„Reise nach Laredo“: Arno Geiger stellt in Regensburg sein neues Buch vor

„Sich nicht mehr an Errungenes klammern, das ist Erlösung“, sagt Arno Geiger. In einem Roman legt Karl legt die Kronen ab und sucht den Menschen hinter der Macht.
Niemand pfeffert so effektvoll schlechte Bücher auf die Resterampe wie Denis Scheck in der Sendung „Druckfrisch“, begleitet von mit einem einzigen vernichtenden Satz wie: „Dafür ist meine Lebenszeit zu schade!“ Von Arno Geiger aber ist der Literaturkritiker hingerissen. „Eine lebensverändernde Lektüre“ legt er dem TV-Publikum den Roman „Reise nach Laredo“ nahe. Zu sehen sein wird das beim SWR in der Dezember-Ausgabe von „Lesenswert“ – und zu erleben war es bei den Dreharbeiten am Dienstag.
Arno Geiger und Denis Scheck plaudern am Tischchen im Erker des Reichssaals. Der ideale Ort für dieses Viertelstündchen: Hier regierte Karl über ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging. Ein paar Katzensprünge von hier, in der Kaiserherberge, zeugte er mit Barbara Blomberg einen Sohn. Und beide – der Herrscher und der Junge – spielen die Hauptrollen in dem Buch.
Am Abend, sieben Stunden nach dem Dreh, stellt Arno Geiger „Reise nach Laredo“ im Theater Regensburg vor. Der Schriftsteller gilt als scheu, als einer, der sich rar macht, aber in Regensburg wollte er unbedingt lesen. „Das hat mit Pustet zu tun“, sagt er, dem Verlag, der seinen Bestseller „Der alte König in seinem Exil“ 2011 jede Woche nachdrucken musste.
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Auch „Reise nach Laredo“ ist ein Wurf. Das Buch erzählt klug und schön und wahr von einem Mann, der seine Kronen ablegt, die als König Spaniens und die als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, um zu sich zu finden. Karl, Mitte 50, gichtkrank und hässlich von jeher, zieht sich in ein Kloster in der Extremadura zurück, um zu sehen, wer der Mensch ist, der all die Jahre als Mächtiger zu kurz gekommen war. Er scheitert: Sein Umfeld kann ihn den Herrscher nicht vergessen lassen. Alle langweiligen sich, alle warten auf seinen Tod. Da trifft Karl einen Elfjährigen, der nicht an Vergangenes und Morgen denkt, der unbefangen ist und die Fesseln durch Ruhm und Rolle noch nicht kennt.
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Karls Suche, sagt Arno Geiger, hat mit jedem zu tun und ganz bestimmt mit ihm, dem Erfolgsautor. „Zurückfallen hinter das, was ich erreicht habe, möchte ich nicht. Da denke ich mir schon: Freiheit ist etwas anderes“, bekennt er im Neuhaussaal, im Gespräch mit Moderator Günter Keil. Er zitiert ein ostasiatisches Sprichwort: „Wer du bist, erfährst du, wenn das Schiff mit deinen Besitzungen untergegangen ist.“ Sich nicht länger an Errungenes zu klammern, „das ist Erlösung“.
Karl findet das Glück, von sich absehen zu können, erst an der Seite des Jungen Geronimo, der später als Don Juan d’Austria in die Geschichte eingehen wird und im Buch nicht weiß, dass der Ex-Kaiser sein Vater ist. Beide reiten eines Nachts aus dem Kloster fort, Richtung Laredo. Karl lässt los und findet das, was zählt.
„Die Leute reden viel vom Rückzug“, sagt Arno Geiger. „Aber ist glaube, Luftabschluss ist nie gut. Ich bin gegen Blasen, gegen safe spaces. Man muss sich seine Widerstandskräfte wach halten.“ Er zieht noch so einen Satz heraus, diesmal von Kierkegaard: „Die Tür zum Glück geht nach außen auf.“
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Mit einem Kopfsprung beginnt „Reise nach Laredo“, mit einer Szene, wie Denis Scheck sie „noch selten so schön“ gelesen hat: Karl nimmt ein Bad. Sein alter Körper wird in einen Zuber gehoben, der im Hof steht, und alle schauen zu. Karl will nackt sein, will mit sich ins Reine kommen. Arno Geiger schreibt in lakonischem Ton, fühlt sich in jede Faser seiner Figuren ein . Er findet kraftvolle Bilder und überraschende Bezüge. „I know I’ve done wrong“ zitiert er etwa zu Beginn aus dem Countrysong „The Streets of Laredo“, weil Karl in seinem langen schwarzen Mantel an Johnny Cash erinnert.
Karls Geschichte, das Wunder seiner Abdankung 1556, hat Arno Geiger „am Handgelenk gepackt“, sagt er, und lange nicht losgelassen. Drei Jahre hat der Schriftsteller mit dem Buch gelebt. „Das Konzept ist alles“, sagt er. Erzählt vom Schreibprozess: „Zuerst schleiche ich mich an, dann springe ich hinein.“ Früher war Schreiben eine brachiale Angelegenheit. „Ich schrieb, ohne zu essen, ohne mich zu waschen. Heute ist es besser.“ Die Angst, der Faden könnte reißen, hat sich gelegt, auch dank vieler Auszeichnungen, unter denen der Deutsche Buchpreis nur eine ist. „Laredo“, sagt Arno Geiger, „ist vielleicht mein freiestes Buch. Ich befreie nicht nur Karl und auch mich selbst.“
„Lesenswert“ am 1. Dezember im Fernsehen
Arno Geiger: „Reise nach Laredo“, erschienen bei Hanser, hat 272 Seiten und kostet 26 Euro. Arno Geiger stellte das Buch am Dienstagabend im Theater Regensburg vor, auf Einladung von Bücher Pustet.
Denis Scheck: Der Literaturkritiker spricht in der neuen Folge „Lesenswert“ mit Arno Geiger und Raoul Schrott. Der SWR strahlt die Sendung am 1. Dezember aus. – Das Format wird 2025 eingestellt.
Raoul Schrott: Er liest am 20. November (20 Uhr) in Regensburg aus „Der Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit“, alle Details: Buchhandlung Dombrowsky, dombrolit.de.