Wie der tschechoslowakische Geheimdienst bei Furth im Wald mit Hinterlist Flüchtlinge täuschte

Ein Vortrag stand im Zeichen der Aktion Kámen. Vaclava Jandeckova, die das Thema erforscht hat, berichtete von einem perfiden Schmierentheater, das ab 1948 vielen Antikommunisten die Freiheit gekostet hat. Begonnen hat alles ganz in der Nähe von Furth im Wald.
Was die Besucher im voll besetzten Georgssaal zu hören bekamen, klang ungeheuerlich und aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Ab 1948 hat der tschechoslowakische Geheimdienst Flüchtlingen suggeriert, sie befänden sich bereits in Deutschland.
So gaben diese bereitwillig Auskunft und wurden im Anschluss daran verhaftet und teilweise lebenslänglich eingesperrt. Wie das geschah, entbehrt bei aller Dramatik, die es für die Opfer bedeutete – 42 wurden von Vaclava dokumentiert, mehrere hundert werden vermutet –, nicht einer gewissen Komik.
Begonnen hat die Aktion Kámen (zu deutsch etwas: Operation Grenzstein) ganz in der Nähe von Furth im Wald. Fährt man von Eschlkam in Richtung Neumark (Vseruby) auf tschechischer Seite, befindet sich kurz hinter der Grenze einer der typischen Märkte. Dort führt linker Hand ein kleiner Weg zu einem See (Myslivsky rybnik). Zu damaligen Zeit, als die Kommunisten gerade die Macht im Land übernommen hatten, nahm der Wahnsinn dort seinen Anfang.
Eine perfekte Täuschung
Heute verschwunden, existierte damals noch der Ort Schneiderhof (Mysliv). Dort wurde ein Haus angemietet. Wenn man zynisch sein will, könnte man sagen, es wurde mit viel Liebe zum Detail eingerichtet: amerikanische Flaggen, Portraits amerikanischer Präsidenten, Schweizer Schokolade für Kinder und auf den Schreibtischen Etuis mit amerikanischen Zigaretten. Der Unwissende sollte glauben, er befände sich bereits in Deutschland in der amerikanischen Besatzungszone. Eine perfekte Täuschung. „Aktion Kamen wurde immer dann eingesetzt, wenn alle anderen Methoden des Geheimdienstes nicht griffen“, so die Wissenschaftlerin, die das Thema zu Anfang aufgegriffen hat, weil ihr Großvater Ota Tulacka an tatsächlichen Schleusungen beteiligt war und dabei mit einer tragischen Schlüsselfigur, Stanislav Liska, zusammengearbeitet hat. Der war Polizeichef von Neumark und somit verpflichtet, die falschen Schleusungen durchzuführen. Ins Visier geriet dabei, wer sich volksschädlich verhielt und dem man anders nicht habhaft werden konnte.
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Erstes Opfer war am 23. April 1948 Jan Prosvic. Er wurde einerseits bedroht, andererseits wurde ihm von einem falschen Fluchthelfer Unterstützung angeboten. Ein verlockendes Angebot, dem er nicht widerstehen konnte. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern wurde er nach Neumark gebracht. Von dort ging es zu Fuß über die vermeintliche Grenze, die natürlich noch in einiger Entfernung lag. Bereitwillig erzählte Prosvic den falschen Amerikanern und Deutschen alles, was sie wissen wollten. Als alles gut schien, wurde er danach wegen illegalen Grenzübertrittes verhaftet und eingesperrt. Dabei wurde so vorgegangen, dass den bedauernswerten Opfern zu keinem Zeitpunkt klar war, dass sie getäuscht wurden. Auch Prosvic glaubte, er sei zurückentführt worden. 1949 gelang ihm schließlich die Flucht, seine Familie musste er zunächst zurück lassen. Das war die erste von vielleicht mehreren hundert Hollywoodreifen Inszenierungen entlang der bayerischen Grenze. An mehreren Orten wurden Häuser angemietet, die manchmal an einem Tag eingerichtet und nach der Aktion wieder ausgeräumt wurden. Jandeckova hat in den Archiven Dokumente gefunden, in denen von der Uniform, über die zu platzierenden Kaffeetassen und Zigaretten alles genau angewiesen ist. Darüber hinaus gibt es Regieanweisungen mit der genauen Beschreibung, wer was zu tun hat: ein durchorchestriertes Theaterstück des Horrors. Das endete im Jahr 1951 und ist ausgerechnet dem Bau des Eisernen Vorhangs zu verdanken. Danach konnten die falschen Grenzen nicht mehr errichtet werden, weil ja die echte weithin zu sehen war. „Bei meinen Recherchen stolperte ich über die Doppelfunktion von Liska.“ Der machte mit Blick auf seine Familie bei dem perfiden Betrug mit und half an anderen Tagen vielen Menschen tatsächlich bei der Flucht. Als Doppelagent informierte er die Amerikaner von dem Vorgehen. Die legten Protestnoten ein, die allerdings erfolglos blieben. „Den Amerikanern wurde vorgeworfen, sie wären paranoid.“
Liska ist eine Schlüsselfigur
Den Namen dessen, der die Sache verraten hat, wollte der tschechoslowakische Geheimdienst aber doch gerne wissen. „Um die Sache aus der Welt schaffen zu können“, lacht die hervorragende Referentin mit ihrem profunden Hintergrundwissen. Vieles davon hat sie sich aus den Aufzeichnungen von Liska angeeignet, der mit seiner Familie flüchten konnte und bis zu seinem Tod in Kanada gelebt hat.
Wer mehr über die Aktion Kámen erfahren möchte, der kann einen Blick in die Bücher von Jandeckova werfen oder an geführten Wanderungen mit der Autorin teilnehmen.
Die Ausstellung
Die Sonderausstellung „Aktion Kámen – Falsche Grenzen“ zeigt auf verschiedenen Tafeln die ganze Geschichte des perfiden Vorgehens. An der Kasse gibt es auch die Bücher der Autorin.
Die Ausstellung ist bis 17. November zu besichtigen; bis 7. November von Dienstag bis Sonntag jeweils von 11 bis 16 Uhr, ab 8. November Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag von 11 bis 16 Uhr;
Eintritt 4,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro


