Nach 50 Jahren: Die Bordellkönigin von der Juliska-Bar verlässt Regensburg

Von Marion Koller · 18. November 2023 um 05:00

Das rosafarbene Gebäude in Reinhausen kennt fast jeder Regensburger: Die Juliska-Bar. 50 Jahre lang sind dort Männer auf der Suche nach Sex und Unterhaltung ein und ausgegangen. Jetzt hat das ein Ende. Juliane Streich (77) schließt das Etablissement.

Juliane Streich greift nach dem Schlüsselbund und führt durch ihr verwinkeltes Haus. Die Theke der Juliska-Bar ist in dunkles Rot getaucht. Lichterketten markieren die gepolsterten Hängesessel vor der Tabledance-Bühne. Rüschenvorhänge und Palmen schmücken den Raum. Im Büro dahinter stapeln sich auf einem Tisch amtliche Schreiben, Fotos und Zeitungsausschnitte. Von hier aus verwaltet die 77-Jährige den Nachtclub. In ihrem Wohnzimmer im zweiten Stock, wo Porzellanpuppen hinter Glas sitzen, verbringt Streich nur wenig Zeit.

Das rosafarbene Gebäude in Reinhausen kennt fast jeder Regensburger. 50 Jahre lang sind dort Männer auf der Suche nach Sex und Unterhaltung ein und ausgegangen. „Jung, alt – alles war da“, sagt sie. Jetzt verkauft die Bordellkönigin das Gebäude von 1880. Zwei Millionen Euro will sie dafür haben. Geschäftstüchtig war Juliane Streich schon immer. Sie ist im Waisenhaus aufgewachsen, in der Thundorferstraße auf den Strich gegangen und besitzt heute Immobilien in Regensburg und Frankfurt.

Mordnacht im Club Erotica

1973 kaufte sie das Anwesen in Reinhausen 5. Noch arbeiten „Mädchen“, wie Streich die Prostituierten nennt, in den Apartments. Wochenweise reisen sie aus Ungarn oder Rumänien an. Die Juliska-Bar öffnet jeden Abend. Juliane Streich wohnt mit ihrem Mann Uwe in dem Gebäude.

Aber nicht mehr lange. Sobald Maklerin Daniela Hecker von Remax einen Käufer gefunden hat, wird das Paar ausziehen. „Ich habe keinen Bock mehr darauf, das sind nur noch Auflagen und Abzocke“, schimpft Juliane Streich über die Behörden. „Ich soll Arbeitszimmer und Privatzimmer der Mädchen bestimmen, ich soll Gummis hinlegen. 24 Stunden soll jemand aufpassen, dass denen nichts passiert.“

Corona hat vieles verändert. Vor der Pandemie animierten und tanzten die Prostituierten im Nachtclub. Heute nutzen sie nur die Apartments. „Das heißt, es geht wenig in der Juliska-Bar“, bedauert Streich. „Ich trenne mich nicht schwer.“

Ins Waisenhaus kam sie als kleines Mädchen, weil ihre Mutter nach der Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten schwanger geworden war und das Kind deswegen nicht annehmen konnte.

Mit 19 brachte Juliane Streich ihren Sohn auf die Welt und heiratete. „Dieser Mann war ein schreckliches Muttersöhnchen“, erzählt sie. An ihr sei die ganze Arbeit hängengeblieben. Die Ehe zerbrach. Die mittellose junge Frau bat den Pfarrer um Hilfe, doch der wies sie ab.

Streich sah nur einen Weg, um aus der Misere herauszukommen: den Straßenstrich. „Ab 1968 bin ich auf der Thundorferstraße gegangen.“ Sie verdiente ihr Geld als Domina. „Da konnte ich die Kunden schlagen und brauchte sonst nichts zu machen. Ich hatte damals so einen Hass auf die Männer.“ Bald führte Streich den Club Erotica im Hackengässchen und erwarb ein Haus in der Thundorfer Straße. Eines Nachts erschoss der Zuhälter Peter Berger 1971 im Erotica seinen Nebenbuhler Klaus Mannstaedt. „Beide liebten die Chefin Juliska“, schrieb die Mittelbayerische 2014 in einer Mordserie. „Streich gehörte zu den begehrtesten (...) Gunstgewerblerinnen der Stadt, die nicht auf die kriminelle Bahn geriet, sondern es zu beträchtlichem Wohlstand brachte.“ Sie fuhr einen goldfarbenen Ford Coupé Officine Stampaggi Industriali.

Juliane Streich kämpfte ihr ganzes Leben gegen Vorurteile. Als sie sich für das Anwesen Reinhausen 5 interessierte, habe die katholische Kirche den Kauf verhindern wollen und 3000 Unterschriften gesammelt. Schulkinder sollten nicht mit Fotos knapp bekleideter Frauen konfrontiert werden.

Luxus-Auto in Gold

Ihren kleinen Sohn betreute eine Bauernfamilie. Die Wochenenden verbrachte die Mutter mit ihm. Als ihr Ex-Mann erreichte, dass ihr die Behörden den Umgang verboten, holte sie den Jungen ab und setzte ihn ins Auto. „Ich bin durch das geschlossene Tor gefahren.“ Die Ehen mit einem Fußballer und einem US-Amerikaner scheiterten. Immer sei zuerst das Geschäft gekommen, dann die Kinder und an dritter Stelle der Partner. Mit ihrem heutigen Mann Uwe, den sie aus dem Waisenhaus kennt, ist die Club-Chefin seit vier Jahrzehnten verheiratet. Stolz ist sie auf ihren Sohn und die drei Töchter, die alle studiert haben.

Streich und ihr Mann werden in ihr Haus bei Frankfurt umziehen. Die Regensburgerin freut sich auf den Garten, wo sie Gemüse anbaut. „Ich will weg, weil mich hier jeder kennt.“

Vier Kinder hat die Nachtclub-Chefin aufgezogen. Foto: Streich
Hier gingen viele Regensburger aus und ein. Foto: Lex
Heute trägt Streich einen grauen Dutt. Foto: Koller