Kritik an neuen Windrädern im Kreis Neumarkt: Was Naturschützer am Beispiel einer Gemeinde bemängeln

Die Windkraft ist Klimaschutz und damit Naturschutz. Zugleich greifen Windräder aber ins Landschaftsbild, die Natur und den Lebensraum von Tieren ein. Es ist ein Dilemma, mit dem vor allem Naturschützer ringen. Der Kreisverband des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) sieht im Landkreis Neumarkt rote Linien überschritten. Was sagen Politiker, Behörden und Investoren?
Der LBV unterstütze weiter grundsätzlich den Ausbau der Windkraft, schreiben der Kreisvorsitzende Bernd Söhnlein und seine Stellvertreter in einer Erklärung. Der Ausbau dürfe aber zu keiner weiteren Gefährdung ohnehin schon bedrohter Vogel- und Fledermausarten oder Lebensräume führen.
Der Landkreis Neumarkt zähle bereits jetzt zu den Gebieten mit der höchsten Dichte an Windrädern. „Sollten in erheblichem Umfang noch weitere Anlagen hinzukommen, verliert er endgültig sein prägendes, in Bayern einmaliges Gesicht“, erklärt der LBV.
Postbauer-Heng in der Kritik
Gerade die Zeugenberge rund um Neumarkt, die als Tafelberge weithin sichtbar und in Bayern in dieser Form einmalig seien, gerieten nun ins Visier der Windkraftlobby, sagen die Naturschützer. Windräder auf und im Umfeld der Zeugenberge lehnt der LBV strikt ab.
Genau dort aber sollen auf dem Gemeindegebiet von Postbauer-Heng drei Windräder entstehen. Die Gemeinde hat Flächen ausgewiesen. Die Bürgergenossenschaft Jurenergie und die N-ergie entwickeln gemeinsam die Projekte.
Die drei Windräder zeigten, dass ohne Rücksicht auf die vorhandenen Gegebenheiten agiert werde, kritisiert der LBV. Seiner Ansicht nach ist der Standort nicht nur wegen des Landschaftsbilds ungeeignet. Die Standorte auf einer Höhe von 460 bis 490 Meter lägen im Windschatten von höheren Bergen wie Dillberg (595 Meter) und Tyrolsberg (573 Meter). Der LBV sieht dies als wenig sinnvolle Planung.
Sind Windrad-Standorte in Postbauer-Heng wirtschaftlich?
Investieren Unternehmer Geld in unwirtschaftliche Standorte? Michael Vogel von der Jurenergie ist sehr sicher, dass die Genossenschaft das nicht tut. Laut Gutachter lasse sich an den Standorten genügend Wind ernten. Erste Untersuchungen seien so erfolgsversprechend gewesen, dass die nächsten Schritten im Genehmigungsverfahren angestoßen worden seien. Unter anderem auch der Artenschutz. Er ist mit dem Naturschutz nur einer von vielen Punkten, auf die einzelne Standorte im Zuge des Verfahrens geprüft werden.
So detailliert blickt die Regionalplanung nicht auf die Flächen, die aktuell bayernweit für die Windkraft ausgewiesen werden. Zur Erinnerung: Der Bund hat mit einem Gesetz dem Windkraft-Ausbau überragende Bedeutung zugesprochen, dem andere Belange sich teils unterordnen müssen.
Deswegen passte Berlin das Bundesnaturschutzgesetz an. Es öffnet nun Landschaftsschutzgebiete für Windräder. Andere Schutzgebietsklassen sind aber nach wie vor tabu. Zudem erhielt die Artenschutzprüfung bundeseinheitliche Standards, um den Prozess zu beschleunigen. Der Gesetzgeber versucht, die Ziele des Windkraft-Ausbaus und des Naturschutz auszutarieren.
Bayern hat bei Windkraft Flächenziele zu erreichen
So soll es gelingen, dass die Bundesländer wie Bayern in Schritten bis 2032 1,8 Prozent ihrer Fläche für Windräder ausweisen. Planen sollen dies die Regionalen Planungsverbänden, in denen die Landkreise und Gemeinden organisiert sind. Sie müssen ebenfalls Flächenziele erreichen. Werden diese verpasst, fallen rechtliche Beschränkungen und Windräder könnten an Stellen gebaut werden, wo sie von Gemeinden nicht gewollt wären.
„Wir müssen Flächen ausweisen“, sagt Postbauer-Hengs Bürgermeister Horst Kratzer mit Blick auf das Gesetz. Aber auch wenn dieser rechtliche Zwang nicht bestünde, gebe es einen Sachzwang, sagt Kratzer: die Klimakatastrophe.
Postbauer-Heng kann nicht einfach keine Flächen ausweisen, sagt auch Michael Gottschalk, Geschäftsführer des Regionalen Planungsverbandes Regensburg, zu dem der Landkreis Neumarkt gehört. Wer Flächen hat, die geeignet sind, muss ausweisen, damit das gemeinschaftliche Flächenziel erreicht wird. Oder alle leiden.
Postbauer-Heng hat es aufgrund seine geringen Fläche und der wenig hügeligen Topographie nicht leicht, geeignete Plätze zu finden. Diese müssen nicht nur genügend Wind bieten. Auch dürfen gegen die Flächen keine Ausschlusskriterien wie beispielsweise wichtige Infrastruktur oder eben Natur- und Artenschutzrecht sprechen. Übrig blieben in Postbauer-Heng jene drei Flächen auf den Anhöhen östlich des Hauptorts, wie Kratzer erklärt.
Landesbund für Vogelschutz ist gegen Windräder im Wald
Einen besonderen Schutzstatus, der wegen des Landschaftsbildes den Bau von Windrädern auf den Zeugenberge verhindert, gebe es nicht, erläutert Gottschalk.
Der LBV wendet sich gegen die Standorte aber auch, weil sie im Wald sind. Generell plädiert er dafür, Windräder auf offenen Flächen zu errichten. Der Eingriff in den Wald für den Bau und den Unterhalt sei größer und Natur sowie Tiere werden dauerhaft gestört.
Michael Vogel von der Jurenergie erkennt an, dass mit Windrädern im Wald Eingriffe verbunden sind. Allerdings ist er überzeugt, dass mehr Nutzen als Schaden ensteht. „Der Waldzustandsbericht zeigt deutlich, worunter der Wald wirklich leidet – und zwar zu allerletzt unter Windenergieanlagen.“ Das größte Problem ist demnach der Klimawandel.
„Wir können nicht alle Wünsche erfüllen und müssen manche Kröte schlucken“, ist Michael Gottschalk überzeugt. Es brauche Kompromisse zwischen dem Ausbau der erneuerbaren Energien einerseits und anderen Belangen wie dem Natur- sowie Artenschutz andererseits.
Wo dabei die Grenzen verlaufen, beurteilen die diversen Seiten naturgemäß unterschiedlich.