Überraschend aktuell: Lesch und Bock interpretieren Texte von Wortakrobat Hüsch

Vor 19 Jahren starb der streitbare Kabarettist Hanns Dieter Hüsch. Astrophysiker Lesch und Schauspieler Bock geben seinen Texten nun wieder eine Bühne. Und das Publikum ist überrascht, wie sehr seine Ausführungen auch in die heutige Zeit passen.
Eichhofen. „Trost und Kraft in diesen Zeiten“ spenden drei Größen ihres Metiers am Samstag den 120 Zuhörern im Saal des Brauereigasthofs Eichhofen. Zwei davon leben noch, der Schauspieler Rainer Bock („Das weiße Band“, „Inglorious Basterds“, „Die Saat“) und der Astrophysiker, Philosoph und TV-Alles-Erklärer Harald Lesch. Beide widmen sich einzeln und im Duett dem vor 19 Jahren verstorbenen Wortkünstler Hanns Dieter Hüsch.
Ein Thema mit Variationen
Hüsch nur Kabarettisten zu nennen, würde nicht weit genug greifen. Außerordentlich vielfältig sind die Bereiche, zu denen er sich in seinen politischen, christlichen oder skurrilen Texten geäußert hat. Aus diesem Kosmos (so viel Wortspiel muss sein!) wählen Lesch und Bock ausdrucksstarke Rezitationen aus, die 70 Minuten lang die Zuhörer in ihren Bann ziehen. Ein Thema mit Variationen wird daraus. Die zugrundeliegende „Melodie“ war ein Aufruf zu Mitmenschlichkeit. Ein „humanistisches Kabarett“ solle der Abend werden.
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„Gott ist aus der Kirche ausgetreten“, verkündet Lesch in einer von Hüschs bekanntesten Szenen. Genauer gesagt: Dem Allmächtigen wurde in einem Hirtenbrief der Austritt nahegelegt. Gott fand sich daher wieder im Hausarrest, dort könne er mit seinem Gedusel von Zugewandtheit, Milde, Geduld und Verzeihen keinen Schaden mehr anrichten, befanden die Kirchenoberen. „Kirche ohne Gott ist unser neuer Slogan, Macht statt Liebe“. Als unbeabsichtigtes Resultat begannen aber die Menschen, Gott überall zu suchen.
Die Kunstfigur Hagenbuch
Dreimal erscheint die Kunstfigur Hagenbuch, ein Alter Ego des Autors. Der nimmt als Pedant die Auswüchse einer Gesellschaft auf die Schippe, die in bürokratischem Irrsinn und Rechthaberei zu ersticken droht. Auf einer akademischen Veranstaltung erscheinen dann die Herren Professoren spinnerter als das Objekt ihrer Forschung. Ein köstliches Sprachspiel ist Hagenbuchs Rezept dafür, wie man ebenso passend wie ökonomisch jedweden geschwätzigen Vortrag kommentieren könne. Zunächst mit vier Wörtern: „Was fällt Ihnen ein?“, dann drei Silben: „Fabelhaft!“ später: „Soso!“ schließlich: „Ach!“ Das klappe angeblich fast immer.
Mit Hüsch verbinde ihn seine mangelnde Begabung für die Mathematik, bekennt Rainer Bock in Eichhofen. Besonders Textaufgaben hätten ihn gequält, wie die vom Bauern, der mit einer Ladung von x Zentnern Äpfeln in die 60 Kilometer entfernte Kreisstadt fährt, mit der Aufgabe: Errechne das Alter der Bäuerin! Aber glücklicherweise habe er ja einen Experten neben sich, so Bock. Lesch rechnet ein paar Minuten herum, kommt aber mit Hilfe der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Kreiszahl Pi („Kreisstadt“!) auf die Lösung.
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Allgemeine Zufriedenheit könne einkehren, ließe man die Mitmenschen in ihren achtenswerten Eigenheiten gewähren, nähme sie ernst, spreche mit ihnen. Oder wie wäre es, wenn eine aufgeklärte Menschheit sich abrupt nicht mehr fortpflanzen wolle mit der Begründung, „es muss ja nicht sein“? Rainer Bock genießt sichtbar Hanns Dieter Hüschs literarisches Kabinettstückchen: Er trägt minutenlange und fast unsegmentierte Sätze voller unsinniger Informationen vor, deren Essenz dann der Aufruf zu antimilitaristischem, antikonformistischem, antiradikalem Leben ist. „Wie aktuell diese Texte gerade heute sind“, entfährt es einer Zuhörerin im Saal, „Welche Sprachgewalt!“ sagte eine andere.
Das Ende der Lesung bestreitet dann Hüsch selbst. Per Video-Einspielung betont er an seiner legendären Philicorda-Orgel den Cantus firmus seines Anliegens: Das Böse muss in uns selbst erkannt und bekämpft werden.
Harald Lesch und Rainer Bock versprechen nach dem lang anhaltenden Applaus, mit einem neuen Hüsch-Programm wiederzukommen. 2025 wäre ein passender Zeitpunkt. Da wäre der poetische Zeitkritiker Hüsch 100 Jahre alt geworden.