Aufwühlendes Tanztheater

Das neue Stück „Balau“ inspiriert und beschert dem Publikum 80 intensive Minuten.
Die Zeugen der Vergangenheit hausen in einer Tropfsteinhöhle voll undefiniert amorpher Gebilde. Luftige Spitzenvorhänge schützen sie, fallen jedoch auch immer wieder mit verhängnisvollen Folgen auf jene nieder, die dort im Trockeneisnebel herum tappen. Wer sind diese acht Gestalten, divers und inklusiv, die nach einem „Balau“, was in der westafrikanischen Sprache Dioula „Schicksalsschlag“ oder „unerwartetes Ereignis“ bedeutet, vom Gestern der Unterdrückung ins gefährdete Heute springen und sich in eine bessere Zukunft fantasieren? Sind diese Namenlosen reale Personen oder Gespenster? Man weiß es auch nach 80 intensiven Minuten nicht, die emotional ungewohnt aufwühlen und eine Fülle unterschiedlichster Assoziationen befördern.
Höchst energetische Körpersprache
„Balau“, uraufgeführt in der Therese-Giehse-Halle Münchner der Kammerspiele, ist ein Tanztheaterprojekt von Choreograph Serge Aimé Coulibaly, 1973 in Burkina Faso geboren. Seit 2002 lebt er in Europa, gründete eine Compagnie und gastiert weltweit. Für München entwickelte er erstmals ein Projekt für Amateure. Neben drei Profis des „Faso Danse Théâtre“ tanzen fünf Münchner Ensemble-Mitglieder äußerst überzeugend. Sie haben (bis auf Erwin Aljukic im Rollstuhl, der charmant mit dem Publikum flirtet) eine intensive Tanzausbildung hinter sich.
Coulibaly fordert eine höchst energetische Körpersprache, integriert er doch unterschiedlichste Stilformen. Nicht umsonst bekam er vor einigen Jahren den Pina-Bausch-Preis, denn es finden sich ganz offensichtlich Elemente ihrer prägenden Modern Dance Interpretationen in dieser Produktion: Bewegungen, die gegen die Anatomie laufen, bizarr und knapp mit den Händen, dynamisch ausgreifend bei der Beinarbeit. Im kollektiven synchronen Klatschen und Stampfen werden traditionelle afrikanische Kreistänze zitiert, die immer wieder in westeuropäische Disco-Figuren der Vereinzelung übergehen.
Tempo und Spannung steigern sich vom monotonen Rhythmus zu einem Sound, der zwischen Klassik, Pop, ja sogar Schlagerkitsch und afrikanischen Gesängen irrlichtert. Die Gruppe formiert sich immer wieder neu, schreitet manchmal wie ein einziger Körper schnellen Schritts über die Bühne.
Poetisch und metaphernreich
Situationen und Stimmungen – da der Tod einer Frau, dort das Überbringen von Geschenken an ein Brautpaar – visualisieren sich ohne Worte. Der Text des heute in Österreich lebenden kongolesischen Dichters Fiston Mwanza Mujila wäre kaum nötig gewesen; poetisch in der an Metaphern reichen Sprache, aber teilweise höchst anklägerisch in Bezug auf kolonialistische Erfahrungen, wird er beim Sprechen vertanzt und extrem expressiv und variantenreich in emotionalen Körperausdruck übersetzt, bei Ahmed Soura mit geradezu selbstzerstörerischer Intensität, bei Martin Weigel mit psychologischer Grundierung.
Darin geht es in stilisierter Form um handfeste Fakten wie die derzeit heftig diskutierte Frage der Rückgabe von Schädeln und Gebeinen sowie um die andauernde Rohstoff-Ausbeutung des Kontinents durch Europa. Mujila spricht aber auch Krieg und Frieden, Migration und Asyl an. Ja selbst die Berechtigung der Demokratie wird – leider höchst aktuell! – auf den Prüfstand gestellt. Zum Schluss aber verschwinden alle im dunklen Nirgendwo. Wer denkt da nicht an namenlosen Menschenströme aus Afrika.
„Balau“ ist in der Therese-Giehse-Halle an den Münchner Kammerspielen zu sehen, Karten:(089) 23 39 66 00.