Multi-Millionärin starb als Sozialfall: Welche Rolle spielt ein Regensburger Anwalt dabei?

Im Oktober 2023 stirbt eine Multi-Millionärin als Sozialfall – die Geschichte von Katharina B. aus Regensburg ist für sich gesehen traurig. „Sie wurde schamlos abgezockt“, sagt Berufsbetreuer Heinrich Frohnauer. Wohl von einem Mann aus dem Landkreis. Doch auch ein Anwalt war im Spiel: Er hätte verhindern sollen, dass drei Millionen-Immobilien in der Regensburger Altstadt verkauft werden können – oder es zumindest versuchen. Doch der Jurist tat offenbar gar nichts, soll sogar Beweismittel zurückgehalten haben.
Ein Rückblick: Systematisch soll ein 45-Jähriger die von ihrem Umfeld als nett und sehr freundlich beschriebene Frau ab 2019 um ein Vermögen gebracht haben. Der Mann lässt seine Anwältin mitteilen, man werde sich nicht äußern. Anders vor gut einem Jahr: Da hatte der 45-Jährige per E-Mail jede Schuld an der Verarmung von Katharina B. von sich gewiesen. Die Anschuldigungen seien „absurd und entsprechen in keiner Weise der Wahrheit“. Die 75-Jährige sei vielmehr selber schuld, weil „sie ihr Geld und ihre Wertgegenstände an Fremde verschenkt hat“.
Es geht um Goldbarren und -münzen, mehreren Rolex-Uhren, teuren Schmuck, einen BMW-Oldtimer, einen Porsche 911 und Hunderttausende Euro. Betreuer Frohnauer sagte: „Das Konto wurde jahrelang geplündert“. Überweisungen würden belegen, dass der 45-Jährige seine Beschäftigten sowie Urlaube bezahlt und Geld in die Türkei transferiert habe. Die Regensburgerin, die durch den Tod ihres Mannes zur Multi-Millionärin geworden war, sei verarmt gestorben. 995 Euro soll die alte Dame auf dem Konto gehabt haben, als Frohnauer zum Betreuer bestellt wurde.
„Alles war eine große Lüge“
Denn: Der Mann mit der Generalvollmacht soll die Frau von Freuden und Familie entfremdet haben. Telefone sollen umgemeldet, Schlüssel eingezogen, Pflegedienst und Zugehfrau gekündigt sowie wichtige Dokumente vorenthalten worden sein. So steht es auch in einer Stellungnahme der 75-Jährigen, die auf den 6. März 2023 datiert. „Alles, was versprochen war, war eine große Lüge“, ist da zu lesen. „Er hat alles immer hinter meinem Rücken gemacht.“ Seit Ende März 2023 lag das Dokument beim Betreuungsgericht. Das hatte dem 45-Jährigen die Generalvollmacht nur wenige Tage zuvor per Beschluss entzogen.
Dass der Mann vorhatte, die Mietshäuser im Herzen der Altstadt zu Geld zu machen, soll damals bereits bekannt gewesen sein. Deshalb erhielt ein Rechtsanwalt aus Regensburg den Auftrag, einen Vermögensarrest zu erwirken, so Frohnauer. Damit wäre ein Weiterverkauf der Wohn- und Geschäftshäuser in der Wahlenstraße und der Unteren Bachgasse unmöglich gewesen. Die hatte Katharina B. dem Mann 2020 übertragen – im Gegenzug für ein lebenslanges Wohnrecht. Und sie erhoffte sich eine 24-Stunden-Pflege, eine große Familie und Anschluss. „Alle haben mich gewarnt und sie hatten alle Recht gehabt“, schrieb die Seniorin später dazu.
An der offenbar großen Enttäuschung hätte auch der beauftragte Rechtsanwalt nichts ändern können. „Dass die Mietshäuser aber am 9. August 2023 an Investoren verkauft wurden, schon“, betonte der Betreuer. Im April habe er das beauftragt. Damit konfrontiert erklärte der der Redaktion namentlich bekannte Regensburger Jurist, das sei „unzutreffend“. Er sei nie beauftragt worden. Ein Gerichtsdokument besagt das Gegenteil – es datiert auf den 13. Juni 2023. Darin ist protokolliert, dass der Jurist der betroffenen Seniorin verbunden sei, auch zur „Rückholung der Grundstücke und Gelder von ... (Name entfernt)“. Es wären also durchaus Monate Zeit gewesen, das Vermögen der alten Dame zurückzufordern. Und zwar „mit vollem Karacho“, wie es der Rechtsanwalt einem Bekannten der 75-Jährigen wohl auch angekündigt haben soll. Doch es passierte nichts: „Auf zig Nachfragen stellte er sich tot und antwortete einfach nicht“, sagte der Betreuer. „Außer Schulterzucken kam gar nichts“, erinnerte sich Frohnauer an die Reaktion, als man sich zufällig traf. Einen Vermögensarrest gegen den 45-Jährigen, dem Katharina B. einst eine Generalvollmacht ausgestellt hatte und die Anwesen im Herzen der Altstadt schenkte, gab es nie. Die Immobilien wurden verkauft. Wie viel eine Firma aus dem Raum Darmstadt bezahlte, ist nicht bekannt.
Und es gibt weitere Vorwürfe gegen den Regensburger Anwalt: Womöglich hatte dessen Nichtstun, wie es Frohnauer nannte, zur Vereitelung einer angemessenen Strafverfolgung geführt. Dem Juristen waren Beweise übergeben worden, die für die Staatsanwaltschaft bestimmt gewesen wären. Unter anderem ein Diktiergerät und ein USB-Stick mit aufgezeichneten Gesprächen von Katharina B. Für ein Strafverfahren wegen Betrugs oder Untreue hätten diese durchaus von Bedeutung sein können.
Beweismittel zurückgegeben
Auch dazu nahm der Rechtsanwalt aktuell Stellung: Weder seine Kanzlei im Regensburger Westen, noch er selbst hatten „den Auftrag, den Stick bei der Staatsanwaltschaft abzugeben“. Der Bekannte der Seniorin, der die Beweise abgab, sagte hingegen: Der Anwalt habe im Juni 2023 behauptet, diese seien vor vier Wochen weitergegeben worden. Das Diktiergerät, das der Anwalt laut einem Schriftstück nie erhalten haben will, gab er laut Betreuer Frohnauer Ende Februar 2024 zurück – knapp eine Stunde bevor das Amtsgericht dazu verhandeln wollte. „Persönlich ist er im Büro aufgetaucht“, erinnerte er sich. Als Erklärung habe der Jurist mit den Schultern gezuckt und erklärt, sie nicht gefunden zu haben.
Die Unterlagen sind mittlerweile bei Kripo und Staatsanwaltschaft eingangen und werden ausgewertet. Dort wird nämlich gegen den 45-Jährigen ermittelt, der im Verdacht stehen könnte, die Seniorin abgezockt zu haben. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher auf Anfrage. Details könne er nicht preisgeben.
Ob dem Anwalt wegen einer möglichen Pflichtverletzung Konsequenzen drohen, ist offen. Zumindest die zuständige Rechtsanwaltskammer dürfte sich für die Vorgänge und die offenbar unrühmliche Rolle des Juristen im Fall von Katharina B. interessieren. Betreuer Heinrich Frohnauer sind „leider die Hände gebunden“. Wenige Tage, nachdem die alte Dame ihn nochmals eindringlich bat, er möge ihr doch die „Grundstücke und das Geld zurückholen“, starb die 75-Jährige. Einsam, ganz allein und völlig mittellos als Sozialfall.