Jugend im Landkreis Kelheim bleibt alleingelassen mit ihren psychischen Nöten

Von Martina Hutzler · 29. Januar 2023 um 14:54

„Alarmierend“, so beschreiben Fachleute die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung im Landkreis Kelheim. Und dabei steigt der Bedarf immer noch weiter an, wie neueste Zahlen zeigen.

Der Landkreis Kelheim ist ein weißer Fleck in Sachen Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP): Es gibt kein klinisches Angebot und, laut Kassenärztlicher Vereinigung, auch keine niedergelassenen Fachärztinnen und -ärzte. Kein Wunder, dass das neue „Gesundheitsforum“ des Landkreises bei seiner ersten Sitzung im November 2022 das KJP-Defizit „als brennendstes Thema“ ausgemacht hat, so das Landratsamt auf unsere Anfrage: die knapp 60-köpfige Runde aus regionalen Gesundheitsfachleuten diagnostizierte eine „alarmierende Unterversorgung“ im Kreis Kelheim. Dabei benötigen immer mehr Kinder und Jugendliche medizinische Hilfe.

Landshuter Klinik überfüllt

Das zeigen die Zahlen der Bezirksklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) in Landshut. Die (einzige) für den Kreis Kelheim zuständige Fachklinik hat im vorigen Jahr 634 junge Menschen stationär behandelt - 76 mehr als 2021, und weit mehr als die prognostizierten 365 Fälle, wie Bezirks-Pressesprecher Marcus Dörner auf Anfrage mitteilt. Der riesige Zuwachs geht auf Kosten der Behandlungszeit: Die „eigentlich angedachte durchschnittliche Verweildauer“ sank schon 2021 auf knapp 26 Tage und fiel 2022 erneut, auf knapp 24,5 Tage. Druck aus dem System nehmen könnte eine ambulante Außenstelle in Kelheim – doch da sieht es düster aus.

Kelheim bleibt Schlusslicht im Bezirk

Schon vor sage und schreibe 13 Jahren hatte der zuständige Ausschuss des Bezirkstags beschlossen, dass unter anderem Kelheim eine solche Außenstelle erhalten soll. In Passau, Deggendorf, Zwiesel und zuletzt 2021 in Waldkirchen eröffneten solche „psychiatrischen Institutsambulanzen“ – der Kreis Kelheim blieb außen vor.

Jahre lang wurde über Bedarf und Standort so einer Tagesklinik für Kelheim debattiert. Mittlerweile kann man sich die Diskussion fast schenken.

Denn es fehlen sowieso die nötigen Fachkräfte, wie Landrat Martin Neumeyer schildert: „Der Arbeitsmarkt ist leer, es gibt kaum Ärzte in der entsprechenden Fachrichtung“ – was „gerade ländliche Regionen wie den Landkreis Kelheim vor große Herausforderungen stellt“, bedauert er.

Strafzahlungen drohen

Selbst in der KJP Landshut und ihren bestehenden Außenstellen „haben wir es aufgrund des Fachkräftemangels kaum noch in der Hand, die Personalvorgaben wirklich aktiv steuernd umzusetzen, sondern reagieren nur von einem Personalengpass zum Nächsten“, bekennt Bezirkssprecher Dörner. Das belastet das Klinik-Personal. Und schwebt als finanzielles Damoklesschwert über dem Bezirk – sprich: indirekt über dessen Finanziers, den niederbayerischen Landkreisen.

Denn 2020 hat der „Gemeinsame Bundesausschuss“ (G-BA) – die Selbstverwaltung von Krankenkassen und -häusern – Personal-Untergrenzen für alle psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen vorgeschrieben und droht bei Nichteinhaltung der Vorgaben mit „drakonischen Sanktionszahlungen“.

Das hat laut Bezirkssprecher Dörner zur Folge, „dass kaum ein Träger neu Angebote schaffen wird, sondern sich um die Sicherstellung der bestehenden Angebote kümmern muss.“ Verhandlungen mit G-BA und Bundesgesundheitsministerium, um Ausnahmen für kleinere und unterversorgte Standorte zu erreichen, stecken seit Jahren fest.

Hoffnung für Abensberg?

Immerhin überlege der Bezirk, Kelheim zu helfen, so Dörner: „etwa über den Ausbau mobiler Teams aus der Landshuter Institutsambulanz für das Berufsbildungswerk St. Franziskus Abensberg, wie es bereits für die Katholische Jugendfürsorge in Offenstetten umgesetzt wird“. Eine Option, für die man beim BBW „durchaus dankbar“ wäre, bestätigt dessen Gesamtleiter Walter Krug – vorausgesetzt, solche mobilen Teams seien mehr als ein paar Stunden pro Monat vor Ort. Denn auch im BBW ist der KJP-Bedarf groß; „rund 60 Prozent unserer jungen Leute haben psychische Probleme“.

Zuständigkeiten wechseln

Man versuche dies mit auswärtigen Fachpraxen abzufangen, vorrangig in Regensburg, so Krug. Die freilich kooperieren zwar mit der Regensburger KJP-Bezirksklinik, aber nicht mit der für Kelheim zuständigen KJP Landshut. Mobile Teams aus Landshut wären deshalb auch für die therapeutische Kontaktpflege gut: „Wenn man sich kennt, ist vieles leichter“, weiß BBW-Leiter Walter Krug.

DieKJP-Unterversorgungbleibe ein Thema, zwischen Landrat Neumeyer und Bezirkstagspräsident Olaf Heinrich, aber auch im „Regionalen Steuerungsverbund“, so das Landratsamt. Das landkreis-weite Gremium zur Planung und Weiterentwicklung der örtlichen psychiatrischen Versorgung werde „Empfehlungen erarbeiten“. Vor einer banalen Erkenntnis stehen indes alle Beteiligten: „Niemand kann die fehlenden Fachärztinnen und Fachärzte herbeizaubern“, beschreibt es Walter Krug lapidar.