Vertraute Regensburgerin dem Falschen? Multi-Millionärin stirbt als Sozialfall

Drei Mietshäuser in der Regensburger Altstadt, Schmuck und Autos von Katharina B. sind weg. Sie sind einem 45-Jährigen aus dem Landkreis Regensburg überschrieben worden, der per Generalvollmacht über das Vermögen der Seniorin verfügt.
Hunderttausende Euro in bar, Goldbarren und -münzen, Rolex-Uhren, teurer Schmuck, ein BMW-Oldtimer und ein Porsche 911 – alles weg. Auch drei Mietshäuser in der Wahlenstraße und der Unteren Bachgasse wechseln den Besitzer. Sie werden einem 45-Jährigen aus dem Landkreis Regensburg überschrieben, der per Generalvollmacht über das Vermögen von Katharina B. verfügt. Der Betreuer der inzwischen Verstorbenen erhebt massive Vorwürfe gegen den Unternehmer: „Sie wurde nach Strich und Faden abgezockt – und starb völlig verarmt.“ Die Kripo ermittelt erneut in diesem Fall.
Anfang 2021 und Mitte Juni 2022 bringen Verdachtsmeldungen einer Bank erstmals Ermittlungen ins Laufen. Es geht um hohe Bareinzahlungen des Unternehmers. Die erklärt der 45-Jährige unter anderem mit einem Privatkredit und Schenkungen. Katharina B., die Frau, von der das Geld stammen soll, bestätigt das alles. Das Verfahren wegen Geldwäscheverdachts wird im Januar 2023 eingestellt – doch die Ermittler scheinen dem Ganzen nicht zu trauen. Es geht ein Hinweis an das Betreuungsgericht.
Ende März 2023 setzt der Richter die Vollmacht des 45-Jährigen aus – weil die „dringende Gefahr“ bestehe, dass das Vermögen von Katharina B. durch ihn „erheblich gefährdet“ sei. Kurz darauf wird Heinrich Frohnauer von einem Richter zum Betreuer der alten Damen bestellt. Und der scheint nach und nach Dinge ans Licht gebracht zu haben, von denen kaum jemand im Umfeld etwas ahnt. „Frau B. wurde systematisch isoliert“, sagt er, „und schamlos abgezockt“. Auf Konten der Seniorin blieben gerade 995 Euro.
Erbe machte die Frau reich
Die 75-Jährige war nach dem Tod ihres Mannes im Juli 2019 Multi-Millionärin. Allein drei Immobilien in bester Altstadt-Lage Regensburgs sollen weit über zehn Millionen Euro wert gewesen sein. Besagte Mietshäuser hatte die Seniorin Mitte Oktober 2020 per Schenkung an den 45-Jährigen übertragen. Das zeigen Recherchen der Mediengruppe Bayern. Aber auch ein 120.000-Euro-Porsche, Goldbarren und Schmuck sowie das Guthaben auf der Bank – in Summe rund zwei Millionen – fehlen, sagt Frohnauer. Doch wohin ist das ganze Vermögen nur? Das will der Berufsbetreuer teilweise rekonstruieren haben: Der 45-Jährige habe Geld vom Konto der alten Dame an seine Beschäftigten überwiesen, Urlaube gezahlt und Gelder in die Türkei transferiert. „Das Konto wurde jahrelang geplündert“, so Frohnauer. Weil die 75-Jährige dem Unternehmer Ende 2018 eine Generalvollmacht ausstellte. Damit er sich um sie kümmert, wie sie der Kripo später schildert. Sie habe gedacht, dann „eine große Familie zu haben“. Doch da scheint die Seniorin längst von allem und jedem in ihrem Umfeld völlig isoliert.
Schon damals, Ende Januar 2023, als Ermittler bei ihr auftauchen, betont sie, es sei allein ihre Idee gewesen, ihm alles zu überschreiben. Und ergänzt im nächsten Satz, sie habe Angst, „dass mir keiner mehr etwas zum Essen bringt, mich keiner versorgt“. Momentan komme eher selten jemand, gibt sie da auch zu Protokoll. Katharina B. berichtet auch, dass alle Verträge nur der 45-Jährige habe. „Andere Sachen“ habe er ebenfalls mitgenommen „und sagte, dass er die für mich aufbewahrt“. So ist nachzulesen.
Fakt ist: Der streitbare Mann aus dem Landkreis, der selbst wohl kein Unternehmen mehr führen darf, ist nicht der erste, dem die Seniorin per Vollmacht alles anvertraut. 2014 soll ein anderer Mann viel Geld, eine Wohnung sowie den Porsche geschenkt bekommen haben. Die Wohnung und den 911er holt der 45-Jährige offenbar für sie zurück. So steht es in einer Stellungnahme, die Katharina B. im März 2023 dem zuständigen Betreuungsrichter übergibt. Von Kontaktverboten zu Freunden und Familie ist die Rede, eingezogenen Ausweisen und Dokumenten oder vorenthaltener Post.
11600 Euro im Monat soll der 45-Jährige erhalten und statt sich „sehr gut“ um sie zu kümmern, Pflegedienst und Putzfrau gekündigt haben. Lediglich 500 Euro Taschengeld will die ältere Dame noch bekommen haben – Geld, dem sie „Monat für Monat hinterherlaufen“ müsse und womit die einstige Multi-Millionärin sich am Ende offenbar hätte selbst versorgen sollen. „Gott war ich dumm und naiv“ ist in der neunseitigen Stellungnahme nachzulesen. Und weiter: „Alles war eine große Lüge“.
Betreuer Heinrich Frohnauer bleibt keine Wahl: Im Oktober 2023 beantragt er Sozialhilfe. Zuletzt hätten Freunde und Nachbarn sie versorgt, ihr sogar Essen gekauft. „Bitte holen Sie mir meine Grundstücke und das Geld zurück“, bittet die Frau ihn da noch. Es sind die letzten Worte einer gebrochenen Frau. Nur eine Woche später ist die 75-Jährige tot – gestorben als Sozialhilfeempfängerin, einsam und allein. Am Grab versammeln sich Freunde und Weggefährten – nur der Mann, dem sie einst ihr ganzes Leben anvertraut hat, fehlt.
Das sagt der Beschuldigte
Mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren „können wir derzeit keine Stellungnahme abgeben“, lässt der 45-Jährige seine Verteidigerin Christina Dinesen erklären. Im Spätsommer 2023 hatte sich der Mann in einer E-Mail noch selbst zu Wort gemeldet: Die Vorwürfe „sind absurd und entsprechen in keiner Weise der Wahrheit“, die Ermittlungen nannte er „völlig fehlerhaft“. Die Regensburgerin habe ihre „Verarmung selbst verschuldet, indem sie ihr Geld und ihre Wertgegenstände an Fremde verschenkt hat“.
Frohnauer betont dazu im Gespräch: „Sie hat sich selbst dem Teufel ausgeliefert.“ Ihn ärgere vor allem, dass der 45-Jährige bis heute frei herumlaufe, obwohl er Katharina B. nach seiner Überzeugung um Millionen gebracht hat. „Jeder noch so kleine Schwarzfahrer wird unerbittlich verfolgt – das darf einfach nicht ungesühnt bleiben“, fordert der Berufsbetreuer. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen zwischenzeitlich wieder aufgenommen. „Ich kann bestätigen, dass ein Ermittlungsverfahren anhängig ist, in dem die Vorgänge einer strafrechtlichen Prüfung unterzogen werden“, erklärte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher.
Wie groß die Chancen sind, all die Details um die verlorenen Millionen aufzuklären, ist aber offen. Fakt ist: Zurückholen lässt sich vom größten Teil, den Mietshäusern, nichts mehr. Die wurden knapp zwölf Wochen vor B.s Tod, im August 2023, an eine Firma im Raum Darmstadt verkauft. Die Altstadt-Immobilien im Wert von zig Millionen Euro sind weg. Und das unwiederbringlich.
Chronologie der Ereignisse2018: Katharina B. wird der 45-Jährige von Polizeibeamten empfohlen. Wenig später hat er eine Generalvollmacht.
2019: Der Ehemann der Regensburgerin stirbt im Juli. Die alte Dame hatte ihn jahrelang gepflegt, damals aber noch Kontakt zu vielen Freunden.
2020: Die 75-Jährige überträgt drei Altstadt-Immobilien als Schenkung an den Mann aus dem Landkreis und erhält im Gegenzug ein Wohnrecht.
2021/22: Mehrfach wird gegen den 45-Jährigen ermittelt, jedoch ergebnislos. Die Dame ist zunehmend isoliert.
2023: Ein Hinweis an das Betreuungsgericht bringt ein Verfahren in Gang – der Mann verliert seine Generalvollmacht. Zug um Zug kommen für den neuen Betreuer von Katharina B. mehr Fragen auf. Antworten gibt es keine mehr. Die Regensburgerin stirbt am 31. Oktober allein in ihrer Wohnung.