Ludwig I. und seine vielen Gesichter

Von Marianne Sperb · 6. November 2024 um 17:00

„Wer war dieser außergewöhnliche Monarch?“ Das fragt die Landesausstellung, die 2025 Station in Regensburg macht.

Bayern ist so gut wie bankrott, als Ludwig I. 1825 den Thron besteigt. 200 Jahre später spürt das Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) einem Herrscher nach, der fortschrittlich und fürsorglich war, aber auch entschieden widersprüchlich. „Ludwig I. – Bayerns größer König?“ fragt die Landesausstellung ab Mai 2025 im Bayern-Museum in Regensburg. Am Mittwoch gaben Direktor Richard Loibl und Projektleiter Rainhard Riepertinger einen ersten Einblick.

Nach den napoleonischen Kriegen liegt Bayern am Boden. Ludwig I. muss Altbayern, Schwaben und Franken integrieren, Infrastruktur schaffen, Industrialisierung anschubsen und überhaupt schauen, dass es dem Volk wieder besser geht.

Der König lässt 130 Klöster wieder gründen, Hort für Bildung und Fürsorge, und versucht, den Riesenfehler der Säkularisation von 1802 zu heilen. Ein Äbtissinnenstab aus Seligenthal steht in der Schau für neu keimende Volksfrömmigkeit. Es werden Fabriken gebaut, auch wenn Ludwig sie nicht mag, weil Menschen dort „sitzend und an der Seele verkümmernd“ arbeiten. Ein Webstuhl von 1836 gibt eine Vorstellung von der jungen Textilindustrie. Und Verkehrswege entstehen. Der Ludwig-Main-Donau-Kanal aber, mit über 100 Schleusen der Bahn weit unterlegen, ist eine kapitale Fehlentscheidung. Wie Kanal und Bahn die Alltagskultur prägten, spiegelt eine Uhr, geschmückt mit Miniaturzügen.

Der König notierte alles

Rainhard Riepertinger und sein Team schöpfen aus einer Fülle von Material, allein aus 250 Tagebüchern und aus Aktennotizen, die es „in schier unglaublicher Zahl“ gibt, setzen viel Multimedia ein und leuchten in sieben Kapiteln Ludwig, Land und Leute aus.

Herrscher, Ehemann, Baumeister, Kunstfreund, Patriot, Reformer, Katholik, Frauenliebhaber: Wer war Ludwig? Seine vielen Gesichter scheinen gleich zu Beginn der Ausstellung auf: in einem zwei Meter hohen animierten Kopf, der sich um die eigene Achse dreht. Raffiniert sind diverse Stimmen zum König montiert, der ja nicht allein regiert. Zehn Verbündete und Widersacher kommen im Filmraum zu Wort. Einer ist Karl August von Seinsheim, Ludwigs Freund und in Schloss Sünching daheim.

Der kunstinnige Monarch baut wie ein Weltmeister. In München eröffnet die Glyptothek als erstes Museum Europas, in Regensburg bekommen die Turmstummel am Dom ihre Spitzen, Walhalla und Befreiungshalle entstehen, bis heute viel besuchte Landmarken. Von einem Mann, der an der Ruhmeshalle bei Donaustauf baute, haben sich Schuhe und Mütze erhalten, Zeugen für Staub und Schweiß, die vor den Glanz gesetzt waren. Ludwig finanziert viele Projekte, die in seiner Regentschaft nicht fertig wurden, später aus der Privatschatulle.

Überhaupt die Finanzen: Der Monarch hält Mittel fürs Militär kurz und ist auch im Detail ein Sparfuchs. Ein recht mitgenommener Hausmantel illustriert seine Haltung zu Ausgaben, Riepertinger: „60 Jahre hat der König ihn getragen.“

Lola in delikater Pose

Ludwig I. tritt 1825 an als Hoffnungsträger der Liberalen, aber ab den 1830ern fürchtet er den Bazillus Revolution, der aus Frankreich überzuspringen droht, die Folge: Zensur. Ein Gemälde von 1840 erinnert an eins ihrer Opfer. Es zeigt Johann Gottfried Eisenmann, der 15 Jahre in Haft verbüßt, weil er missliebige Presseartikel geschrieben hat. Der Rücktritt des Königs kündigt sich bereits an, die Affäre Lola Montez gibt ihm nur den letzten Kick. Auch hier scheint Ludwigs Ambivalenz auf. Die Schau dokumentiert, wie innig er seiner Frau zugetan war, etwa in einem Medaillon, auf dem das Paar traulich vereint ist. Aber der König liebte viele, vor allem die irische Tänzerin. Mit dramatischer Geste enthüllen Loibl und Riepertinger am Mittwoch ein Gemälde, 2022 aus Privatbesitz erworben: Lola Montez, die Frau, die im Königreich die Hosen anhatte, in delikater Pose in Uniform, wohlgefällig beäugt von einem alten Mann.

Ludwig schafft 1848 einen „spitzenmäßigen Abgang“, wie Loibl sagt: Er tritt zurück, ohne dass es großes Blutvergießen gibt, und notiert später: „Regieren konnte ich nicht mehr, und einen Unterschreiber abgeben wollte ich nicht.“

Info: Die Bayerische Landesausstellung kommt 2025 nach Regensburg

Die Schau: „Ludwig I. – Bayerns größter König?“ ist von 10. Mai bis 9. November 2025 im Bayern-Museum in Regensburg zu sehen. Dokumente, Objekte und Multimedia-Installationen leuchten den widersprüchlichen Herrscher aus.

Die Mode: Bei einer „Nacht der Mode“ zeigt die Deutsche Meisterschule München für Mode Kreationen von Meisterschülern zur Ausstellung. 40 extravagante Haute-Couture-Modelle sind Anfang August 2025 auf einem Laufsteg am Donauufer zu bewundern.

Die Kombi-Tickets: Erwachsene zahlen für die Landesausstellung zehn Euro Eintritt. Besucher erhalten außerdem ermäßigte Tickets für Schiffe von Klinger und Wurm & Noé sowie für Walhalla und Befreiungshalle – und umgekehrt.