Mehr Stellen als Arbeitssuchende: Diese Fachkräfte fehlen in der Oberpfalz

Eine Engpassanalyse der Agentur für Arbeit zeigt, wo besonders gute Chancen bei der Jobsuche bestehen – und wo nicht. Dabei sind einige Überraschungen dabei – beispielsweise in diesem Handwerksberuf gibt es viel mehr Bewerber als freie Stellen.
Man bringt es geistig kaum zusammen: Einerseits kündigt jetzt schon mit VW eines der Flaggschiffe der deutschen Industrie Stellenabbau und gar Werkschließungen an. Andererseits klagt die Wirtschaft andauernd über Fachkräftemangel. Und drittens haben wir eine Arbeitslosigkeit im Land, die – zählt man die erwerbsfähigen Bürgergeldbezieher mit dazu – an Zeiten vor Gerhard Schröders Harzt-Reformen erinnern. Eine Datenanalyse zeigt, wo Arbeitnehmer derzeit die besten Chancen haben in der Oberpfalz – und wo besonders viele freie Stellen locken.
Der Mediengruppe Bayern liegt eine sogenannte Engpassanalyse der Agentur für Arbeit vor. Darin sind die offenen Stellen nach Berufen aufgeschlüsselt. Ihnen stehen Arbeitssuchende mit Berufsausbildung in den jeweiligen Bereichen gegenüber.
Nach wie vor viele Chancen
Zu den Zahlen: Insgesamt kommen auf 10352 im Juni 2024 gemeldete offene Stellen in der Oberpfalz 8824 ausgebildete Fachkräfte. Damit kommen auf 100 offene Stellen 85 Arbeitssuchende – eine nach wie vor gute Situation für all jene, die eine Arbeit suchen. Doch die Berufsfelder unterscheiden sich stark. Die Zahlen bergen auch Überraschungen.
Beispiel: Maler und Lackierer: Hier denkt man eher an ein Berufsfeld mit besonders großem Mangel an Arbeitskräften. Doch die Zahlen der Arbeitsagentur zeichnen ein anderes Bild. Demnach kommen auf 100 offene Stellen in der Oberpfalz 132 Arbeitssuchende. Ähnlich ist es im Feld Maschinenbau und Betriebstechnik: 100 offenen Stellen stehen 135 Arbeitssuchende mit dieser Ausbildung gegenüber. Eher weniger überraschend ist das Verhältnis offener Stellen und Bewerber im Bereich Werbung und Marketing, in dem durch neue Techniken wie Künstliche Intelligenz der Bedarf an Kräften derzeit eher abnimmt: Auf jede offene Stelle kommen hier zwei Bewerber.
Nach wie vor gibt es aber auch Berufe, in denen der Mangel an Fachkräften besonders groß ist. In der Elektrotechnik beispielsweise: Auf 100 offene Stellen kommen lediglich 38 Arbeitssuchende. Ähnlich sieht es nach wie vor bei der Bauplanung und im Architekturbereich aus. Hier sind es lediglich 33 Arbeitssuchende auf 100 Stellen. Nach wie vor riesig ist auch der Bedarf an Pflegekräften: Die Zahl der offenen Stellen übersteigt die Zahl der Arbeitssuchenden in dem Bereich um das Dreifache.
Der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber erläutert, wie das aus seiner Sicht zusammen geht: Fachkräftemangel einerseits und sich eintrübende wirtschaftliche Aussichten andererseits. „Fachkräfte sind so knapp wie seit dem Wirtschaftswunder nicht mehr“, sagt Weber. Über den Wirtschaftsabschwung sei die Knappheit allerdings zurückgegangen. Und weiter: „Das liegt auch an sinkenden Arbeitskräftebedarf in der Industrie, wie bei VW. Insgesamt ist der Bedarf aber noch immer hoch, wir haben Rekordbeschäftigung.“ Mit der Transformation der Wirtschaft – Stichwort Künstliche Intelligenz und Digitalisierung sowie dem Wandel der Wirtschaft wegen des Klimawandels – gebe es aber einen Umbruch, „es fallen also auch Jobs weg“, sagt Weber. „Deshalb ist es essenziell, Arbeitskräfte in die aufstrebenden Bereiche weiterzuentwickeln. Und wir brauchen entschiedene Investitionen in die Transformation der Industrie“, sagt der Arbeitsmarktexperte.
Für Aufsehen sorgten am Wochenende die Wahlergebnisse in Ostdeutschland. Denn genau dort würden auch Fachkräfte benötigt, die häufig aus dem Ausland kommen. Der Erfolg der AfD, so argumentieren Wirtschaftsinstitute, schade dem Standort. „Ostdeutschland schrumpft demographisch besonders stark“, sagt Weber. „Manche Regionen trocknen regelrecht aus.“ Fachkräfte seien also auch im Osten knapp geworden. „Deshalb ist Zuwanderung wichtig. Die Vorbehalte gegen Zuwanderung sind aber ernstzunehmen, denn Akzeptanz ist notwendig“, fügt Weber hinzu.
AfD „nicht ausgrenzen“
Seine Mahnung: „Deshalb darf man nicht auf die AfD herabschauen.“ Für ihn sei aber nicht der richtige Weg, „dem Reflex nachzugeben, mehr auf Restriktionen und Ausgrenzung zu setzen.“ Akzeptanz erreiche man nur durch positive Beispiele, „also Zugewanderte, die gut in den Arbeitsmarkt integriert sind und so zur Gesellschaft beitragen“, schließt der Arbeitsmarktexperte.