Die Pionierin des queeren Kinos kommt nach Regensburg

Monika Treut ist eine unerschrockene Grenzgängerin. Mit ihren Filmen rief sie in den 1980er Jahren wütende Reaktionen hervor. Heute ist ihr Werk preisgekrönt und hoch angesehen.
„Ist die romantische Liebe eine Art Krankheit, die Frauen befällt – oder sogar ein Instrument der Unterdrückung?“ Dies fragt sich die Hamburger Journalistin Dorothee Müller (Ina Blum) in Monika Treuts Film „Die Jungfrauenmaschine“ von 1988. Sie wird ihren Liebhaber Heinz los und reist nach San Francisco, wo sie mit Hilfe eines exzentrischen Frauentrios ihr lesbisches Coming-Out erlebt.
Das war zu viel für Deutschland im Jahr 1988: „Dieser Film vernichtet das Kino!“, wütete ein Kritiker der „Zeit“. Der Film lief damals bei den Hofer Filmtagen. Monika Treut erinnert sich im Gespräch: „Der Heinz Badewitz, der das Hofer Festival lange geführt hat, mochte diesen Film sehr gerne und hat ihn auf den prominentesten Termin gesetzt: Samstagabend um 20 Uhr. Die gesamte deutsche – überwiegend männliche – Kinobranche war vor Ort. Schon nach zehn Minuten sind alle entsetzt aus dem Saal raus, haben die Türen geknallt. Am Ende stand der arme Heinz Badewitz da mit einem riesigen Blumenstrauß. Das Kino war halb leer, der Bayerische Rundfunk filmte süffisant die leeren Stuhlreihen. Es wurde sehr viel geschimpft über diesen Film.“
Die Frau, die angeblich das deutsche Kino vernichten wollte, ist am Telefon freundlich, lustig und unaufgeregt. Und das, obwohl sie ihren Jetlag noch nicht los ist – sie ist soeben aus New York zurück. Was sie da gemacht hat? Arbeiten, was sonst. Demnächst kommt Treut zum Regensburger Transit-Festival, das eine Retrospektive zeigt unter dem Titel „Die Idee ist gut, doch die Welt ist noch nicht bereit“. Dies zielt darauf ab, dass Treut heute als Pionierin des queeren Kinos anerkannt ist. Als sie in den 1980er Jahren mit ihrer Pionierarbeit begann, war der Begriff „queer“ noch unbekannt. Und bereits ihr erster Langfilm, „Verführung: Die grausame Frau“, bei dem sie mit Elfi Mikesch Regie führte, war 1985 bei der Berlinale ausgebuht worden.
Anerkennung in den USA
Treut greift im Film ein Thema auf, das sie bereits in ihrer Dissertation mit dem Titel „Die grausame Frau“ von 1984 bearbeitet hatte: Das Frauenbild in Romanen von Marquis de Sade und Leopold von Sacher-Masoch. Ihr Buch über sadistische und masochistische Phantasien trug den Titel „Die grausame Frau“. Im Film spielte Mechthild Grossmann, heute bekannt als kettenrauchende Staatsanwältin aus dem Münster-„Tatort“, eine geheimnisvolle, grausame Domina, die sado-masochistische Performances organisiert. Der Kunst- und Medientheoretiker Peter Weibel war als „Toilettensklave“ zu sehen. „Diese Mischung aus Fäkaliensprache und Erotik kann niemandem zugemutet werden“, schimpfte der CSU-Hardliner Friedrich Zimmermann über das Drehbuch. Als Bundesinnenminister unterstand ihm zu dieser Zeit die Filmförderung.
Treut gründete mit Elfi Mikesch in Hamburg die unabhängige Produktionsfirma Hyena Films. Ab 1988 lief „Die Jungfrauenmaschine“ auf Festivals in Toronto, San Francisco oder New York und Treut erntete „sehr viel positiven Zuspruch“. Mehrere amerikanische Verleihe zeigten sich interessiert – sie habe quasi auswählen können. Die aggressiven Reaktionen in Deutschland beeindruckten sie nicht. Treut glaubte an ihren Film und sagte sich: „Wenn hier keiner den Film haben möchte, dann muss ich dahin gehen, wo er anerkannt ist und ins Kino kommt.“
Sie ahnte da schon, dass ihre avantgardistischen Werke besser in die USA passten: „Ich habe die neue Zeit bemerkt.“ Damals gründeten sich an den Unis die ersten Gender Studies – damit seien die USA Europa um „mindestens 15 Jahre“ voraus gewesen. Treut erhielt Lehraufträge von Universitäten quer durchs Land. Inspiriert von Begegnungen mit Transgender- und Inter-Personen in San Francisco, realisierte sie 1999 die später preisgekrönte) Doku „Gendernauts – eine Reise durch das Land der Neuen Geschlechter“. Ein Kritiker schrieb: „Glücklicherweise hat sich im Verlauf des Films mein Denken erweitert und mir gezeigt, wie sehr wir gefangen sind von den üblichen Ideen über Geschlechtsidentität.“
Treuts Porträts dieser Reisenden, die zwischen den Gender-Identitäten navigieren, sind einfühlsam und hoffnungsvoll – sie brachen mit der langen Tradition des Films, von queeren Menschen nur im negativen Sinn zu erzählen. „Ich arbeite mit dem Vertrauen der Menschen“, sagt Treut über die ihr freundschaftlich verbundenen Protagonisten. Sie interessiert sich für Menschen, deren Anliegen sie vertritt. Einmal habe sie das Angebot erhalten, einen Film über Frauen aus der rechten Szene zu machen: „Ich habe abgelehnt. Das würde in einer Auseinandersetzung enden, die so ein Projekt gefährden würde. Ich kann nur das tun, was ich selber liebe. Deshalb war ich nie die Richtige für Auftragsproduktionen.“ Was ihr ebenfalls nicht in den Sinn kam: sich im Mainstream zu bewegen. „Ich habe mich immer für Themen und bestimmte Menschen interessiert, meistens für Außenseiter. Von denen lernen wir mehr über die Gesellschaft und erkennen, wo die Probleme liegen.“
Die Norm: Das Uneindeutige
Ist die Welt heute bereit für Filme wie die ihren? Treut zeigt sich gespalten: Einerseits setze die Popkultur Menschen mit nicht-binären Identitäten ins Licht – wie beim Eurovision Song Contest. Auch weinende Männer seien heute nicht geächtet wie in den 1950ern. Doch ein anderer Teil der Gesellschaft reagiere eher aggressiv auf diese neuen Phänomene. Dabei kenne sie keine einzige Person, die eindeutig dem entspreche, was als „männlich“ oder „weiblich“ gilt: „Wir haben ja alle Mischverhältnisse in uns.“
Transit-Festival von 6. bis 13. November
Monika Treut kommt persönlich zu drei Screening-Terminen: „Verführung: Die grausame Frau“ am 9. November (19.15 Uhr); „Die Jungfrauenmaschine“ am 10. November (21 Uhr) und „Gendernauts“ am 10. November (16.30 Uhr), alle im Kino im Andreasstadel.
Transit zeigt in der historischen Sektion „Filme, die zu ihrer Entstehungszeit oft missverstanden, zensiert oder gar verbannt wurden. Aus heutiger Sicht ebneten sie den Weg für neue ästhetische und politische Denkweisen“, heißt es im Programm.