Wenn Lehrstellen unbesetzt bleiben: Generation Z ist für Betriebe ein Problem

Von Christian Eckl · 29. August 2024 um 19:00

Die beiden Kammern berichten in Regensburg über den Ausbildungsmarkt in Industrie, Handel und Handwerk. Betriebe können längst nicht alle Stellen besetzen und zahlreiche Bewerber bleiben dennoch ohne Ausbildungsplatz. Woran liegt das? Auch an den hohen Ansprüchen, sagen die Kammer-Vertreter. Erfreuliches gibt es indes von den Gymnasiasten.

Es ist ein Luxusproblem. Zumindest für die sogenannte Generation Z, deren jüngste Vertreter nun die Schulen verlassen. 1,6 offene Ausbildungsstellen kommen auf jeden Bewerber. In der Oberpfalz sind es sogar 2,6 Stellen pro Bewerber. „Das ist ein Traum“, sagt dann auch Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Oberpfalz-Niederbayern.

Die jungen Menschen können es sich faktisch aussuchen, ob und welche Ausbildung sie antreten – zumindest, wenn sie die Anforderungen erfüllen. Doch für die Gesellschaft wird diese Wahlfreiheit zunehmend zum Problem, wie ein gemeinsames Fazit der beiden großen Kammern in Regensburg belegt.

Größte Sorge: Fachkräfte- und Arbeitermangel

„Die Bewerber können Forderungen stellen“, sagt Schmidt. Dabei sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowohl im Handwerk, als auch im Handel alles andere als rosig. Eine Erholung der konjunkturellen Lage sehen derzeit weder die Handwerks-, noch die Industrie- und Handelsbetriebe in Ostbayern. Ihre größte Sorge bleibt dabei allerdings der Fachkräfte- und – wie die Vertreter der Kammern sagen – zwischenzeitlich auch der Arbeitermangel. Denn längst fehlen nicht nur gut ausgebildete Arbeitskräfte, sondern auch solche, die einfachere Tätigkeiten ausführen können.

Doch zunächst zu den Zahlen: Knapp 4000 neue Ausbildungsverträge haben die Industrie- und Handelsbetriebe im Bereich der hiesigen IHK abgeschlossen, sagt der bei der Kammer zuständige Bereichsleiter Ralf Kohl. Im Handwerk sind es fast 4900 Neuverträge, allerdings umfasst das Gebiet der Handwerkskammer die gesamte Oberpfalz und auch Niederbayern, ist also etwas größer als das der IHK.

1162 Bewerber ohne Stellen

Dennoch gibt es eine große Lücke. Unbesetzte Ausbildungsstellen gibt es derzeit in Ostbayern 5818, Bewerber, die nicht untergekommen sind 1162. Doch wie geht das zusammen? Schmidt von der HWK sagt: „Wenn sich jemand ausbilden lassen und arbeiten möchte, dann ist das kein Problem.“ Jeder könnte eine Stelle finden. Dass es dennoch Bewerber gibt, die trotz zahlreicher offener Stellen nicht unterkommen, begründen die Vertreter der Kammern aber auch mit Hemmnissen, die man zunächst beseitigen müsste.

Beim Thema Integration von Migranten gibt es indes Bewegung auf dem Ausbildungsmarkt. In Summe gibt es im Handwerk etwa 13000 Auszubildende in Ostbayern. Davon haben 13 Prozent keinen deutschen Pass. Darunter sind etwa 600, die nicht aus dem EU-Ausland, sondern aus den klassischen Fluchtländern Syrien und Afghanistan kommen. Ähnlich sieht es in Industrie und Handel in der Region aus. Eine weitere interessante Entwicklung ist die stetig zunehmende Zahl von Gymnasiasten.

Beide, sowohl der HWK-, als auch der IHK-Vertreter führen dies auf einen Wandel im politischen Klima zurück. „Wir haben zwischenzeitlich einen Abiturienten-Anteil von 17 Prozent“, sagt IHK-Vertreter Kohl. Vor einigen Jahren lag dieser Prozentsatz noch bei etwa zehn Prozent. Auch Schmidt bestätigt für das Handwerk, dass die Zahlen stetig steigen: Waren es im Jahr 2013 noch 5,3 Prozent Gymnasiasten unter allen Auszubildenden, kratzen die Handwerksbetriebe bei den Azubis mit Hochschulreife schon an der Zehn-Prozent-Marke. Manche dieser neuen Auszubildenden sind Studienabbrecher. Beide Kammern plädieren dafür, diesem Knick im Lebenslauf die Scham zu nehmen.

Aber auch der Tag des Handwerks, den die Staatsregierung verpflichtend gemacht hat, sorge dafür, dass sich auch Gymnasiasten zunehmend für eine Ausbildung im Handwerk begeistern könnten. „Ich erlebe das vor Ort so, dass der Satz des Pythagoras aus der Theorie dann ganz konkret auf die Realität eines von Zimmerern gebauten Dachstuhls trifft.“ Der Tag des Handwerks habe sich als absoluter Erfolg etabliert.

Realschüler sind Rückgrat

Während die Zahl der Gymnasiasten unter den Auszubildenden stetig zunimmt, und zwar in beiden Kammer-Bereichen, bleiben die Realschulabsolventen weiterhin das Rückgrat der mittelständischen Betriebe in Deutschland, aber auch in Ostbayern. Ihre Quote nimmt sogar weiter zu: Von 29,5 Prozent aller Auszubildenden in 2013 auf 37,4 Prozent. Eher abnehmend ist die Zahl der Hauptschüler von 60 auf 50 Prozent. Rückläufig ist auch die Zahl der Auszubildenden ohne Abschluss.

Auswirkungen hat auch der Einstellungswandel der Generation Z für den Azubi-Mangel. „Es gibt einen Betrieb, der stellt seinen Auszubildenden sogar Autos zur Verfügung, die man schon ab 16 fahren darf“, schildert Schmidt. Beide Kammer-Vertreter sagen, dass der gesellschaftliche Wandel hin zu höherem Anspruchsdenken und weg von der Frage, was man selbst leisten sollte, auch von den Unternehmen in der Region gespiegelt würde. „Die Betriebe müssen sich auch zunehmend um die erzieherischen Aspekte mitkümmern“, sagt Kohl. Sogenannte „Soft Skills“ wie Empathie und Anstand würden die Betriebe zunehmend bei den Bewerbern vermissen.