nimmt wieder auf ihrem Thron Platz. Ihr Blick geht nach schräg oben. Der Freier von vorhin schleicht aus dem Haus. Es dauert nicht lang, da poltert es auf der Treppe und Sandra betritt den Raum. Der echte Name der Prostituierten soll hier nicht auftauchen. Auch ihr Alter nicht. Die Frau ist hoch aufgeschossen und kräftig. Man sieht, dass sie mal Kampfsport gemacht hat. Ihr Haar ist blond, die Wangenknochen markant. In ihrer Wohnung stellten die Kontrolleure der Stadt Mängel fest. Ein Notfalltelefon fehlte. „Ich komm mir langsam vor wie entmündigt“, sagt die Frau und wiederholt es noch mal im breitesten Österreichisch: „I komm mir vor wia a Doadl.“ Ein Telefon in jedem Zimmer – für ihre Sicherheit? Nicht nötig, sagt die Prostituierte. „Wenn ich Stress mit einem Kunden habe, werd ich das mit dem Gast klären.“ Die Prostituierte betont jedes Wort. Überhaupt, sagt Sandra: „Die sollen sich mal die anderen Appartements anschauen. Da schlafen die Frauen in Stockbetten. Da würde ich nicht mal meinen Hund reinstecken!“ Streich nickt immerzu, während die Prostituierte spricht.

Die Stadt sagt zu alledem: nichts. Man äußere sich nicht zu laufenden Verfahren, lässt eine Sprecherin ausrichten.

Und jetzt? Streich will ihre Juliska-Bar endgültig verkaufen. Zwei Millionen Euro möchte sie dafür haben. Das Makler-Unternehmen Remax wirbt mit „Die andere Art der Immobilie!“ für das Objekt. Sollte es mit dem Verkauf nicht klappen, mache sie einfach Studenten rein, sagt Streich. Eins ist klar: „So eine Schikane mach ich nicht mehr mit!“

Und wie geht es mit ihr selbst dann weiter? Die 78-Jährige holt ihr Handy raus und wischt durch die Foto-Galerie. Sie zeigt Bilder ihres Gartens, daheim bei Frankfurt. 2000 Quadratmeter hat sie dort. Mitten in einem kleinen Dorf. „Das ist eine Sackgasse. Sowas find ich gut.“

Hier arbeitet eine Prostituierte. Schlafen darf sie in diesem Bett allerdings nicht.