Kelheims Jobmotor: Wie die Autozulieferer mit fast 4500 Mitarbeitern der Krise trotzen wollen

Von Martin Rutrecht · 16. Oktober 2024 um 19:00

Das Mainburger Werk der Firmengruppe Röchling mit 100 Jobs macht Ende des Jahres dicht, bei Mahle Behr in Neustadt blicken 400 Mitarbeiter ab 2026 in eine ungewisse Zukunft: Die schwächelnde Automobilindustrie schlägt auf Zulieferbetriebe im Landkreis Kelheim durch. Andere Unternehmen der Region trotzen der Krise.

Die Bedeutung der Branche im Landkreis zeigt sich allein an den Jobdaten. „Laut Bundesagentur für Arbeit waren 2023 insgesamt 4412 Beschäftigte in der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen tätig“, erklärt Manuel Lorenz, Leiter der Geschäftsstelle Kelheim der IHK Oberpfalz/Kelheim. Das entspreche zehn Prozent aller Beschäftigten und „ist mit Abstand der höchste Wert einer einzelnen Branche“. Dahinter folgen das Gesundheitswesen, baunahe Dienstleistungen und der Einzelhandel.

Rund 100 Jobs werden Ende 2024 wegfallen – mit der Schließung des Mainburger Werks der Gruppe Röchling Precision Components. Von einer sich abzeichnenden „Unterauslastung“ spricht die Geschäftsführung. Anders gesagt: Es fehlen die Aufträge.

Eine ähnliche Situation droht Mahle Behr in Neustadt. Bis Ende 2026 ist das Auftragsvolumen gesichert. Danach, so schlugen Betriebsrat und Gewerkschaft jüngst Alarm, stünden 400 Jobs im Feuer. Von Unternehmensseite wird auf ein „äußerst angespanntes wirtschaftliches Umfeld“ verwiesen. Demnächst beginnen Gespräche zur Standortsicherung.

Gewerkschaft fürchtet Abwanderung ins Ausland

Hinter den Schwierigkeiten steckt die Krise der deutschen Automobilhersteller: rückläufiger Absatz, verhaltene Nachfrage nach E-Autos. „Entsprechend kommen auch die Aufträge für die Zulieferbetriebe nicht mehr“, sagt Andreas Blaser, Bezirksvorsitzender der IG BCE Kelheim-Zwiesel. Er sieht ein „düsteres Szenario“ aufziehen. „Viele Firmen werden wegen hoher Herstellungs- und Energiekosten in Deutschland in Abwanderung gehen.“

Von Unternehmen mit Werken im Landkreis kommt eine gegenteilige Aussage – mit Bekenntnissen zu den Standorten. Bei SMP mit 2650 Mitarbeitern in Neustadt spricht man zwar auch von der angespannten Situation. Man sei „stark vom Produktionsprogramm unserer Hauptkunden Audi, BMW und Porsche abhängig, was unsere alltägliche Produktionsfahrweise und Ausrichtung maßgeblich beeinflusst“, sagt Jasmin Riethmeier von der Abteilung Human Resources. Bisher jedoch fanden „keine massiven Schichtausfälle statt und sind auch in der näheren Zukunft nicht angekündigt. Im Gegenteil, einige Fahrzeugvarianten werden sehr stark nachgefragt, was dazu führt, dass wir unsere Schichtmodelle erweitert haben.“

Betriebe suchen weitere Arbeitskräfte

Anzeichen für Auftragsrückgänge sieht SMP, das unter anderem Stoßfänger, Schweller, Türverkleidungen und Instrumententafeln produziert, nicht. Der Standort Neustadt sei gesichert, ein Stellenabbau nicht geplant. Im Gegenteil: Mitarbeiter würden gesucht. In diesem Jahr „haben wir mehrere Großprojekte erfolgreich in Betrieb genommen, darunter die neue Lackieranlage L6 und ein modernes Zukaufteillager.“

Auch bei Yanfeng, mit 600 Beschäftigten ebenfalls in Neustadt angesiedelt, zeigt man sich für die Herausforderungen gewappnet. „Wir beobachten die sich entwickelnde Marktdynamik genau. Wir nehmen vorübergehende Anpassungen an unseren Personaleinsatzplänen vor, um unseren Betrieb als Reaktion zu optimieren“, erklärt Oliver Wimmer, Manager Human Resources.

Aufträge bis ins nächste Jahrzehnt

Der aktuelle Auftragsbestand stelle eine starke Basis für die Zukunft des Standortes dar, „mit positiven Aussichten bis ins nächste Jahrzehnt“. Laut Wimmer werde die aktuelle Personalstruktur beibehalten. Auch Yanfeng, das in Neustadt Türinnenverkleidungen sowie Instrumententafeln für Audi, BMW und Mercedes fertigt, sucht Arbeitskräfte.

Gut aufgestellt gibt sich auch das Unternehmen Magna für sein Werk in Elsendorf, wo rund 100 Mitarbeiter Karosserieteile produzieren. „Aktuell erweitern wir den Standort um eine Produktionshalle mit knapp 5000 Quadratmetern. Hintergrund ist der Gewinn von Neuprojekten, für die weitere Produktionsfläche benötigt wird“, sagt Rej Husetovic, Direktor für Unternehmenskommunikation. Die Baumaßnahmen sollen im April 2025 abgeschlossen sein, der Serienbetrieb 2026 bzw. 2027 starten. „Unsere Personalanpassungen sind eher moderat.“

Schichten fallen aus – in anderen Bereichen Personalaufbau

Den Eindruck, dass es unterschiedliche Entwicklungen – Schließung hie, Standort-Festigung da – gibt, bestätigt Rico Irmischer, 1. Bevollmächtiger der IG Metall Regensburg (zuständig auch für Kelheim). „Unsere Betriebsräte berichten von ausfallenden Schichten, zurückgenommenen Aufträgen und ähnlichem. Sie berichten aber auch vom Fachkräftemangel und dem Personalaufbau in einigen Bereichen.“

Der Druck auf der deutschen Autoindustrie sei die eine Seite, so Irmischer weiter. „Die Beschäftigten erkennen aber auch, dass einige Probleme von den Unternehmen hausgemacht sind – durch fehlende oder falsche langfristige Strategien, schlechte oder ausbleibende Investitionen.“ Sorge oder gar Angst ist für Irmischer ein schlechter Berater. „Wir machen Druck, drängen auf Zukunftstarifverträge mit Investitionszusagen und nutzen tarifliche Instrumente zur Beschäftigungssicherung.“

Die Betriebe und der Zuwachs an Mitarbeitern

Unternehmen: Bekannte Autozulieferer im Landkreis sind laut IHK beispielsweise SMP, Yanfeng, Mahle Behr oder Kromberg & Schubert. Die Liste der Betriebe ist aber deutlich länger. Hierzu zählen auch weniger offensichtliche Unternehmen wie Bachner Elektro in Mainburg oder BLG in Kelheim. Tatsächlich ist die Bedeutung sogar noch höher, da Automobilkomponenten beispielsweise aus Elektro-, Kunststoff- oder Metallbetrieben stammen, die statistisch anderen Branchen zugeordnet werden.

Entwicklung: Von 2008 bis 2023 hat die Branche im Landkreis 1371 Beschäftigte hinzugewonnen (aktuell 4412). Das entspricht einem Anstieg um rund 45 Prozent. 2019 bis 2021 gingen die Mitarbeiterzahlen leicht zurück, danach stiegen sie wieder deutlich an.

Yanfeng in Neustadt setzt unter anderem auf die autonome Fahrzukunft. Foto: Yanfeng/dpa