Kreis Kelheim bekommt doch noch eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Von Martina Hutzler · 28. August 2024 um 19:00

Es war eine schwere Geburt, aber jetzt bekommt der Landkreis Kelheim doch eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine Fachärztin wird sich hier niederlassen, nachdem sie nach zähem Ringen die Genehmigung erhalten hat.

Seit Jahrzehnten beklagen betroffene Familien sowie ärztliche und therapeutische Fachleute, dass der Landkreis Kelheim de facto ein weißer Fleck war und ist in Sachen Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP). Das soll zum Jahreswechsel ändern: Jeanne-Marie Berger, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, will bis dahin ihre Praxis startklar haben.

Derzeit sucht die Fachärztin (50) nach einem geeigneten Standort, zusammen mit ihrem Mann Jörg, der aus Kelheim stammt, selbst Mediziner ist und sich um den kosten- wie zeit-intensiven Organisations-Marathon kümmert, den der Aufbau einer neuen Praxis bedeutet. Seine Frau ist derzeit noch an ihrer bisherigen Wirkungsstätte tätig, in einem Berliner Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ).

Der künftige Standort im Kreis Kelheim, der möglichst gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein soll, wird eingegrenzt durch die kassenärztlichen Vorgaben, unter denen die Zulassung erteilt wurde: Sie gibt einen Radius von 20 Kilometern rund um die Kreisstadt vor. Kelheim selbst sei ein denkbarer Praxis-Sitz, aber auch zum Beispiel der Raum Abensberg – dort gibt es mit dem Cabrini-Zentrum und dem BBW Einrichtungen, in denen der fachärztliche Bedarf groß ist.

Nicht nur dort war die Freude über die Praxispläne groß. Auch andere therapeutische Einrichtungen, Ärztlicher Kreisverband und „Gesundheitsregion plus“-Managerin Franziska Neumeier hatten den kassenärztlichen Antrag der Fachärztin mit Nachdruck unterstützt – und zeigten sich alle entsetzt, als er im Dezember 2023 zu scheitern drohte.

Fachgremium lehnte ab

Der Zulassungsausschuss Ärzte Oberpfalz lehnte wider Erwarten die „Sonderbedarfs-Zulassung“ ab; damit wäre keine Behandlung bzw. Abrechnung gesetzlich versicherter Patienten möglich gewesen. Der Ausschuss – paritätisch besetzt mit je drei Vertretern der Ärzte und Krankenkassen – berief sich darauf, dass sein Zuständigkeitsbereich die Landkreise Kelheim, Neumarkt, Cham, Stadt und Kreis Regensburg – bereits überversorgt sei. Und ignorierte geflissentlich, dass 14 der 17 KJP-Fachärztinnen und -ärzte in der Stadt Regensburg ansässig sind; fast unerreichbar für viele Familien zum Beispiel aus Kelheims Kreis-Süden. Dieses und weitere Argumente seien aber in der Ausschusssitzung kurzerhand als „nicht schlüssig“ einfach weggewischt worden, so Jörg Berger. Auch der große Bedarf war dort kein Argument.

Das Ehepaar ließ nicht locker, legte beim Berufungsausschuss Widerspruch ein. Dasselbe tat sogar die Kassenärztliche Vereinigung; ein durchaus bemerkenswerter Vorgang. Der Auftritt von Jeanne-Marie Berger vorm Berufungsausschuss war kurz – das Gremium habe sofort seine Zustimmung für eine Praxisniederlassung signalisiert, schildert ihr Mann. Ende Juli kam auch die schriftliche Bestätigung.

Darüber zeigt sich nicht zuletzt der Chef des Ärztlichen Kreisverbands Kelheim, Hubert Faltermeier, erleichtert, zumal angesichts der „langwierigen Bemühungen“, wie er erinnert: „Alle Beteiligten haben intensiv zusammengearbeitet, um die Versorgung in diesem seit Jahren brach liegenden Gebiet heimatnah zu ermöglichen.“

Das grüne Licht für eine Praxis bedeutet vor allem für diejenigen Eltern sowie Kinder und Jugendlichen eine Erleichterung, die eine medikamenten-unterstützte Therapie benötigen. Die Medikation ist nämlich Fachärzten vorbehalten; bisher mussten Betroffenen dafür zum Beispiel nach Regensburg, Landshut oder Ingolstadt reisen.

Netzwerk für junge Leute

Zu einem ganzheitlichen Behandlungsansatz gehörten aber noch weitere Komponenten wie z.B. psychologische und ergotherapeutische Betreuung, erklärt Jörg Berger. Ein entsprechendes Netzwerk in der Region ein Netzwerk will das Paar aufbauen. Falls personell machbar, seien Gruppentherapie-Angebote in der Praxis denkbar. Langfristig und wenn sich die Räumlichkeiten dafür eignen, sei sogar ein kleines MVZ für Kinder und Jugendliche respektive für Familienmedizin denkbar.

Im ersten Jahr indes müsse man den Praxisbetrieb ins Laufen bringen. Das dafür nötige Team, genauer: dessen Mindestumfang, sei ebenfalls vorgegeben. Unter anderem muss ein Psychologe oder Psychologin an der Praxis angestellt sein, damit dort die sozialpsychiatrische Versorgung angeboten werden darf.

Jeanne-Marie Berger Foto: Berger