Der Formgewaltige: Picasso in Neumarkt

Zum 50. Todestag des großen Künstlers zeigt das Museum Lothar Fischer grafische Werke aus der Sammlung Klewan.
Dürers Hase, Leonardo Da Vincis Mona Lisa, Pablo Picassos Friedenstaube – berühmte Bilder der Kunstgeschichte, die zu Ikonen der Popkultur und des Massengebrauchs in Werbung, Mode und Dekoration geworden sind. Davon sind die Bilder von Picasso, die ab Sonntag im Museum Lothar Fischer zu sehen sind, erfreulicherweise weit entfernt. In der Auswahl aus der Sammlung des deutsch-österreichischen Kunsthändlers Helmut Klewan, die bis Mitte Februar kommenden Jahres gezeigt wird, sind Zeichnungen und Druckgrafiken aus Picassos nahezu gesamter Schaffenszeit zu sehen.
Picassos grafisches Œuvre gilt als das umfangreichste, das ein Künstler im vergangenen Jahrhundert hinterlassen hat. Mit 18 Jahren schuf er seine erste Radierung und mit fast 90 Jahren begann er noch im hohen Alter die grafische Sammlung Suite 156. Aus der zuvor entstandenen Suite „347 gravures“, die vernehmlich erotische Obsessionen mit Künstler und Modell umkreisen, sind mehrere Arbeiten ausgestellt. Sie sind am Ende des Ausstellungsrundgangs im Erdgeschoss unter dem Hashtag „Mythen“ zu finden. Neben Stierbildern mit dem Minotaurus und bacchantischen Motiven mit feiernden Faunen und Frauen.
Die nach hinten gerückte Präsentation erotischer Motive hat auch den Zweck, Eltern und Erziehenden, die die Ausstellung mit Kindern besuchen, zu ermöglichen die letzten Themenkomplex zu meiden, wie Kunstvermittlerin Ulrike Rathjen beim Presserundgang erläutert. Die Aufteilung der 60 Arbeiten nach Themenschwerpunkten war notwendig geworden, weil „eine chronologische Hängung keinen Sinn gemacht hätte“, begründet Museumschefin Pia Dornacher die Abkehr vom sonst üblichen Ausstellungsaufbau.
Mit unstillbarer Neugier
Den Anfang bilden Porträts von „Picassos Frauen“ und „Picassos Freunden“, die sich den großen Raum mit einer kleinen Zahl von Arbeiten „Am Strand“ teilen. Es ist bekannt, dass der spanische Künstler Beziehungen mit vielen Frauen hatte, die auch alle in seinen Bilder auftauchen. Besonders häufig porträtierte Picasso seine aktuellen Lebensgefährtinnen. In der Sammlung Klewan befinden sich Porträts von Marie-Thérèse Walter, Dora Maar, Françoise Gilot und Jacqueline Roque. Faszinierend ist an den Porträts, aber auch den anderen Bildern, dass Picasso in verschiedenen Werken der gleichen Person fast alle seine Formen, Techniken und stilistischen Elemente durchspielt, die er sich mit seiner unstillbaren Neugier angeeignet hat. Da gibt es kubistische Porträts, naturalistische Bleistiftzeichnungen, die typischen Köpfe mit gleichzeitiger Frontal- und Seitenansicht, karikaturhafte Bildnisse und bis auf ein Minimum reduzierte Formen, die in wenigen Strichen dennoch das individuelle Profil einer Geliebten oder eines Freundes treffsicher hervorheben. Gerade diese formale, stilistische, materielle und technische Vielfalt und Vielseitigkeit machen den enormen Reiz dieser Ausstellung aus.
Er war ein „Kunstberserker“
Selbst wenn man um die Bandbreite dieses Kunstberserkers und „Formgewaltigen“ weiß, wie ihn Lothar Fischer einst nannte – und das tun sicher viele, die sich diese Ereignis in der Region nicht entgehen lassen werden – kommt man immer wieder ins Staunen.
In Atelierbildern mit Modellen entdeckt man Bezüge zu afrikanischen Masken, die Picasso bewunderte und sammelte, zu antiken Motiven und Sujets. Ein besonderes Exemplar ist eine beidseitig bemalte Kachel, die auf der interessanteren Rückseite wunderbar einfache clowneske Köpfe mit komischen Nasen zeigt. Vorne sind eine Tänzerin, ein Trinkender und eine Musizierende abgebildet, die stark an einige Grafikzyklen von Henri Matisse erinnern, mit dem Picasso eng befreundet war.