Autozulieferer in Neustadt: 400 Jobs stehen im Feuer – Droht Verlagerung ins Ausland?

Von Martin Rutrecht · 20. September 2024 um 19:00

Die deutsche Automobilindustrie steckt in der Krise. Was auch gravierende Folgen für ein Autozulieferer-Werk in Neustadt/Donau (Landkreis Kelheim) haben könnte. Der Standort ist bis 2026 gesichert. Dann aber brechen wichtige Aufträge weg – 400 Mitarbeiter bangen um ihren Job.

Die deutschen Autohersteller schlagen Alarm: Die Absatzzahlen sinken, E-Autos werden (wegen auslaufender Förderungen) zu Ladenhütern, die Produktionskosten in Deutschland sind hoch. Am stotternden Motor hängen auch die Autozulieferer – wie Mahle Behr in Neustadt.

Dort kann Peter Meier, stellvertretender Betriebsrats-Vorsitzender (der Vorsitzende ist im Urlaub), zunächst eine gute Nachricht verkünden. „Wir haben seit Juli die Zusage, dass wir ein Auftragsvolumen von einem anderen Werk in den USA bis Ende 2026 behalten dürfen.“ Die schlechte Kunde des 64-Jährigen folgt umgehend: „Danach wissen wir aktuell nicht, wie es weiter geht. 400 Jobs stehen im Feuer.“

Zittern begann vor einem Jahr

Mahle Behr fertigt in Neustadt Komponenten der Klimatechnik (Motorkühlung, Klimaanlagen) für mehrere Automobilhersteller. Schon im Vorjahr gab es einen Rückschlag. Ein Auftrag für BMW in Dingolfing lief aus, für das Folgemodell erhielt Neustadt keinen Zuschlag. Um 50 Arbeitsplätze ging es damals, Gewerkschaft und Betriebsrat kämpften vor den Werkstoren mit Protesten um ein Ersatzgeschäft.

Im Herbst 2023 herrschte Erleichterung: Die Geschäftsführung von Mahle Behr – eine Tochter des weltweit vertretenen Mahle-Konzerns (über 72.000 Beschäftigte, 148 Standorte) – verlagerte die Produktion von Klimaanlagen vom US-Werk in Charleston, das still gelegt wird, nach Neustadt. „Wir sprechen von 1000 Stück am Tag, die zu den 500 Stück, die wir weiterhin für BMW herstellen, hinzukamen“, erklärt Meier. Damit war die Auslastung gesichert.

Vorläufige Rettung, ungewisse Zukunft

Indes: Die Zusicherung galt nur bis Ende September 2024. „In langen, hartnäckigen Verhandlungen“, so Rico Irmischer, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg, die auch für Kelheim zuständig ist, wurde mit der Geschäftsführung um eine Zukunft gerungen. „Wir haben über ein Jahr dafür gekämpft, den Standort und die Beschäftigten zu sichern.“

Vor dem Sommer fiel die Entscheidung: Der Auftrag aus Charleston bleibt hier. Von Arbeitnehmerseite mussten keine Zugeständnisse gemacht werden, betont Irmischer. Der Pferdefuß allerdings ist erneut der Zeithorizont – Ende 2026 läuft der Auftrag aus.

Fertigung auch für Porsche und Jaguar Land Rover

Für BMW würde sich das Volumen von 1500 Stück auf 500 reduzieren. Auch für Volvo (1300 Stück) geht ein Auftrag in 2026 auf eine geringere Stückzahl zurück. Für andere Hersteller (Porsche, Jaguar Land Rover) produziert Neustadt aktuell 700 Klimaanlagen. Die Gesamtfertigung liegt also bei 3500 Stück am Tag. „Ohne Folgeaufträge müsste ein Teil der Mitarbeiter nach 2026 abgebaut werden“, so Meier.

Für den stellvertretenden Betriebsrats-Chef steht damit der gesamte Standort in Frage. „Auch mit weniger Beschäftigten bleiben Fixkosten für Maschinen und Energie gleich. Das Werk wird letztlich defizitär – und ist aus Unternehmersicht nicht mehr rentabel.“

Mahle-Konzern sagt zur konkreten Lage nichts

Mahle International äußert sich zur konkreten Situation in Neustadt nicht. Allgemein habe die Branche „derzeit mit einem äußerst angespannten wirtschaftlichen Umfeld zu tun. Wir gehen davon aus, dass dieser starke Gegenwind anhalten wird“, teilt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage der Mediengruppe Bayern mit.

Von Betriebsratsseite wird ein weiterer Unsicherheitsfaktor ins Feld geführt. Laut Meier plant Mahle Behr, die Fertigung von Klimaanlagen komplett in ein Werk in der Slowakei auszulagern. „Argumentiert wird mit Kosten, Kosten, Kosten. Nur: Wir werden heuer ein positives Ergebnis erzielen, der Betrieb in der Slowakei nicht“, so der BR-Vertreter, der auch herausstellt: „Ich frage mich, wie es mit der CO2-Neutralität aussieht, wenn Lkw über Hunderte Kilometer zu Produktionsorten deutscher Hersteller fahren.“ Die Mahle-Sprecherin erklärt erneut nur grundsätzlich, man setze „Maßnahmen zur Portfolio- und Standortoptimierung sowie Verbesserung des Umlaufvermögens um“.

Betriebsrat und Gewerkschaft wollen kämpfen

Für Betriebsrat und Gewerkschaft steht fest: „Wir werden um den Standort kämpfen. Viele Mitarbeiter wünschen sich eine Zukunft in Neustadt.“ Vorstellbar wäre, Ersatzgeschäfte – auch für andere Hersteller – an Land zu ziehen, gefordert sei das Management. „In Neustadt besteht ein funktionierendes Werk mit viel Know-how“, sagt Irmischer von der IG Metall. Klimaanlagen seien in Verbrennern ebenso vorhanden wie in E-Autos, insofern gehe es nicht um Komponenten, die nicht mehr benötigt würden. „Es dreht sich rein um eine strategische Entscheidung des Unternehmens.“

Demnächst nehmen ein Standortteam aus Neustadt und Unternehmensvertreter Gespräche auf. Peter Meier gibt sich zuversichtlich. „Ich hätte nie geglaubt, dass wir den Auftrag aus den USA übernehmen können. Deshalb bin ich auch jetzt optimistisch, dass es eine Lösung geben wird.“

Die Historie des Werks

Aufbau: Im Jahr 1985 wurden die Produktionslinien in Neustadt hochgefahren. Ein Jahr darauf startete das Werk unter dem Namen „Süddeutsche Kühlerfabrik“.

Eigentümer: 1990 wurde Behr, der Familienname des Firmengründers in Stuttgart, namensgebend. 2013 erwarb Mahle die Mehrheitsanteile an der Behr GmbH.

Beschäftigte: Den Höchststand an Personal erreichte der Betrieb mit 750 Mitarbeitern im Jahr 2014. Heute sind 400 Arbeitskräfte am Standort Neustadt tätig.