„Ungeschminkt“ – Adele Neuhauser spricht über Rolle als Transfrau und schwärmt von Regensburg

Adele Neuhauser ist extrem wandlungsfähig und scheut keine Herausforderung. Das war vor vielen Jahren so als „Mephisto“ am Regensburger Stadttheater, und es ist so in einem Film, der demnächst in der ARD ausgestrahlt wird: In „Ungeschminkt“ spielt sie eine Transfrau. Über Regensburg gerät sie ins Schwärmen.
Josefa, die einst Josef hieß, wird von der Vergangenheit eingeholt. Ihre Mutter ist gestorben, ausgerechnet sie, die Verstoßene, hat deren Haus geerbt. Von München aus geht es mit dem Bus in tiefste bayerische Provinz, nach Distelfing. Josefa trifft ihren einst besten Kumpel und ihre frühere Ehefrau, als Josef noch ein Mann war. Es bestätigt sich, was sie zuvor der besten Freundin sagte: „Für meine Familie bin ich vor 35 Jahren gestorben.“
Adele Neuhauser ist eine äußerst wandlungsfähige Schauspielerin. Sie liebt komische Rollen. Zwölf Jahre gab sie in der sehr populären ORF-Landkrimiserie „Vier Frauen und ein Todesfall“ eine schlagfertige Hobbydetektivin. Die Künstlerin, die in Athen zur Welt kam und in Wien lebt, hat auch ein Faible für düstere Charaktere. Seit 2010 spielt sie die anfangs alkoholabhängige und ausgebrannte Ermittlerin Bibi Fellner, an der Seite von Harald Krassnitzer im Wiener „Tatort“.
Neuhauser: „Ich weiß, was es bedeutet, in einem Abgrund zu stecken“
In ihrer Autobiografie „Ich war mein größter Feind“ schreibt sie von Suizidversuchen in jungen Jahren. „Durch meine Geschichte liebe ich die Abgründe“, sagt sie im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern – und lacht ihr kehliges Lachen. „Ich weiß, was es bedeutet, in einem Abgrund zu stecken.“
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In der BR-Produktion „Ungeschminkt“ gibt Neuhauser nun eine Transfrau – „eine besondere Herausforderung“, sagt sie. „Besonders wegen der Tatsache, dass viele Menschen mit dem Thema beschäftigt sind und unter ihrer Sexualität und ihrem falschen Körper leiden und sich in der Gesellschaft Häme breitmacht von wegen ,Das scheint ja jetzt Mode zu sein’.“ Sie habe sich bemüht, sich ehrlich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Die 65-Jährige ist überzeugt, dass alle „bis zu einem gewissen Grad ein Stück vom anderen Geschlecht“ in sich tragen. „Und wenn wir diesen anderen Teil genauso schätzen würden wie den eigenen, wenn Männer zärtlicher wären und keine Angst vor Schwächen zeigen würden und auch mehr Respekt vor Frauen, hätten wir weniger Femizide, weniger Kriege, weniger machtvolle Spiele. Und wenn wir Frauen den männlichen Anteil in uns auch schätzen würden, würde auch das die Welt ein wenig anders machen.“
Intensive Vorbereitung
Sie habe sich sehr intensiv auf ihre Rolle der Josefa vorbereitet, Dokumaterial gesichtet, mit betroffenen Menschen gesprochen. Im Endeffekt laufe es, so ist sie sich sicher, „immer darauf hinaus, wie wir Menschen miteinander umgehen“.
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Die Schauspielerin spricht von tragischen Momenten im Film, etwa den gewalttätigen Vater. Es gibt aber auch höchst unterhaltsame Momente. Viele Szenen gehen tief und nicht selten wünscht man sich, diesen ergreifenden Film auf Kinoleinwand zu sehen. Neben Neuhauser brillieren Eva Mattes als Josef(a)s Ex-Frau, Ulrich Noethen als „Blume“, einst bester Freund, und Hayal Kaya als Josefas jetzt beste Freundin – die nicht nur im Film eine Transfrau darstellt, sondern diesen Schritt auch im richtigen Leben gegangen ist. „Ich bin ein lebendes Beispiel dafür, dass ein anderes Leben möglich ist“, sagt Hayal Kaya.
Für Theater fehlt aktuell die Zeit
Neuhauser kann über mangelnde Rollenangebote nicht klagen. Theater spielt sie nicht mehr, wie einst in Regensburg und Ingolstadt, dafür fehle ihr die Zeit. In Ingolstadt spielte sie in „Maulheld“ und „Commedia dell'arte“, wo das Publikum etwas enttäuscht gewesen sei, „weil zu wenig Bühnenbild da war – aber dann haben wir sie doch mit der Aufführung überzeugt“. Und Regensburg werde „ewig eingebrannt bleiben“, kommt sie ins Schwelgen. Dort habe sie Rollen wie Mephisto oder die Callas gespielt und Lady Macbeth. „Hallelujah, das sind wirklich große Kapazunder“, spricht sie noch heute mit großem Respekt von dieser Zeit. Regensburg sei „eine unglaublich schöne Stadt mit einem wirklich schönen Theater“. Als sie in die Stadt kam, habe es Überlegungen gegeben, das Schauspiel zu schließen, nur das Musiktheater zu behalten. „Wir haben es geschafft, das Schauspiel so interessant und attraktiv zu machen, dass die Frage sich nicht mehr gestellt hat. Das macht mich sehr stolz.“ Im „herrlichen Lokal Orphée“ habe sie außerdem ihre wunderbare Freundin Marion kennengelernt.
Was steht an? Beruflich „drehen, drehen, drehen, Tatort, Tatort, Tatort“, antwortet sie. Und dann hoffentlich „ein sehr schönes Projekt, eine Komödie“, ohne mehr zu verraten. Privat halten zwei Enkel sie auf Trab. „Die kleine Anouk ist vor Kurzem in die Schule gekommen und der kleine Bela ist ein ein Jahr altes und sehr forderndes Rabaukerl.“
„Ungeschminkt" hatte Premiere beim Filmfest München 2024. Die TV-Erstausstrahlung läuft am 13. November (20.15 Uhr) bei ARD, der Film ist bereits bei ARD-Mediathek abrufbar.