Griechen führen die Sechs-Tage-Woche ein – und was machen die Deutschen?

Von Christian Eckl · 18. Juni 2024 um 10:00

Die geleisteten Arbeitszeiten sind in Deutschland im Vergleich extrem niedrig. Die Griechen beispielsweise arbeiten deutlich mehr im Jahr. Jetzt führt das Land im Süden Europas, das vor allem während der Euro-Krise in Verruf geriet, sogar die Sechs-Tage-Woche ein. Ein Regensburger Arbeitsmarktforscher erklärt, wieso die Deutschen dennoch nicht fauler sind als die Griechen.

Noch in der Euro-Krise rümpften viele Deutsche die Nase vor den Griechen: Zu viele Schulden, bei der Euro-Einführung geflunkert und die Rentner bedienten sich. So lauteten die gängigen Klischees – während die Deutschen malochten, würden die Griechen Wein und Strand bevorzugen.

Zumindest in Sachen Arbeitszeit liegen gefühlte und tatsächliche Wahrheit weit auseinander. Zahlen belegen: Die Griechen arbeiten deutlich mehr. Nach Angaben von Eurostat arbeiteten die Menschen in Griechenland im Jahr 2022 durchschnittlich 1886 Stunden.

Die Deutschen arbeiteten im Schnitt lediglich 1341 Stunden. Auch die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist in Deutschland viel niedriger als in Griechenland: Mit 34,9 Wochenarbeitsstunden im Schnitt haben die Arbeitnehmer hierzulande deutlich mehr Freizeit als die Griechen, die 40,9 Stunden arbeiten. Jetzt tritt ein Gesetz in Kraft, das Unternehmen ermöglicht, einen sechsten Acht-Stunden-Tag einzuführen – allerdings mit Aufschlägen. Am Samstag verdienen die Griechen für den sechsten Tag Arbeit 40 Prozent mehr für diese an dem Tag geleistete Arbeit, am Sonntag sogar 115 Prozent. Und: Die Arbeitnehmer müssen zustimmen. Der Hintergrund: Auch in Griechenland herrscht Fachkräftemangel. Durch das Gesetz soll dieser bekämpft werden.

Sind die Deutschen also wirklich fauler als die Griechen? Der Regensburger Arbeitsmarkt-Forscher Enzo Weber sagt: Nein. „Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Beschäftigten liegt für Deutschland im europäischen Vergleich tatsächlich recht niedrig“, bestätigt er zwar. Das komme aber von der hohen Teilzeitquote, die sich aktuell auf Rekordstand befindet. „Der jahrzehntelang steigende Teilzeittrend ist aber vor allem ein Zeichen zunehmender Erwerbsintegration von Frauen“, so Weber weiter. Diese arbeiten oft in Teilzeit und ziehen damit den gesamten Durchschnitt nach unten, „aber eigentlich sind es ja zusätzliche Stunden“, so Weber. Bei der Frauen–Erwerbsbeteiligung liege Deutschland im Vergleich weit oben.

Jeder einzelne Arbeitnehmer habe zwar historisch betrachtet in Deutschland noch nie so wenig gearbeitet – „aber alle gemeinsam noch nie so viel“. Deutschland liege im europäischen Mittelfeld, wenn man diesen Effekt mit einbeziehen würde. „Wir sollten daher weniger darüber reden, wie lang oder kurz wir arbeiten sollten, und mehr darüber, welche Bedingungen wir brauchen“, sagt Weber. Kinderbetreuung, finanzielle Anreize und die Gleichstellung der Geschlechter seien Mittel würden Arbeitnehmer motivieren. „Auf dieser Basis können Beschäftigte dann ihre Wahl treffen, im Sinne einer selbstbestimmten X-Tage-Woche“, so Webers Einschätzung eines Optimal-Zustands für die Wirtschaft.

KommentarAnreize für mehr Arbeit

Ja, wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben. Zugegeben, von Ehrgeiz getriebene vorwiegend mittelalte weiße Männer, die nichts als ihren Job kennen, sind nicht mehr zeitgemäß. Doch die Arbeit ist in der Biografie eines Menschen mehr als nur Broterwerb. Arbeit kann sinnerfüllend sein. Auch der abgenutzte Satz, wer liebt, was er tut, muss nie wieder arbeiten, hat einen Kern Wahrheit: Selbstverwirklichung im Job ist der Idealzustand für Arbeitnehmer. Dazu muss man sich wieder bewusst sein, welche Vorzüge der eigene Beruf hat. Als Journalist ist das leicht: Eigentlich gibt es keinen schöneren Beruf auf der Welt. Man kann sich von Experten alles erklären lassen, geht zu den interessantesten Orten und ist überall dort dabei, wo es spannend ist. Natürlich gilt das nicht für Menschen, die sich täglich körperlich abmühen müssen oder gesellschaftlichen Druck spüren wie in der Altenpflege oder in der Klinik.

Flexibilität ist das, was sich viele Menschen wünschen. Wer wie die Griechen mehr arbeiten möchte, sollte nicht durch noch mehr Steuer- und Abgabenlast bestraft werden.

Das gilt übrigens nicht nur für Arbeitnehmer im Berufsleben, sondern auch für Ruheständler, die sich etwas dazu verdienen wollen. Die Politik muss Anreize schaffen, damit die Wirtschaft wieder besser läuft und Arbeitnehmer mehr statt weniger arbeiten wollen – zum Wohle aller.