Cham statt Afrika: Einige Störche überwintern im Landkreis – Experten erklären die Gründe

Obwohl der Winter immer näher rückt, erspäht man immer wieder Störche auf den Wiesen der Region. Manche von ihnen könnten versuchen zu überwintern. Einem Experten macht das Angst.
Schon als Schüler hat man gelehrt bekommen: Störche sind Zugvögel. Die vom Aussterben bedrohten Tiere brüten in ihren großen Nestern, die Schornsteine, Kirchtürme oder Dächer in unserer Region zieren, und machen sich im Winter auf den Weg nach Afrika.
Dass die damaligen Lehren nicht mehr ganz aktuell sind, sieht man unter anderem im Landkreis Cham. Auch jetzt noch – es ist Mitte Oktober und die Temperaturen sind auf bis zu drei Grad gefallen – erspäht man die majestätischen Tiere auf den Wiesen der Region. Meistens, wenn sie auf nach Insekten und Kleinsäugern im Boden picken.
Nur noch ein Paar in Cham
Jutta Vogel, Chamer Storchenbetreuerin, hat den Überblick, wenn es um die Störche in Cham geht. Sie hat am vergangenen Wochenende und am Montag die Horste in der Stadt abgeklappert. „Wir kontrollieren immer, wenn es finster wird“, erklärt Vogel. Dann seien die Störche immer im Nest. Bei ihren Kontrollen stieß Vogel zuletzt nur beim Horst bei Böhmermann Bettfedern auf Störche.
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Naturschützer Peter Zach, hat zuletzt noch zwei Störche bei Traitsching und zwei Störche bei Wetterfeld gesehen. „Im Regental ist sogar ein ganzer Trupp unterwegs“, sagt er. „Man kann davon ausgehen, dass ein großer Teil bald abzieht.“ Auch Jutta Vogel erklärt, dass die Störche jederzeit in Richtung Süden fliegen könnten. Das Verhalten der Tiere sei schwer vorherzusagen. „Ich hatte es auch mal erlebt, dass ein Storchenpaar im November gekommen ist“, erzählt Vogel. Das Paar blieb etwa einen Monat und zog dann weiter.
Klimawandel macht das Überwintern möglich
Laut Markus Schmidberger, Geschäftsstellenleiter des Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) Cham, versuchen immer mehr Störche in Bayern zu überwintern. Das liegt am Klimawandel, der uns immer mildere Winter beschert. Die Störche wägen ab, ob sie den langen gefährlichen Weg nach wirklich auf sich nehmen wollen, oder ob es sicherer ist, sich durch den deutschen Winter zu kämpfen.
„Der Zug nach Afrika ist energieaufwendig“, sagt Schmidberger. „Viele Vögel bleiben auf der Strecke.“ Deswegen würden einige Störche nicht mehr bis nach Afrika, sondern nur nach Südfrankreich, Spanien oder in die Türkei. Dieser Teilzug ist weniger gefährlich.
Die Störche, die bleiben, finden in Deutschland bessere Bedingungen als noch vor vielen Jahren vor. Kurze frostige Phasen machen ihnen nichts aus. „Die Störche haben kein Problem mit Kälte, nur mit Schnee“, erklärt Schmidberger. Die Störche, die überwintern, stellen ihre Nahrung von größtenteils Insekten und Würmern auf Kleinsäuger wie Feldmäuse um. Der Erzfeind der Störche ist Schnee.
„Die Schneedecke lässt den Störchen keine Chance auf Beutetiere“, sagt Schmidberger. Sie sehen die Kleinsäuger durch die Schneedecke schlichtweg nicht mehr.
Dadurch, dass im Winter weniger Schnee liegt als früher, fällt es den Störchen leichter hier zu überwintern.
Vogelenthusiasten haben die Möglichkeit, den Storch auch im Winter zu bewundern. Schmidberger ist davon entgeistert. „Vor der Beobachtung von Störchen im Winter sollte man Angst haben, weil das zeigt, dass der Prozess läuft“, sagt der 55-Jährige. Der Storch sei ein gutes Beispiel dafür, dass sich das Klima und die Umwelt ändert. Vor 20 Jahren hätte es noch gar keine Störche gegeben, die hier überwintern. Schmidberger stört, wie die Politik mit dem Artensterben und dem Kimawandel umgeht. „Wir steuern auf einen absoluten ökologischen Kollaps hin und das nimmt die Politik gerade lässig“, sagt er.
Harter Sommer kostet junge Störche das Leben
Die Wetterextreme nehmen zu. Der starke Regen, der in ganz Bayern zu Hochwasser und zerstörten Häusern führte, machte auch den Störchen zu schaffen. Für die Tiere war es ein harter Sommer. „Viele junge Störche sind durch den Regen zu Grunde gegangen“, sagt Schmidberger. Das Problem am Regen ist laut Jutta Vogel, dass die Tiere aufgrund der Nässe unterkühlen. „Die jungen Vögel können sich nicht so gut wärmen“, sagt sie. Andererseits finden sie bei Regen leichter Regenwürmer. Wenn der Regen zu stark ist, begeben sich die Störche allerdings weniger oft auf die Suche.
Trotz der Verluste sind Vogel und Schmidberger, was die Population angeht, beruhigt. „Die Population ist groß genug, dass sie die Verluste wegstecken kann“, sagt Schmidberger. Die vielen Störche, die nicht im Landkreis Cham überwintern, werden also größtenteils auch nächstes Jahr zum Brüten zurückkehren.
