Familie in Gaza festgehalten und Frau vergewaltigt? Nun sagte das mutmaßliche Opfer aus

Von Philipp Breu · 29. Oktober 2024 um 19:00

Runde vier im Gaza-Prozess: Einem Geschäftsmann aus dem Landkreis Schwandorf wird vorgeworfen, seine Familie in dessen Geburtsort Gaza gelockt und dort festgehalten zu haben. Auch eine Vergewaltigung steht im Raum. Nachdem der Angeklagte zwei Prozesstage lang Zeit hatte, sich umfassend zu äußern und alles abstritt, musste nun seine Ehefrau, die zeitgleich als Nebenklägerin auftritt, vor Gericht aussagen.

Der 34-Jährigen fiel es nicht leicht, über die Geschehnisse zu sprechen. Immer wieder kämpfte sie vor Gericht mit den Tränen. Vor allem dann, als sie erzählte, wie sehr sie und ihre Kinder unter den Kriegswirren in Gaza gelitten hätten. Sie hielt ein Taschentuch fest in ihren Händen.

Ehefrau sprach von komplizierter Beziehung

Da ihre Ehe mit dem Beschuldigten nach islamischem Recht geschlossen wurde und diese in Deutschland nicht anerkannt ist, konnte die Frau von einem Zeugnisverweigerungsrecht keinen Gebrauch machen. So blieb ihr am Dienstag eine Aussage am Landgericht Amberg vor der Großen Strafkammer um Richterin und Vizepräsidentin Elke Escher nicht erspart. Auch ihr mutmaßlicher Peiniger war anwesend. Er saß mit Fußfesseln auf der Anklagebank.

Über Stunden schilderte die Frau , was ihr und ihren Kindern ab August 2023 widerfahren sein soll. Dabei bestätigte sie in großen Teilen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Die Familiensituation beschrieb die Ehefrau als kompliziert. Der Beschuldigte und sie hätten vor dem Flug nach Gaza bereits seit zwei Jahren zwar in Trennung, aber nach wie vor in einem Haus im Kreis Schwandorf gelebt – auch wegen der drei gemeinsamen Kinder.

Zärtlichkeiten seien zwischen den Eheleuten nicht mehr ausgetauscht worden. Vielmehr sei sie von ihrem Mann mehrmals betrogen worden und habe mit einer Scheidung geliebäugelt. Letztendlich sei sie aber bei ihm geblieben. „Ich wollte einfach ein normales Leben in einem Haus mit einem Mann und Kindern. Deswegen habe ich alles über mich ergehen lassen“, sagte die Ehefrau. 2022 kam sogar der dritte gemeinsame Sohn zur Welt.

Ihr Ehemann hätte schon länger davon gesprochen, wieder zurück nach Gaza zu wollen. Er habe seine Firma und Autos verkauft. Sie habe sich gegen die Pläne immer gewährt. „In Gaza gibt es keine Zukunft“, erklärte sie. Ihre Kinder seien in Deutschland gut integriert.

Pässe versteckt und Ausreise blockiert?

Doch das habe ihren Mann nicht von seinen Plänen abbringen können. Er hätte für die Familie einen Hin- und einen Rückflug nach Gaza gebucht und den Kindern erzählt, er wolle dort mit der Familie eine Urlaubsreise verbringen und seine vielen Verwandten besuchen. Ihr, der Ehefrau, hätte er angedroht, die Kinder wegzunehmen. „Deswegen bin ich letztlich auch mitgefahren“, sagte die 34-Jährige.

Lesen Sie hier den Prozessauftakt: Martyrium in Gaza? 56-Jähriger soll Familie aus dem Kreis Schwandorf im Kriegsgebiet festgehalten haben

Eigentlich sei der Plan gewesen, Mitte September 2023 wieder nach Deutschland zurückzukehren, doch daraus wurde nichts. Denn ihr Ehemann habe die Pässe versteckt und die Ausreise über Monate lang blockiert – auch unter Mithilfe seiner in Gaza lebenden Verwandten. Sie und ihre Kinder hätten den Krieg in Nahost, der Anfang Oktober 2023 ausgebrochen war, hautnah miterlebt. „Wir mussten wegen ihm dem Tod davonlaufen“, sagte die 34-Jährige in Richtung des Angeklagten.

Ihrem Mann sei das erspart geblieben. Er sei im September 2023 alleine nach Deutschland zurückgekehrt. Dort wurde er wenig später festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Die Ehefrau und die drei Kinder hätten derweil bis Anfang Dezember auf ihre Ausreise warten müssen, die erst mit Hilfe der Kripo, des Auswärtigen Amts und Diplomaten ermöglicht wurde. Von einer Vergewaltigung erwähnte die 34-Jährige bei ihrer Vernehmung vor Gericht zunächst nichts. Erst als Richterin Escher nachfragte, bestätigte die Frau, dass sie von ihrem Ehemann gegen ihren Willen in dessen Wohnung in Gaza zum Sex gezwungen wurde.

Über Details wollte sie zunächst aber nicht reden. „Mir ist das alles sehr peinlich“, sagte sie. Außerdem wolle sie nicht, dass ihr Mann wegen dem Vorfall lange im Gefängnis sitzen muss. „Immerhin ist er der Vater unserer Kinder“, sagte sie.

Keine Hinweise auf Trennung

Das löste bei Verteidiger Michael Haizmann Kopfschütteln aus. „Genau wegen diesem Vorwurf sitzt mein Mandant aber seit mehr als 400 Tagen in Untersuchungshaft“, sagte er. Und auch Jörg Jendricke, der Anwalt der Nebenklägerin, schaltete sich ein. „Eine Vergewaltigung ist angeklagt. Sie müssen die Fragen des Gerichts wahrheitsgemäß beantworten“, sagte er in Richtung seiner Mandantin.

Die machte dann doch weitere Angaben. Sie sei an einem Tag im August 2023 aus dem Badezimmer gekommen, als sie ihrem Ehemann im Schlafzimmer begegnet sein will. Er habe sie gepackt und aufs Bett geworfen. Dann habe er ihre Hände festgehalten und sich an ihr vergangen. Später habe sie sich ihrer Mutter anvertraut, auch das Jugendamt und die Polizei in Deutschland hätte sie über die Geschehnisse in den vergangenen Monaten in Kenntnis gesetzt.

Vor allem Verteidiger Haizmann hatte viele Fragen an die 34-Jährige. Er machte keinen Hehl daraus, dass er die Glaubwürdigkeit der Zeugin in Frage stellte. Unter anderem führte er mehrere Chats an, die die Geschädigte mit dem Beschuldigten über Jahre hin und her geschickt haben soll. Von einer Trennung sei nichts zu sehen gewesen.

Viel mehr sei sich über die Wohnung ausgetauscht worden, die der Angeklagte in Gaza gekauft hatte. Einkaufslisten und Komplimente seien gesendet worden. Und noch mehr: Die Ehefrau hätte sogar angekündigt, mit ihrem Mann nach Gaza zu gehen, wenn die Kinder auf eigenen Füßen stünden.

Verteidiger will Haftbefehl außer Vollzug setzen lassen

Haizmann sah keinen Grund, warum sein Mandant weiter in U-Haft bleiben sollte. Er beantragte, den Haftbefehl außer Vollzug zu setzen, denn ein dringender Tatverdacht liege nicht mehr vor. Viel mehr handle es sich um eine „Aussage-Gegen-Aussage-Konstellation“.

Staatsanwalt Johannes Weiß sah das anders. Zumindest hinsichtlich einer Freiheitsberaubung bestehe derzeit dringender Tatverdacht. Ähnlich argumentierte auch der Nebenklagevertreter Jörg Jendricke. Ob der Haftbefehl wirklich außer Vollzug gesetzt wird, ist aber noch offen. Die Kammer werde sich darüber noch beraten, teilte Richterin Escher mit.

Nach knapp acht Stunden wurde die Verhandlung unterbrochen, am Mittwoch wird sie fortgesetzt. Dann soll auch der älteste Sohn aussagen.