Kein Gewissen, kein Herz: „Riefenstahl“ entlarvt die NS-Regisseurin als unbelehrbare Lügnerin

Von Marianne Sperb · 3. November 2024 um 14:45

Produzentin Sandra Maischberger stellt im Regina-Kino ihre Dokumentation „Riefenstahl“ vor. Aus 700 Kisten Nachlass ist ein fesselndes Zeugnis über die Hitlerfreundin entstanden, die bis zuletzt geleugnet hat.

Wenn die Sprache auf die NS-Zeit kommt, reagiert Leni Riefenstahl immer gleich: Sie verdreht leicht die Augen, die Züge um den Mund werden hart und man meint förmlich zu sehen, wie sie innerlich ihre Abwehr in Stellung bringt, um in den diversen TV-Interviews der 1960er und 1970er ihre Beteuerungen abzufeuern: „Ich habe keine Scheußlichkeiten gar nicht gesehen!“, „Ich habe nichts gestellt, nur dokumentiert“, und: „Ich habe nichts gewusst.“

Regisseur Andres Veiel lässt der weltberühmten, weltweit umstrittenen Leni Riefenstahl beim Lügen zusehen. Das ist das Verdienst der entlarvenden Doku, die gerade auf allen Kanälen Furore macht. Am Samstag stellte Produzentin Sandra Maischberger „Riefenstahl“ im Regina-Kino vor – vor vollem Saal und vor einem Publikum, das viele Fragen hatte.

Nach dem Tod von Horst Kettner (1942-2016), mit dem Leni Riefenstahl (1902-2003) ab 1967 Leben und Arbeit teilte, fiel der Nachlass an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Maischberger erhielt den Erstzugriff auf 700 Kisten voller Fotos, Filmstreifen, Tonbänder, Briefe. Das Konvolut hatte Riefenstahl offensichtlich sortiert und arrangiert, nur eins der Details: Im Telefonbuch fehlte die Seite mit „H“. „Sie erzählt davon, wie sie erinnert werden möchte – und welche Bilder man vergessen soll“, spricht im Film die Stimme von Ulrich Noethen aus dem Off.

Lesen Sie mehr: Eine Liebe in Kallmünz: Vielschichtiger Kinofilm über Münter und Kandinsky

„Wer war Riefenstahl? Und was bedeutet sie heute? Das waren unsere Kernfragen“, sagt die TV-Journalistin im Regina. Ihr Film ist kein Biopic, kein Porträt, sondern eine Spurensuche mit durchaus suggestivem Zugriff und mit politischer Botschaft – eine Warnung vor Desinformation und Populismus, die auch heute die Demokratie bedrohen. „Wir haben uns entschieden, einen Film zu machen, der unterschwellig wirken soll“, sagt Maischberger. „Riefenstahl hat immer ihre Version dargestellt. Der Film ist ein Versuch, das zu dekonstruieren. Ein Gegenentwurf.“

Riefenstahl macht Bilderbuch-Karriere. Sie setzt sich als Frau in der Männerwelt durch, eine Besessene, die 100 ist, als sie ihren letzten Film vorstellt. Als Schauspielerin riskiert sie am Berg ihr Leben, als Regisseurin revolutioniert sie mit neuen Schnitten und Kameraperspektiven den Film. „Olympia“, gedreht bei den Spielen in Berlin 1936 als teuerstes Doku-Projekt der Filmgeschichte, zählt das Time-Magazin noch 2010 zu den „100 besten Filmen aller Zeiten“. Auch in „Triumph des Willens“ über den Reichsparteitag 1934 in Nürnberg feiert Riefenstahl das Bild von schönen, starken Siegern in einem neuen Deutschland unter Adolf Hitler. Die Doku blendet die ikonischen Bilder ein – Turmspringer im Flug in den endlosen Himmel, ein Meer wogender Hakenkreuz-Fahnen und durchgestreckter Arme – zoomt aber nicht auf ein künstlerisches Genie, sondern auf eine manipulative, gerissene, von Ehrgeiz und Egozentrik getriebene Frau, die faschistische Idole glorifiziert und ein rassistisches Weltbild verbreitet, das die Schwachen verachtet. Selbst ihre Nuba-Bilder 1973 fotografiert sie mit kolonialem Blick. „Es geht nicht um Politik, sondern um Ideologie, nicht um Kunst, sondern um Propaganda“, sagt Maischberger. Eine Trennung von Werk und Autor – eine virulente Frage von Caravaggio und Richard Wagner bis Kevin Spacey und Anna Netrebko – verweigert die Doku. „Man darf es nicht trennen“, sagte Regisseur Andres Veiel in der SZ. „Man muss beidem Raum geben.“

Lesen Sie mehr: Überraschend aktuell: Harald Lesch und Rainer Bock interpretieren Texte vom Wortakrobaten Hüsch

Der Film zeigt Riefenstahl als Frau ohne Gewissen und ohne Herz. Er konfrontiert ihr Selbstbild mit den Fakten. Im Nachlass findet sich etwa ein Kinderfoto vom Dreh zum Hetzfilm „Tiefland“ aus den 1940ern, lieb beschriftet mit „Siegfried unser kleiner Zigeunerjunge“. Die Doku liefert dazu den Rahmen: Viele der 50 Sinti und Roma, die Komparsen spielen mussten, kamen im KZ um. Riefenstahl behauptete eisern, sie habe sie später lebend gesehen. Und Willi Zielke, ihren genialen Kameramann, dem sie einen Teil ihres geborgten Ruhms verdankt, lässt sie 1938 – da ist Zielke in eine Anstalt eingeliefert und zwangssterilisiert – im Abspann löschen.

Die Doku zeigt eine grotesk eitle Frau. Sogar von sexuellen Nachstellungen durch Joseph Goebbels, den Oberpropagandisten des Massenmords, erzählt Riefenstahl fast triumphierend, wie von einem Beleg, was für ein tolles Weib sie war.

Sie stellt sich als Opfer hin

„Nur die Kunst hat mich interessiert“, beteuert die Hitlerfreundin im Film. Hätten Roosevelt oder Stalin sie beauftragt, „ich hätte mein Bestes gegeben“. „Für mich waren das Rattenfänger-Filme“, kontert eine Zeitzeugin 1976 im TV-Interview. Riefenstahl, die sich als Opfer hinstellt, und „die Wunde“ beklagt, unter der sie leide, erhält Hunderte Briefe, die zu ihrer „mutigen Haltung“ gratulieren. Ein Akt der Selbstentlastung, so deutet Maischberger. „Wenn Riefenstahl es nicht wusste, musste sie auch nichts gewusst haben.“

Die Doku fesselt in jeder ihrer 115 Minuten. Die Fülle an Details und Schnipseln, nicht immer einsichtig konsequent in Vor- und Rücksprüngen erzählt, macht, was gute Filme tun: Sie lässt viel erkennen und beschäftigt einen lang.

Hätte auch für Roosevelt oder Stalin ihr Bestes gegeben: Leni Riefenstahl Foto: Majestic, Bavaria Media