Eine Liebe in Kallmünz: Vielschichtiger Kinofilm über Münter und Kandinsky

Von Peter Pavlas · 3. November 2024 um 14:08

Im Frühsommer wurde in und um Kallmünz die Romanze zwischen dem Maler Kandinsky und seiner Studentin Münter verfilmt. Jetzt läuft das Werk von Marcus O. Rosenmüller in den Kinos und erzählt die Qualen einer emanzipierten Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Regensburg. Im späten Frühjahr war Drehbeginn, nun ist der Film „Münter und Kandinsky“ im Kino angekommen. Die Aufnahmen fanden teilweise am Originalschauplatz Kallmünz statt. Marcus O. Rosenmüller führte Regie, Alice Brauner verfasste das Drehbuch. Namche Okon führte die Kamera. Nicht nur bei den Dreharbeiten an Vils und Naab war das Interesse groß, dem abgeschirmt agierenden Team auf die Finger zu schauen. Möglich war dies aber nicht. Die Ausstellung „Farben der Liebe“ in Kallmünz hatte kurz vorher auf die Werke hingewiesen, die der Malerfürst und seine junge Geliebte im und rund um den Ort geschaffen hatten.

Lesen Sie hier: Koch und der vermooste Panda von Henscheid

Wie sind nun bekannte Locations zu sehen, wie kommt die Liebesgeschichte rüber, die nicht unwesentlich zur Selbstidentifikation des Marktes als Künstlerort beiträgt? Das Produkt ist vielschichtig und überzeugt über weite Strecken.

Zur Handlung: Die junge, talentierte Gabriele Münter leidet um die Wende zum 20. Jahrhundert darunter, dass ihr als Frau der Weg zur Perfektionierung ihrer Kunst versperrt ist. In den Vereinigten Staaten war ihr bewusst geworden, wie gleichberechtigt Frauen bereits sein konnten. In München findet sie den bereits arrivierten Lehrer Wassily Kandinsky, der ihr die Pinselführung erklärt – und der zudem amouröse Ambitionen auf seine Studentin hat.

Softe Bilder, wabernde Orgel

In Kallmünz kommen sich die beiden sehr nahe, verloben sich sogar heimlich. Doch öffentliche Anerkennung findet Ella Münter in den folgenden Jahrzehnten in der männlich dominierten Kunstwelt kaum. Letztlich bekennt sich Kandinsky auch nie nachhaltig zu ihr.

Die beiden Film-Protagonisten Vanessa Loibl und Vladimir Burlakov tun als junge Leute schöne Dinge. Die für einen Kinoerfolg wohl unabdingbare Liebesgeschichte nebst geschmackvoll fotografierten Szenen am Bootssteg und in der „Roten Amsel“ in Kallmünz sind unterlegt mit softem Bläserklang und einer wabernden Orgel. Hinzu kommen berauschende Landschaftsaufnahmen von Wiesen, Wolken und Bergen. Nahaufnahmen von Mimik und Maltechnik ziehen die Zuschauer ins Geschehen, lassen erleben, wie Farben plötzlich förmlich explodieren. „Wir müssen die Leinwand zum Singen bringen“, war das Konzept.

Lesen Sie hier: Lesch und Bock interpretierten Hanns Dieter Hüsch

Doch die Beziehung des Paares ist brüchig. Kandinsky, der sich künstlerisch immer mehr hin zum Abstrakten entwickelt, wendet sich in seinen Gefühlen von Münter ab. Die geht inzwischen ihren eigenen künstlerischen Weg. Kompromisslos sei sie, tadeln Malerfreunde und meinen damit den Emanzipationsdrang von Gabriele Münter. „Es geht um Wahrhaftigkeit! Schaffen wir unsere eigene Welt in der Kunst!“: Die sinnenfrohe Schwabinger Boheme wird im Film geschildert, die Schrecken des Ersten Weltkriegs werden zumindest angedeutet.

Ein Verdienst des Films liegt in der Darstellung der Geschichte aus überwiegend weiblicher Sicht. Burlakov interpretiert Kandinsky glaubhaft als facettenreichen Mann, erfolgsgewohnt, attraktiv, anfänglich ehrlich gegenüber Frau und Geliebter. Loibls Münter ist alles andere als das arme Hascherl. Sie verfolgt auch offen egoistische Ziele, ist später verbittert und handelt getrieben „von Hass und Ohnmacht“.

Loibl beeindruckt als Münter

An ihrer alten Liebe hält Münter dennoch fest, setzt ihr Leben ein, um Kandinskys Werke dem Zugriff der Nazis zu entziehen und sie schließlich dem Münchner Lenbachhaus zu schenken. Eindrucksvoll ist Loibls spielerische Bandbreite zwischen junger Liebender und geschirrzerschmetternder, um Anerkennung und Ehe geprellter Frau.

Um größtmögliche Authentizität habe man sich bemüht, Briefe herangezogen, erklärte Regisseur Rosenmüller. Das merkt man den Dialogen oft an, auch in Liebesszenen raschelt sozusagen das Papier. Die Interieurs sind in suggestiv-warmes Licht getaucht. Gelegentlich sind die Schnitte schnell, die Handkamera unruhig. Hinweis auf die psychische Verfassung der Akteure?

Überzeugend umgesetzt ist Kandinskys Fähigkeit zum synästhetischen Empfinden von Musik und Visuellem. Ein unterhaltsames Bio-Pic, das ein paar Schokoladenseiten von Kallmünz zeigt, wie das Uferpanorama, ein Pferdegespann in der Vilsgasse oder den Südhang des Burgbergs.

Münters Seelenqualen erleben die Kinobesucher wie in einem Psycho-Krimi. Auch die Entwicklung des „Blauen Reiter“ zur bedeutenden Kunstströmung wird erzählt. „Nur zu lang hat mir das Leiden der Künstlerin gedauert“, kommentierten zwei Zuschauerinnen unisono nach dem Abspann den Streifen.

„Münter & Kandinsky“ läuft in Regensburg im Kino Andreasstadel und im Regina-Kino.