Ist die zuverlässige Pflegerin eine Mörderin? Überlebende sprechen über Blackouts und fehlende Ringe

Von Philip Hell · 16. Oktober 2024 um 19:01

Die zierliche Frau nimmt kaum Notiz von den zahlreichen Kameras, die auf sie gerichtet sind. Vor ihr liegt ein Stapel Akten. Die 37-jährige Philippinerin blättert darin, ab und zu neigt sie den Kopf zu ihrer Anwältin Anna Schwarz. Die ehemalige Krankenschwester wirkt entspannt – doch die Vorwürfe gegen sie wiegen schwer.

Laut Staatsanwaltschaft soll die 37-Jährige im Januar und Februar dieses Jahres insgesamt sechs Patienten im Krankenhaus St. Josef mit dem Mittel Midazolam betäubt und anschließend beraubt haben. Eine 65-Jährige starb infolgedessen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau vor, eine Mörderin zu sein. Über ihre Anwälte Anna Schwarz und Andreas Hoyer bestreitet die Frau am gestrigen ersten Prozesstag, etwas mit den Vorwürfen zu tun zu haben.

Mord in Regensburger Klinik? Eine herzliche Kollegin unter Verdacht

Die Tür des Gerichtssaals öffnet sich, eine ältere Dame kommt herein, sie muss sich erst einmal orientieren. Die 77-Jährige nimmt auf dem Zeugenstuhl vor Richter Polnik Platz und erzählt von jenem 19. Februar. Auf dem Friedhof bekam sie schlecht Luft, weshalb sie ins Krankenhaus gebracht wurde. Die 77-Jährige kam in ein Zimmer auf Station 6. Abends rief sie einen alten Freund an, als eine Schwester zu ihr kam. Ihr Zugang müsse gespült werden. Sie telefonierte weiter mit ihrem Freund – bis sie auf einen Schlag weg war. Ihr Freund schrie noch in den Hörer. Sie hörte es nicht mehr. Am nächsten Morgen erwachte sie mit dem Gefühl, außergewöhnlich gut geschlafen zu haben. Erst später erfuhr sie: Die Pfleger wurden auf ihre Ohnmacht aufmerksam, sie schüttelten die 77-Jährige, doch sie wurde nicht wach. Sie schoben die Patientin sogar in ein CT-Gerät. Sie bekam es nicht mit. Am Morgen bemerkte sie allerdings: Ihre beiden Ringe sind weg. „Es waren die letzten Geschenke meines Lebensgefährten, bevor er gestorben ist.“ An die Pflegerin, die sie vor der Ohnmacht behandelte, kann sie sich nicht mehr erinnern. Nur so viel: „Sie hatte lange, schwarze Haare.“

Ihre schwarzen Haare fallen der Angeklagten über die Schulter. Der Reihe nach kommen am Mittwoch einige ihrer ehemaligen Kolleginnen in den Gerichtssaal. Sie vermeiden den Augenkontakt zu der Frau, die über rund drei Jahre mit ihnen gearbeitet hat – und sind doch voll des Lobes über die 37-Jährige. Eine Krankenschwester beschreibt die Angeklagte als „herzlich, zuverlässig und gut integriert“. „Ich kann nichts Negatives über sie sagen.“ Die anderen Kolleginnen äußern sich ähnlich. Eine sagt: „Sie war mit Leib und Seele Krankenschwester.“

Nur einmal, da sei etwas Komisches passiert, erzählt eine Pflegerin: Im Januar kam die Kollegin nicht zum Dienst. Sie war verhaftet worden, weil sie eine Tasche gestohlen haben soll. Als die Mord-Vorwürfe die Runde machten, habe sie das kaum glauben können. „Das muss doch ein Fehler sein.“

Opfer kommen die Tränen

Ein weiteres Opfer nimmt vor Richter Polnik Platz. Die 59-Jährige tritt auch als Nebenklägerin auf. Einen Tag nach ihrem Geburtstag kam sie in das Josefskrankenhaus. Eine Routineuntersuchung stand an. Am Abend kam eine Pflegerin. Sie stellte sich mit Namen vor und sagte, sie müsse einen Zugang legen. Die Krankenschwester verließ das Zimmer. Der Geschädigten versagt die Stimme. Unter Tränen spricht sie weiter.

Plötzlich umfing die 59-Jährige eine Ohnmacht. Kurz vor Mitternacht erwachte sie. Das Zimmer war hell erleuchtet. Der Fernseher lief. Am nächsten Tag bemerkte sie, dass Ohrringe und ein Ring fehlen.

Die Angeklagte verfolgt den Prozess aufmerksam. Häufig blättert sie in ihren Akten. Sie sitzt still da, ihre Fußfesseln rascheln selten. Sie blickt die Zeugen, ihre ehemaligen Kollegen und mutmaßlichen Opfer ruhig an. Nur als ein Arzt einen Fall eines ohnmächtigen Patienten anspricht, wird sie hektisch. Sie gestikuliert mit einem Stift und flüstert ihrer Anwältin ins Ohr. Es sieht ein wenig so aus, als würde sie einen medizinischen Vorgang demonstrieren.

Ein ehemaliger Soldat betritt den Gerichtssaal. Auch er soll zum Opfer der zierlichen Frau geworden sein. Viel wisse er nicht mehr. Er könne sich daran erinnern, dass eine asiatisch aussehende Krankenschwester seinen Tropf gewechselt hat – und dass er irgendwann gegen Mittag erwachte. Er entließ sich selbst und stellte fest: Ihm fehlen zwei Ringe. Der Soldat stellte das Zimmer auf den Kopf, schraubte sogar den Siphon im Bad auf. Die Ringe blieben verschwunden. Bis heute.

Plötzlich fehlt der Ring

Die Geschichten der mutmaßlichen Opfer ähneln sich. Eine 66-Jährige berichtet davon, nach einer Spülung der Infusion plötzlich in den Sog der Ohnmacht geraten zu sein. Mit aller Kraft gelang es ihr, dagegen anzukämpfen. Sie hörte, wie die Krankenschwester, die sie gerade noch behandelt hatte, im Badezimmer herumkruschte. Am nächsten Tag fehlte ihr ein Ring, den sie im Bad abgelegt hatte.

Beim Prozessauftakt wurde auch klar, dass die Vorfälle nicht nur ähnlich abliefen. Stets hatte auch jene Frau Dienst, die seit Mittwoch auf der Anklagebank sitzt. So fiel der Verdacht wohl auf sie.

Am Freitag dreht sich der Prozess um die Frau, die nach der Betäubung starb. Ob die zierliche Frau tatsächlich eine Mörderin ist, wird das Landgericht aller Voraussicht nach Ende Oktober entscheiden.