Strickmode und Netzwerk für Secondhand-Händler: Diese Gründerinnen setzen auf Nachhaltigkeit

Austausch und Online-Vermarktung für lokale Secondhand-Händler, individuelle Strickwaren aus überschüssigem Garn: Nicole Heiß und Julia Geiß betreiben Mode-Start-ups, die auf Nachhaltigkeit setzen. Hier erzählen die Gründerinnen aus Regensburg und dem Landkreis, was sie antreibt.
Secondhand-Kleidung ist für Nicole Heiß viel mehr als nur eine preiswerte Alternative. „Meine Vision ist, dass Mode aus zweiter Hand zum neuen Normal wird – und das für alle“, sagt sie. Seit 2017 betreibt die 34-Jährige das Peacehand, einen Laden für Secondhand-Mode in der Regensburger Altstadt. Mit der Gründung des Unternehmens Ekodise arbeitet sie mit ihrem Team seit 2022 außerdem daran, lokale Händler aus ganz Deutschland zu vernetzen und deren Angebot auch online zugänglich zu machen.
„Die Secondhand-Branche hat in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erlebt“, erklärt die Gründerin, „wir möchten den Läden die Möglichkeit geben, ihre Produkte auf unserem Marktplatz ohne großen Verwaltungsaufwand auch im Internet anzubieten. Sie sollen kollektiv sichtbar werden“.
Webshop für lokale Secondhand-Läden
Sind Kunden im Webshop mit dem Namen „Second-hand-in-hand“ fündig geworden, können sie sich die Produkte zuschicken lassen oder Kleidung online reservieren und im Laden abholen. Mit diesem „Click and Collect“-System, das sich seit der Corona-Zeit etabliert hat, gehe es ihr auch darum, die Innenstädte zu beleben. „Wir wollen den Handel zukunftsfähig machen“, sagt Heiß.
Ihr Eindruck ist, dass viele Secondhand-Läden – wie auch das Peacehand – von Frauen geführt werden. „Inhaberinnen stecken so viel Herzblut und Kreativität in die Projekte – und auch Aktivismus spielt eine Rolle“, sagt sie. „Wir haben einfach Bock.“ Gerade diese Händlerinnen möchte sie zusammenbringen und sichtbar machen. „Es handelt sich dabei oft um Einzelkämpferinnen. Wenn sich kleine Läden und Labels zusammenschließen, kann das richtig gut werden.“
Branche mit viel Potenzial
Generell habe die Secondhand-Szene wahnsinnig viel Potenzial, ist sie überzeugt. Die Modeindustrie verbrauche extrem viele Ressourcen und stelle mit der Produktion von Fast Fashion nicht nur eine der größten Belastungen für die Umwelt dar, sondern verstärke durch die schlechten Arbeitsbedingungen soziale Ungerechtigkeit auf der ganzen Welt.
„Secondhand-Mode muss noch viel mehr Platz einnehmen und zu einer nachhaltigen, soliden und wirtschaftlich erfolgreichen Branche werden“, sagt sie. Gefördert wird das Start-up aktuell von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Händler, die Teil des Secondhand-Netzwerks werden wollen und den Online-Marktplatz für ihre Waren nutzen, zahlen momentan nur eine geringe monatliche Gebühr, dazu erhält Ekodise eine Provision für verkaufte Stücke. „Wir sind noch auf der Suche nach Unterstützern und freuen uns auch über Austausch und neue Kontakte“, sagt Heiß.
Moderne Strickmode - inspiriert von Oma
Auch Julia Gleiß hat sich nachhaltiger Mode verschrieben – und sich dabei von ihrer Oma Erna inspirieren lassen. Seit 2022 produziert die gelernte Maßschneiderin für Ernaknitwear Strickmode in limitierten Stückzahlen. „Mich hat es schon als Kind fasziniert, wie meine Oma vor dem Fernseher gestrickt hat, ohne dabei auf die Nadeln zu schauen“, erklärt die 27-Jährige, „als sie nicht mehr da war, habe ich mir noch viel selbst beigebracht“. Nachdem sie ihren Maßschneidermeister gemacht hatte, besuchte sie außerdem Strickmaschinenkurse. Aus dem Landkreis Ansbach ist Gleiß vor einem halben Jahr nach Bach an der Donau gezogen.
Das Garn für ihre Arbeiten bezieht sie weiterhin von einer Textilfärberei in Franken. „Ich kaufe Material aus Produktionsüberschüssen. Die Ware würde in der Industrie keine Verwendung mehr finden, aber ich kann damit noch viel anfangen. So wird unnötiger Müll vermieden.“ Die Ergebnisse bietet Gleiß in ihrem Online-Shop an. Crop-Tops im Sommer, Pullover, Schals und Stirnbänder im Winter: Auf der Handstrickmaschine fertigt sie verschiedene Produkte für Männer, Frauen und Kinder an. Auch Babydeckchen oder Söckchen gehören ins Sortiment. Für Strickbegeisterte gibt es zudem Anleitungen.
Keine Ressourcen verschwenden
„Eine bestimmte Zielgruppe habe ich aktuell nicht. Die Tops sind wahrscheinlich eher etwas für die jüngere Generation, aber grundsätzlich bin ich sehr offen.“ Nicht nur die Herstellung der Strickwaren, auch Präsentation und Marketing würden viel Zeit in Anspruch nehmen. „Alles allein umzusetzen, ist nicht immer einfach“, sagt Gleiß, „der Aufwand ist groß und man braucht viel Geduld“.
Manchmal fehle zudem das Verständnis, dass die handgefertigten Stücke mehr kosten würden als Fast-Fashion von Textil-Riesen wie Zara oder H&M. „Leider sehen viele nicht den Wert dahinter. Die Konkurrenz in der Modeindustrie ist groß.“ Trotz des Aufwands glaubt die Gründerin an das Konzept. „Da die Produkte limitiert sind, läuft nicht jeder mit den gleichen Sachen herum – und es werden keine Ressourcen verschwendet.“
Um Ernaknitwear in der Region bekannter zu machen, stellt sie ihre Strickwaren Ende Oktober im Pop-up-Raum im Degginger aus. Mit einer Reihe kreativer Workshops will Gleiß, die zeitweise auch als Fachlehrerin für Handarbeit gearbeitet hat, außerdem andere fürs Stricken und Häkeln begeistern. „Ich glaube schon, dass das Interesse dafür da ist“, sagt sie.
Info: Pop-up-Store mit Ernaknitwear
Termin: Mit ihrem Start-up Ernaknitwear ist Julia Gleiß, die „Maßschneiderin mit Wollpassion“, von 28. Oktober bis 3. November im Pop-up-Raum in Degginger, Eingang über die Tändlergasse 18, zu Gast.
Kurse: Wer sich selbst im Handarbeiten versuchen möchte, kann in diesem Zeitraum an verschiedenen Workshops teilnehmen, die von Zwirnknöpfe-Wickeln über Häkel- und Strickkurse bis hin zu Techniken an der Handstrickmaschine reichen.
Kontakt: Weitere Infos und Anmeldung zu den Workshops gibt es online unter www.ernaknitwear.de/workshops.
