Einblicke in das Leben einer Domina: Von Sex, Bürokratie und tränenreichen Gesprächen mit Kunden

Von Daniel Pfeifer · 4. November 2024 um 19:00

Lady Kim erfüllt Wünsche, die niemand jemals laut in der Öffentlichkeit äußern würde. Sie bedient Fetische, die für weite Teile der Gesellschaft unaussprechlich sind. Was ihr ihre Kunden anvertrauen, würden sie weder ihren Freunden, ihren Therapeuten und schon gar nicht ihren Partnern erzählen. Lady Kim ist Domina.

In einem seltenen Einblick erzählt die 47-jährige Regensburgerin, was in ihren Studios in Regensburg und Ingolstadt vorgeht, warum ihre Arbeit in weiten Teilen aus Bürokratie besteht und wie sich die Branche der Sexarbeit in der Region gewandelt hat.

„Ich bin Sadistin“, sagt Lady Kim. Um den heißen Brei herumzureden, liegt ihr nicht. Aufgewachsen an der Donau in Baden-Württemberg, kam sie 2010 nach Regensburg, ein Jahr später eröffnete sie ein Erotikstudio, 2021 folgte ein Dominastudio in Ingolstadt. Die Menschen, die zu ihr kommen, wollen erniedrigt werden. Manchen reicht es, sich an einer starken Frau in Leder zu ergötzen, andere suchen Schmerz, wieder andere Entmannung und manche wollen Windeln tragen. „Jung, alt, normale Arbeiter bis zum Manager“ seien darunter, sagt Lady Kim.

Fetisch und Verletzlichkeit

„Mich macht es glücklich, wenn ich jemandem die innersten Fantasien erfüllen kann“, sagt sie. Dabei verurteile sie die Menschen nicht für ihre Vorlieben, solange diese nicht rechtlich problematisch sind. Dies stehe ihr nicht zu, außerdem würden ihre Kunden ohnehin genug unter Stigmatisierung leiden. „Ein Mensch kann daran kaputtgehen, all das zu unterdrücken“, sagt sie. Viele Kunden müsse sie im Vorgespräch beruhigen, weil sie so aufgeregt seien. Wenn diese Scham im Anschluss von ihnen abfalle, und sei es nur für einen Moment, löse das große Gefühle aus. Die „Nachsorge“ gehöre mindestens ebenso zu ihrem Beruf wie das gezielte Verletzen, sagt sie.

„Auch ich komme manchmal an meine Grenzen“

„Ja, ich bin Sadistin. Aber ich bin auch empathisch. Einige Kunden liegen mir nachher weinend in den Armen, dann stehen mir auch Tränen in den Augen.“ Viele Kunden würden ihr beichten, aus welchen tiefen psychischen Narben ihrer Vergangenheit heraus sich diese Vorlieben entwickelt hätten. Oft gehe dies bis in die Kindheit zurück. „Das fasziniert mich wahnsinnig“, sagt Lady Kim.

Doch ist es moralisch vertretbar, diese seelische Not kommerziell zu bedienen? „Auch ich komme manchmal an meine Grenzen“, sagt sie und erzählt von einem jungen Mann, der nach einem Unfall eine Behinderung hatte. Sein einziger Wunsch an die Domina: Er will beleidigt werden. „Da musste ich erstmal schlucken. Aber er sagte, er will einmal nicht dieses Mitleid spüren“, erzählt sie. Und so erfüllte sie ihm den Wunsch. Am Ende flossen Tränen, der Mann schüttete ihr sein Herz aus.

Zu Sex kam es nicht. Grundsätzlich habe sie als Domina – entgegen aller Stereotype – nie Geschlechtsverkehr mit ihren Kunden, sagt sie.

„Ein Job wie jeder andere“

Es ist eine individuell zugeschnittene Show, die sie abliefert – mal brutaler, mal weniger brutal. Über sexuelle Befriedigung gehe das weit hinaus. Und doch ist diese Show für die Regensburgerin nur ein Teil ihres Arbeitsalltags. Als Selbstständige kümmert sie sich um Steuern, um Mietrecht für die Frauen, an die sie Zimmer in ihren Studios überlässt, führt in Ingolstadt eine Mieterliste, gestaltet ihre Homepage, putzt, schreibt Rechnungen und kümmert sich um Bürokratie.

Berufsfeld hat sich gewandelt

„Ein Außenstehender versteht es nicht, aber es ist ein Job wie jeder andere“, sagt sie. Sie wolle nicht verharmlosen, dass die Sexarbeit Schattenseiten habe – vor allem für Frauen aus dem Ostblock, die unter wirtschaftlichen Zwängen stehen. „Aber das läuft im Verborgenen“, sagt Lady Kim. In offiziellen Bordellen gebe es längst strenge Auflagen. „Das Berufsfeld hat sich gewandelt“, sagt sie. Die Frauen seien selbstständig, zahlen Steuern, müssen sich wie Gastronomen melden und Gesundheitsscheine absolvieren. „In allen meinen Zimmern gibt es Alarmknöpfe, die direkt zur Polizei weiterschalten. Betätigt wurden sie noch nie“, sagt Lady Kim. Es könne auch ein anstrengender Beruf sein, sagt sie. „Aber ich liebe ihn. Ich kann mir nicht vorstellen,, etwas anderes zu machen.“

Zahlen zum Rotlicht in Regensburg

Gesetz: 2017 trat das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, laut dem sich in der Branche Tätige anmelden müssen. Diese umgangssprachlich „Hurenpass“ genannte Meldung brauchen auch Vermieter für Wohnungen oder Tantramassage-Praxen, was einige Verbände kritisieren.

Regensburg: Aktuell sind 332 Personen in Regensburg zur Prostitution angemeldet, so die Zahlen der Stadt. Genau könne man es aber nicht sagen, da die Meldung bundesweit gültig sei „und viele Personen im Bereich der Prostitution teilweise wöchentlich den Arbeitsort wechseln“. Lady Kim schätzt die echte Zahl auf die Hälfte – Adressen gebe es circa 20.

Bußgeld: Verstöße gegen die Meldepflicht gab es 2023 in vier Fällen sowie heuer in drei Fällen. Es können Bußgelder bis zu 1000 Euro verhängt werden.