In Haft: Captagon-Pate in Regensburger Fall in der Türkei gefasst

Von André Baumgarten · 22. Oktober 2024 um 05:00

Nach Riesen-Drogenfunden in und bei Regensburg: Einem der mutmaßlichen Drahtzieher hinter dem internationalen Milliardengeschäft droht lange Haft. Drogenexperte beim österreichischen BKA bestätigte Festnahme. Ein Tatortbesuch in Niederbayern.

Das Milliardengeschäft mit Captagon dreht sich um Drogen, Macht, Terror. Recherchen der Mediengruppe Bayern mit einem ARD-Netzwerk sowie der F.A.Z. belegen: Die Täter der zwei größten Sicherstellungen 2023 in Regensburg und Aachen standen in direkter Verbindung. Genauso, wie der erste Fund der hochgefährlichen Aufputschdroge 2021 vor den Toren Regensburgs und ein großer Fall in Salzburg – der Drahtzieher dahinter ist jedoch nun gefasst. Österreichische Ermittler bestätigen: Onkel Abu Khaled, bürgerlich Ali Al Baradei, sitzt in Haft. Neue Spuren führen in die Türkei.

Ortstermin in Hinterbach bei Laberweinting (Lkr. Straubing-Bogen): In einer einsam gelegenen Lagerhalle stellen Zoll und Landeskriminalamt im Mai 2021 insgesamt 251 Kilo Captagon sicher. Fast dreieinhalb Jahre danach steht Josef Kerscher, der Vermieter, noch immer vor Überbleibseln dieses Falles – bis heute lagern Tonnen der Tarnware in seiner Halle. „Import Export hat er gesagt, mit Saudi-Arabien.“ So hätte ihm der Mieter damals erklärt, was er tue. Dass der im Oktober 2022 in Regensburg verurteilte Mann mit Drogen handelte, „da bin ich überhaupt nicht drauf gekommen“.

Hamas, Hisbollah, Assad – Captagon finanziert Terror

Tatsächlich ist Captagon, auch das Kokain des kleinen Mannes genannt, speziell im Nahen Osten weit verbreitet. Die gelblich-weißen Tabletten sind gefragt, bringen bis zu 15 Dollar das Stück. Die Kosten der Herstellung liegen im Centbereich – ein Milliardengeschäft. Das fest in Händen von Syriens Diktator Baschar al-Assad ist und Terror finanziert. Die Hisbollah kontrolliert laut Studien ein Fünftel des Welthandels. Als Hamas-Terroristen am 7. Oktober Israel überfielen, hatten Kämpfer Captagon bei sich, berichteten dortige Medien damals.

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In Deutschland spielt die Droge – eine Mischung aus Amphetamin, Koffein und Paracetamol – bislang kaum eine Rolle. Nur wenige hundert Tabletten werden laut Bundesregierung jährlich im Straßenhandel sichergestellt. So steht es in der Antwort des Auswärtigen Amtes auf eine Kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Laut dem Papier, das dem Rechercheteam von BR, MDR, rbb, SWR, F.A.Z. und Mediengruppe Bayern vorliegt, „kann eine zunehmende Rolle Deutschlands als Transitland nicht ausgeschlossen werden“. Deutschland und Europa spielen jedoch längst eine größere Rolle – das zeigen die Recherchen. In einer Autowerkstatt in Regensburg hebt das Bundeskriminalamt im Juli 2023 eine Produktionsstätte aus − mehr als 300 Kilo dort gepresste Tabletten werden gefunden. Dazu Material für weitere drei Tonnen Captagon im Straßenwert von 300 Millionen Dollar.

DNA führt von Aachen zurück nach Regensburg

Nur drei Monate später fliegen im Raum Aachen wieder Schmuggler auf, erneut alles syrische Staatsbürger: Die rund 460 Kilo Captagon, die sie versandt haben sollen, scheinen aber nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Das Landgericht geht nur in einem der drei Tatkomplexe von über 530 Kilo aus, die beschafft wurden. „Insgesamt geht es in dem Verfahren um über eine Tonne“, so eine Gerichtssprecherin. Verbindungen zwischen Aachen und der Oberpfalz bringen Recherchen von Mediengruppe Bayern mit der Frankfurter Allgemeinen und ARD-Sendern ans Licht. Ein in Aachen Angeklagter hinterließ DNA und Fingerabdrücke am Tatort in Regensburg.

„Wenn Sie Produktionslabors finden, dann haben Sie die Phase des Transits überschritten. Ich würde sagen, dass es an der Zeit ist, zu handeln.“

Ex-DEA-Agent Antonio Hubbard

Damit offenkundige Netzwerke hinter dem international organisierten Handel mit Captagon werden aber kaum beleuchtet. Ex-DEA-Agent Antonio Hubbard, selbst 25 Jahre bei der US-Drogenbehörde aktiv, erklärt: Für Deutschland sei es „an der Zeit, zu handeln“. Das sieht auch Außenpolitiker Jürgen Hardt so. Es gebe Handlungsbedarf, „dass diese Droge in Deutschland weder Verbreitung findet, noch hier erzeugt wird“, fordert der Sprecher von CDU/CSU im Bundestag. Die Bundesregierung „beobachtet Entwicklungen fortlaufend“, lautete deren Auskunft dazu.

Tarnware aus altem Fall stapelt sich bis zur Decke

Vermieter Josef Kerscher, dessen Halle in Laberweinting im Zentrum internationaler Drogenschmuggler stand, hat damit abgeschlossen. „Ja, sicher hat mich das überrascht“, sagt er rückblickend. Bis Zoll und LKA-Ermittler im Hof standen, „wäre ich nie draufgekommen, das der mit Drogen handelt“, erzählt der 66-Jährige über den Mieter und die Hinterlassenschaften. Denn im Lager türmen sich Päckchen mit „Made in Syria“-Aufschrift und Marmorkiesel bis heute. Unter letzterem waren die sichergestellten Tabletten versteckt.

Normalerweise „wird versucht, verkehrsfähige Waren zu versteigern“, erklärt Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher. Warum das nicht geschah, konnte der Sachbearbeiter des ersten Captagon-Fundes in der Region auf die Schnelle nicht aufklären. Der Pate hinter dem Fall ist ihm aber ein Begriff: Ali Al Baradei, der auch in einem Verfahren in Salzburg eine Rolle spielte. So erfuhr Rauscher davon. Nachrichtendienste stufen den 64-jährigen Libanesen als Big Player ein. Ins Netz ging er aber weder in Österreich, noch in Deutschland.

Abu Khaled wartet in der Türkei auf seinen Prozess

Das hat sich geändert: „Onkel Abu Khaled“, wie er von Komplizen genannt wurde, sitzt in der Türkei in U-Haft. Das bestätigte Daniel Lichtenegger, Drogenexperte beim österreichischen Bundeskriminalamt, dem Rechercheteam: „Er wartet da auf ein Gerichtsverfahren.“ Gegen den Mann werde wegen früherer Lieferungen mit Hunderten Kilogramm Captagon ermittelt. „Und es wird erwartet, dass er zu einer hohen Haftstrafe verurteilt wird.“ Gefängnisstrafen im zweistelligen Bereich stehen auch in dem bis dato jüngsten Fall in Aachen im Raum: Das Urteil soll dort spätestens am 15. November fallen.

Das ARD-Politmagazin „report München“ sendet am 22.Oktober, 21.45 Uhr, einen Beitrag zum Thema. Eine Doku zur gemeinsamen Medienrecherche ist im Internet abrufbar: www.ardmediathek.de

Stichwort: Captagon

• Medikament: Das unter dem Namen Captagon vertriebene Arzneimittel enthielt Fenetyllin, um Aufmerksamkeitsstörungen zu behandeln. Wegen massiver Nebenwirkungen wurde es 1986 verboten. Verschwunden ist es nie – Drogenhändler entdeckten es. „Sie haben ganz normal Amphetamin in die Tabletten verpresst“, sagt Lutz Preisler, Spezialist für synthetische Drogen, beim BKA in Wiesbaden.

• Betäubungsmittel: Verkauft werden die gelblich-weißen Tabletten mit der geschwungenen Doppel-C-Prägung vor allem in Saudi-Arabien, Jordanien, den Arabischen Emiraten, Jordanien oder Bahrain. Weil, so glauben Experten, Alkohol und Betäubungsmittel streng verboten sind – Captagon gelte (sei es bei Taxifahrern oder als Partypille) demnach noch immer als Medikament.

Das Problem Captagon (im Bild Tabletten einer Beschlagnahmung im Nahen Osten) geht „über Ländergrenzen in Deutschland, sogar in der EU und weltweit hinaus“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher. Er fordert eine enge, strukturierte Zusammenarbeit der Ermittler. Foto: MDR/Screenshot