Anklage erhoben: Filmte Trainer in Regensburg den Nachwuchs in der Dusche?

Von André Baumgarten, Felix Kronawitter · 12. September 2024 um 17:00

Früherer Nachwuchs-Coach beim SSV Jahn Regensburg soll wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vor Gericht. Ermittler fanden viele Stunden Videomaterial bei ihm. Deren Auswertung brachte noch schwerere Vorwürfe ans Licht.

Hat ein Fußballtrainer aus der Oberpfalz über Monate die Jungs seines Teams beim Duschen gefilmt? Ein Hinweis aus den USA führte das Bundeskriminalamt zu einem Jugendtrainer des SSV Jahn Regensburg: Beim Zugriff fanden Ermittler massenhaft Kinderpornografie bei dem 34-jährigen. Mehr als 30 Fälle von sexuellem Missbrauch, Herstellen von Kinderpornografie sowie Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen kamen ans Licht. Der Fußball-Zweitligist reagierte sofort und entließ den Mann. Ihm soll nun der Prozess gemacht werden.

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Ein so genannter NCMEC-Report war Auslöser der Ermittlungen gegen den 34-Jährigen. Das „National Center for Missing and Exploited Children“, zu deutsch Nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder, ist eine gemeinnützige Privatorganisation. US-Internetdienste melden Verdachtsfälle von Kinderpornografie dorthin. Lädt ein Deutscher solche Daten ins Internet, geht eine Meldung samt IP-Adresse ans Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Mehr als 180 000 mal passierte das 2023, fast 500 Meldungen an jedem Tag.

Die Entwicklung ist alarmierend: Das jüngst veröffentlichte Bundeslagebild zu Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen weist für das vergangene Jahr 32 Prozent mehr Fälle aus, als 2022. Seit 2020 haben sich Meldungen aus den USA mehr als verdreifacht – und das nur bei Kinderpornografie-Verdacht. Wie eine BKA-Sprecherin auf Anfrage mitteilte, „dürfte der Trend der letzten Jahre auch für 2024 erwartbar sein“. Heißt, es werden noch mehr.

Zig Funde auf Datenträgern des Ex-Jahn-Trainers

Auch im Fall des 34-Jährigen war das so, wie Recherchen der Mediengruppe Bayern zeigten. Als die zuständige Kripo anrückte, stellte sie bei ihm zahlreiche Datenträger sicher. Im November 2022 war das. Die beweissichere Auswertung der meist viele Gigabytes, nicht selten sogar Terrabytes umfassenden Daten ist aufwendig und dauert. Auf den beschlagnahmten Geräten des Fußballtrainers wurden die IT-Spezialisten fündig. Sie deckten mehr als 30 Fälle auf, die nun in einer Anklage zum Amberger Landgericht stehen.

In den 21 Monaten vor dem Zugriff der Ermittler soll der 34-Jährige auf einer bekannten Chat-Plattform aktiv gewesen sein. Die App, die damit warb, anonym und per Zufallsgenerator mit Fremden auf der ganzen Welt chatten zu können, war im Herbst 2023 vom Netz gegangen – wohl wegen Klagen in den USA, dass Pädokriminelle die Plattform nutzten und Nutzer zu wenig geschützt würden. Der Mann soll hier 20 Kinder dazu animiert haben, vor der Kamera sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen.

Das scheint jedoch nur die Spitze des Eisbergs gewesen zu sein: Auch die ihm als Trainer anvertrauten Nachwuchs-Fußballer im Kindesalter sollen zu Opfern geworden sein. Deren Eltern erfuhren erst von Ermittlern, dass ihre Jungs wohl unter den 13 Betroffenen beim SSV Jahn Regensburg waren. Der 34-Jährige soll die Kinder nach dem Training beim Duschen versteckt gefilmt haben. Laut Strafgesetzbuch ist das die Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen – dafür drohen bis zu zwei Jahre Haft. Angesichts des Vertrauensverlusts von Opfern wie Eltern eine geringe Strafe. Doch wie kann sowas passieren, ohne dass jemand etwas merkt?

Fußball-Zweitligist in Regensburg äußert sich zum Fall

Der SSV Jahn Regensburg hat ein Kinder-Schutzkonzept, wonach es heißt: „Trainer, Betreuer und Eltern haben während dem Umziehen oder Duschen in den Umkleiden prinzipiell nichts verloren.“ Wie Jahn-Sprecher Johannes Liedl betonte, biete der Verein unterschiedliche präventive Maßnahmen an. „Wir arbeiten seit vielen Jahren in diesem Bereich und haben die unterschiedlichen Maßnahmen und Konzepte in den vergangenen Jahren immer weiter intensiviert und ausgearbeitet“, erklärte Liedl auf Nachfrage.

Von Trainern im Leistungszentrum werde ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis angefordert, zudem gebe es unter anderem ein ausführliches Onboarding-Gespräch, dazu eine Selbstverpflichtungserklärung sowie Schulungen zu Verhaltensregeln. Der Profi-Sportclub aus Regensburg bietet fortwährend Beratungsgespräche und Informationsveranstaltungen. Komme es zu Grenzverletzungen, gebe es im Verein feste Ansprechpartner. Zudem unterhält der Jahn ein „externes Netzwerk mit unterschiedlichen Stellen und Partnern, um Unterstützung zu bekommen und um sich zum Thema Kinderschutz auszutauschen“, so Liedl weiter.

Es ist nicht das erste Mal, dass einem Junioren-Trainer des Jahn schwere Vorwürfe gemacht werden. Ein „Missbrauchsverdacht beim Jahn“ machte schon vor zehn Jahren Schlagzeilen. Laut Anklageschrift sollte es zu sexuellen Handlungen eines Trainers an zwei zehnjährigen Nachwuchsfußballern gekommen sein. 2017 kam es zum Prozess – das Landgericht Aschaffenburg bewertete die Aussagen der beiden Jungen letztlich aber als nicht glaubwürdig. Der Angeklagte wurde von allen Vorwürfen freigesprochen.

34-Jähriger vom Jahn Regensburg sofort freigestellt

Zum aktuellen Fall verwies Jahn-Sprecher Liedl auf das laufende Ermittlungsverfahren. Zu Details dessen, was in den Kabinen passiert sein soll, werde man sich daher auch nicht äußern. Nur soviel: „In dem Moment, als der SSV Jahn erstmals und durch die Ermittlungsbehörden von den Vorwürfen erfahren hat, wurde der Nachwuchstrainer unmittelbar von seinen Aufgaben freigestellt und von der Mannschaft sowie ihrem Umfeld getrennt“, betonte Liedl.

Recherchen der Mediengruppe Bayern zeigen: Der 34-Jährige, der aktuell unter Tatverdacht steht, war seit vielen Jahren im Oberpfälzer Fußball aktiv. Als Trainer und auch als Spieler – bis hinauf in die Bezirksliga, wo er aber nur einige wenige Einsätze hatte. Monate nachdem die Vorwürfe gegen ihn bekannt geworden waren, hatte der Mann zudem bei einem anderen Verein als Trainer angeheuert, dann aber etwas überraschend zurückgezogen. Die Verantwortlichen des Vereins waren von Strafverfolgern über den im Raum stehenden Verdacht gegen den 34-Jährigen informiert worden.

Anklage gegen 34-Jährigen umfasst drei Tatkomplexe

Angeklagt sind nach Informationen der Mediengruppe Bayern die beiden vorgenannten Tatkomplexe sowie ein Fall der Verbreitung kinderpornografischer Schriften. Hinweise, dass Videos der Kinder aus den Chats oder vom Jahn-Training ins Internet gelangten, gibt es nicht. Fakt ist: Bei dem 34-Jährigen wurden in Summe stundenlange Videoaufnahmen sichergestellt. Vorstrafen soll der angeklagte Fußballtrainer keine haben. Sein Anwalt, der bekannte Schwandorfer Strafverteidiger Dr. Gunther Haberl, wollte sich zu den Vorwürfen auf Nachfrage nicht äußern: „Dafür ist es noch zu früh.“

Mit der bisher weißen Weste des 34-Jährigen dürfte es im Fall einer Verurteilung vorbei sein – ebenso, wie mit der Karriere als Trainer. Wenngleich dem Mann per Gesetz eine Beschäftigung in der Jugendarbeit nur für fünf Jahre offiziell verboten werden kann, bleibt ein mögliches Urteil im Bundeszentralregister deutlich länger nachzulesen: „Sexualstraftaten werden, ganz unabhängig vom Strafmaß, 20 Jahre gespeichert“, bestätigte Oberstaatsanwalt Carsten Reichel aus Amberg. Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr würden nach zehn, alle andere Verurteilungen nach 15 Jahren getilgt.

Dem 34-Jährigen droht bei einer Verurteilung eine mehrjährige Haftstrafe. Wann der Prozess startet, ist laut Richter Uli Hübner derzeit offen: „Termine gibt es noch keine.“ Der Sprecher des Amberger Landgerichts bestätigte der Mediengruppe Bayern aber den Eingang der Anklageschrift. „Eine Entscheidung über deren Zulassung ist noch nicht erfolgt.“ Zuständig sei in diesem Fall die Große Strafkammer am Landgericht in Amberg, so Hübner.