Tanztage holen die Avantgarde nach Regensburg

Von Marianne Sperb · 30. Oktober 2024 um 21:00

Körperkunst am Puls der Zeit: Das Festival bringt die besten, überraschendsten und aktuellsten Produktionen aus aller Welt nach Regensburg.

„Tanz“, sagt Hans Krottenthaler, „Tanz ist eine Kunstform, auf die man sich einlassen muss. Man muss zulassen, dass es einen berührt.“ Mehr fühlen statt denken: So ging es dem Mastermind der Regensburger Tanztage selbst vor vielen Jahren. Er sah in Linz ein Tanzstück und war so nachhaltig bewegt, dass er bald die Regensburger Tanztage an den Start setzte. Erst im kleinen Theatersaal der Alten Mälzerei, die er leitet, und mit Ensembles aus Regensburg, Nürnberg, München. Später im technisch gut ausgestatteten Theater an der Uni und in den Theatern Velodrom und Bismarckplatz.

27 Jahre nach der Erstauflage hat sich das Festival einen Ruf mit Strahlkraft erarbeitet. Es bringt die besten, die überraschendsten, die aktuellsten Produktionen aus aller Welt nach Regensburg. Mehr als 200 Vorstellungen, Künstler aus 40 Ländern, große Namen wie Nederlands Dans Theatre und Ultima Vez und seit vielen Jahren fast durchweg ausverkaufte Säle: Die Bilanz beeindruckt. „Die Tanztage bewegen sich auf der Höhe der Zeit und sie spielen in der ersten Liga“, sagt Krotten-thaler also selbstbewusst. Qualität, Ästhetik, Inhalt können sich mit den großen Festivals unbedingt messen und sind in Bayern – sieht man mal von München ab – top. „Kompanien, die weltweit unterwegs sind und gefeiert werden, kommen inzwischen gern nach Regensburg.“ Das liege durchaus auch am Publikum.

Tänzerinnen und Tänzer riskieren alles. Sie setzen sich auf der Bühne vollständig aus, mit Herz und Haut und ihrer ganzen Persönlichkeit. Die Reaktionen sind hier also elementar, noch mehr als in anderen Kunstgattungen. In Regensburg gibt das Publikum viel zurück, sagt Krottenthaler. „Es ist mit dem Festival mitgewachsen, unglaublich neugierig, begeisterungsfähig, konzentriert und auch sehr kundig. Das macht mich wirklich stolz.“ Hinzu kommt: Regensburg hat zwar eine ausgesprochen lebendige Kulturszene, aber in Sachen zeitgenössischer, auch widerständiger und urbaner Kunst, die man sonst in Metropolen erleben kann, ist Luft nach oben – eine Kategorie, die die Tanztage bespielen.

Der ideale Einstieg

Das Festival hat einige Standards etabliert. Immer ist die Sparte Tanz des Theaters Regensburg vertreten, 2024 mit „Next To Me“, der neuen Choreographie von Gabriel Pitoni, die am 3. November am Bismarckplatz Uraufführung hat und bei den Tanztagen am 10. November zu sehen sein wird. Immer steht auch die Aids-Tanzgala mit internationalen Stars auf dem Spielplan, dieses Mal am 16. November. Und immer versammelt eine Solotanznacht internationale Preisträger, heuer am 23. und 24. November. An den kurzen und sehr unterschiedlichen Choreographien lassen sich auch sehr gut Trends und Entwicklungen ablesen, sagt Krottenthaler. „Für viele Gäste ist das der ideale Einstieg, viele entdecken da die wunderbare Welt des Tanzes.“

Eine Regensburger Besonderheit ist das Choreo Lab: Tanz Süd, eine süddeutsche Tanz-Connection, die vier Ensembles, vier Choreographien und vier Städte paart. Bei „The Last Dance“ am 28. November bestücken Simone Elliott aus Regensburg, Pablo Sansalvador aus Ulm, Eva Borrmann aus Nürnberg und Nestor Gahe aus Stuttgart gemeinsam einen Abend, der in allen vier Städten Premiere feiern wird. „Wir wollen dem Tanz und der Szene Sichtbarkeit geben“, sagt Krottenthaler über das Format, das auch ein wenig am Nord-Süd-Gefälle in der Kunstform Tanz drehen will.

Gewagt, zukunftsweisend, animierend ist das Profil der Tanztage. Den Beweis tritt das Festival 2024 mit Sharon Eyal an, einer Ikone der internationalen Szene mit unvergleichbarer Handschrift. Sie schickt am 18. November eine siebenköpfige Gruppe des Staatstheaters Mainz auf die Bühne. Für „Promise“ kooperieren die israelische Choreografin, die ihre Ensembles zu maximaler Präzision, Hingabe und Ausdruck antreibt, und die Kompanie das dritte Mal. „Soulchain“, die zweite Koproduktion, hatte mit dem „Faust“, dem deutschen Bühnen-Oscar, höchste Ehren geholt und Tanzmainz berühmt gemacht. Für „Promise“ nun war Corona ein Glücksfall. Die Pandemie schenkte Sharon Eyal Zeit für das Stück und prägte auch den Stil. Intimität ist hier Programm. Tänzer und Tänzerinnen, die sich zu treibendem Elektrosound dicht umkreisen, stetig berühren, hochemotional, theatralisch und beinahe animalisch, verkörpern einen Gegenentwurf zu Isolation.

Mit Zufit Simon, ebenfalls Israel, und Rafaèle Giovanoia aus der Schweiz gastieren zwei weitere gefeierte Choreografinnen. Zufit Simon steht für den Trend zu politisch geprägtem Tanz. „Radical Cheerleading“ – für den „Faust“ nominiert – feiert am 26. November die Protestkultur und wirkt wie ein Weckruf, aufzustehen und Bekenntnis abzulegen für das, was einem wichtig ist, mit viel Drive und von harmlos bis keck bis drastisch nackt.

Als Kopffüßler auf der Bühne

Die Cocoondance Company hat sich zum Regensburger Publikumsliebling entwickelt. Dieses Jahr stellt die Schweizer Kompanie mit „Standard“ (am 30. November) die Welt auf den Kopf – buchstäblich. Die sechs Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich eine Stunde lang kopfüber als Vierfüßler über die Bühne und setzen Kontrolle und Konventionen die Idee von Freiheit und Individualität entgegen.