Martyrium in Gaza? 56-Jähriger soll Familie aus dem Kreis Schwandorf im Kriegsgebiet festgehalten haben

Eine Frau und ihre drei Kinder sollen Unvorstellbares erlebt haben: Vom Vater und Ehemann, einem gebürtigen Israeli, sollen sie vom behüteten Eigenheim im Landkreis Schwandorf in dessen ehemalige Heimat Gaza gelockt und dort monatelang festgehalten worden sein. Die junge Familie erlebte den Krieg in Nahost hautnah mit. Auch eine Vergewaltigung steht im Raum.
Am Donnerstag um 10 Uhr begann der Prozess am Landgericht Amberg. Dem 56-Jährigen, der sich seit 12. September 2023 in Untersuchungshaft befindet, wird Nötigung in Tateinheit mit Vergewaltigung vorgeworfen. Die Anklage, die Staatsanwalt Johannes Weiß im Schwurgerichtssaal unter Vorsitz von Richterin und Vizepräsidentin Elke Escher verlas, machte deutlich, wie perfide der Plan des Beschuldigten gewesen sein soll.
Seit Ende der 90er Jahre soll der Angeklagte, der sowohl die israelische als auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, in Deutschland leben und seit 2010 nach islamischem Recht mit dem mutmaßlichen Opfer, das ebenfalls aus Gaza stammt, verheiratet sein. 2010 sei die Frau laut Staatsanwaltschaft nach Deutschland gekommen und habe sich mit ihrem Mann im Landkreis Schwandorf eine Existenz samt Eigenheim aufgebaut. Drei Kinder, die in den folgenden Jahren geboren wurden, machten das Familienglück zunächst perfekt.
Angeklagter soll in Gaza weitere Ehefrauen und Kinder haben
Doch die Beziehung sei in die Brüche gegangen. Dennoch hätten beide weiterhin zusammen im Anwesen gewohnt. Der Angeklagte wurde vor Gericht als erfolgreicher Geschäftsmann beschrieben, der im Ausland mehrere Immobilien besitzen soll.
Spätestens seit März 2023 sei in ihm der Entschluss gereift, seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Gaza zu verlagern. Denn der Großteil seiner Familie lebe dort. Außerdem habe er dort noch zwei weitere Ehefrauen und Kinder.
Um seinen Plan schnell in die Tat umzusetzen, sei der Angeklagte im März 2023 nach Gaza gereist und hätte dort eine Wohnung hergerichtet. Zurück in Deutschland, habe er seiner Familie mitgeteilt, dass sie mit ihm nach Gaza kommen solle, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Doch die Frau habe das nicht gewollt, schilderte Staatsanwalt Johannes Weiß.
Beschuldigter soll Reisepässe der Familie an sich genommen haben
Sie habe zunächst auch eine Urlaubsreise in die Region abgelehnt, die der Angeklagte als Vorwand vorgeschlagen habe, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Doch als der Beschuldigte gedroht habe, dass er die Kinder mitnehmen und seine Frau diese nie wieder zu Gesicht bekommen werde, habe die Frau schließlich eingewilligt.
Am 6. August 2023 flog die Familie nach Gaza. Während der gesamten Reise habe der Ehemann alle Pässe an sich genommen. Der Anklageschrift zufolge lebten Frau und Kinder fortan in einer Wohnung mit anderen Familienmitgliedern des Angeklagten – und sollen dort mehrere Monate lang festgehalten worden sein. Und zu allem Überfluss habe die Mutter auch noch eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen müssen. Am 23. August 2023 habe sie der Angeklagte in ihrem Zimmer zum Sex gezwungen und dabei im Vaginalbereich verletzt.
Am 7. Oktober 2023 brach in Gaza der Krieg aus
Am 7. Oktober 2023 startete die Terrororganisation Hamas dann ihren Angriff auf Israel und in Folge brach ein Krieg aus. Frau und Kinder litten laut Staatsanwalt sehr unter den erschreckenden Ereignissen in Gaza. Dem Angeklagten hingegen sei das erspart geblieben. Er sei bereits am 3. September 2023 nach Deutschland zurückgekommen, um die letzten Schritte der dauerhaften Ausreise vorzubereiten. Doch am 12. September vergangenen Jahres klickten die Handschellen.
Die Ehefrau und ihre drei Kinder mussten wegen nach wie vor fehlender Pässe indes noch lange auf ihre Ausreise warten. Auch Familienmitglieder des Angeklagten hätten dabei geholfen, die Rückkehr nach Deutschland zu blockieren. Erst am 3. Dezember 2023 konnten Frau und Kinder mit Hilfe von Diplomaten, der deutschen Kriminalpolizei sowie des Auswärtigen Amtes das Kriegsgebiet verlassen und in die Bundesrepublik zurückkehren.
Richterin Elke Escher schlägt Rechtsgespräch vor
Nach etwa 20 Minuten wurde der Prozess am Landgericht unterbrochen. Richterin Elke Escher schlug ein Rechtsgespräch vor, die Prozessbeteiligten willigten ein. Etwa eine Stunde später wurde die Verhandlung fortgesetzt, aber nur kurz. Escher verkündete im Gerichtssaal, dass der Prozess am Dienstag, 22. Oktober, weiterverhandelt wird.
Bis dahin haben die beiden Verteidiger Zeit, mit dem Angeklagten in Ruhe zu sprechen. „Sie haben bestimmt noch einiges zu klären“, sagte Escher. Sieben Nachfolgetermine sind bisher bekannt. Ob all diese nötig sind, steht noch in den Sternen.
Auch, ob die Ehefrau, zugleich Nebenklägerin, noch vor Gericht aussagen wird, ist bis dato unklar. Sie wird von Jörg Jendricke anwaltlich vertreten und blieb dem ersten Prozesstag fern – vermutlich aus Eigenschutz. „Sie will die ganzen Vorkommnisse einfach hinter sich lassen“, sagte Jendricke nach Ende der Verhandlung.