Erbe verpflichtet: Seit 450 Jahren brauen die Gloßners Bier – erst in Velburg, dann in Neumarkt

Von Eva Gaupp · 25. August 2024 um 05:00

Als Gregor Gloßner einst in „Veldorff“ sein Braunbier im Kommunbrauhaus braute, dürfte er keinen Gedanken daran verschwendet haben, dass seine Nachfahren 450 Jahre später noch demselben Handwerk nachgehen. Die Familiendynastie der heutigen Neumarkter Glossnerbräu nahm 1574 in Velburg ihren Anfang. Und das wird im Herbst groß gefeiert.

Sein eigenes Bier zu brauen und vielleicht noch in der Nachbarschaft zu verkaufen, war zur damaligen Zeit nichts Besonderes. Durfte doch jeder Einwohner, der das Bürgerrecht besaß, das Kommunbrauhaus der Gemeinde nutzen. „Damals hatte das Bier auch noch viel weniger Alkohol und war ein wichtiges Lebensmittel“, sagt Franz Xaver Gloßner. Mit ihm und seinem Sohn Michael versorgen Brauer in der 13. und 14. Generation nicht nur Neumarkt mit ihrem Gerstensaft.

„Wir sind das drittälteste Private Unternehmen in Bayern“, verrät der Vater. Ein Verein führe darüber Buch und nehme bald die Glossnerbräu auf. Eine außergewöhnliche Tradition – aber auch eine Verpflichtung. Da sind sich Vater und Sohn einig. „Mit der Verantwortung geht die Verpflichtung einher“, sagt Michael Gloßner, der zum 1. Januar 2023 offiziell die Firma übernommen hat. Mit Gregor als zweitem Vornamen hat er die Tradition quasi in die Wiege gelegt bekommen.

Die Verantwortung wird in der Familie Gloßner weitervererbt

„Man könnte auch alles verprassen, das wäre ein Leichtes“, sagt Franz Xaver Gloßner. „Dann müssten wahrscheinlich auch meine drei Kinder nicht mehr arbeiten“, fügt sein Sohn schmunzelnd hinzu. „Aber wir haben die Verantwortung unseren Vorfahren gegenüber, das nicht zu tun“, sagt der Vater und der Sohn nickt dazu. Nicht umsonst lautet der Titel eines Buches über die Braufamilie „Generation für Generation“ – von einer Generation für die nächste.

„Ein Wirtshaus bildet die Gesellschaft ab.“ Michael Gloßner

Im Brauereimuseum im Keller steht die alte Flaschenabfüllanlage, die Franz Xaver schon als fünfjähriger Knirps bedient hat. „Kinderarbeit gab‘s damals noch nicht“, lacht er und erzählt, wie sein Vater ihn 1955 als Zwölfjährigen auf seine erste Reise mitgenommen hat. Keine Urlaubsreise, sondern eine Art Bier-Bildungsreise, 20 Brauereien in zehn Tagen. Sein Vater habe sich schon vor dem Krieg in Verbänden engagiert, ihm sei der Austausch mit anderen Brauern immer wichtig gewesen. So wie ihm selbst auch. Zu Spitzenzeiten seien daraus bis zu 30 Ehrenämter entstanden.

Der Austausch, das Gesellige, Menschen an einem Ort zusammenzubringen, das ist auch seinem 39-jährigen Nachfolger besonders wichtig. Das Sudhaus ist das Herzstück der Brauerei, sagt Michael Gloßner. So warmherzig wie er über das Bräustübl spricht, dürfte dieses dann vielleicht die Seele des Unternehmens verkörpern. Die Seele mit all den Menschen, die die Glossnerbräu leben und ausmachen.

„Gasthof und Brauerei gehören zusammen“, sagt der Junior. Da dies bei den Gloßners historisch bedingt nicht mehr der Fall ist, hat für ihn das Bräustübl die Funktion übernommen. „Ein Wirtshaus bildet die Gesellschaft ab.“ Dort kämen ganz unterschiedliche Menschen zusammen – ein Ort, von dem man lernen könne. Schließlich habe auch er als Chef heute im Betrieb und im Kundengespräch mit sehr unterschiedlichen Charakteren zu tun.

Teil einer sehr langen Tradition zu sein, ist aber nicht nur Verpflichtung, sondern birgt auch Vorteile, wie die beiden Männer berichten. „Die Erfahrung der Eltern ist wertvoll. Es wird ja nichts Schriftliches weitergegeben.“ Mit einem 30 Jahre alten Braurezept könne heute sowieso keiner mehr etwas anfangen. Aber wie man sich in schwierigen Situationen verhalte und neue Herausforderungen meistere, das könne man weitergeben, sagt Franz Xaver Gloßner. „Vor allem die Werte“, fügt sein Sohn hinzu.

Glossnerbräu wurde im Krieg zerstört

Schwierige Situationen haben beide schon miterlebt. Die Bomben hatten 1945 nicht nur den überwiegenden Teil der Neumarkter Altstadt in Schutt und Asche gelegt – auch von der Brauerei waren nach einem Brand nur noch einige Mauern stehen geblieben.

Aber 200 Hektoliter Dünnbier blieben zum Glück verschont. Dessen Verkauf wurde zum Startkapital für den Neubeginn von Josef Gloßner nach dem Zweiten Weltkrieg.

Statt Architekt wurde Franz Xaver Gloßner Brauer

Franz Xaver wollte eigentlich nach der mittleren Reife weiter zur Schule gehen, er hatte mit dem Gedanken gespielt, Architekt zu werden. Doch dann hatte sein Vater ihm eine Lehrstelle erst in Adlersberg bei Regensburg, dann in Aschaffenburg besorgt. Es folgten eine kaufmännische Ausbildung, dann das Studium des Brauwesens in Weihenstephan. Der Krieg habe Spuren bei seinem Vater hinterlassen, erinnert sich Gloßner, er habe Unterstützung gebraucht. Sein älterer Bruder habe aus gesundheitlichen Gründen die Nachfolge nicht antreten können.

Die Corona-Pandemie war für die Glossnerbräu nicht weniger existenzgefährdend. Kneipen und Restaurants geschlossen, private Feste verboten, Volksfeste abgesagt. „Die Familie und die Firma haben schon so viel überstanden – das lässt einen dann schon etwas ruhiger schlafen“, sagt Michael Gloßner.

Kunden greifen öfter zu alkoholfreiem Bier

Zuversicht und Weitsicht braucht eine Brauerei heute angesichts sinkender Bierabsätze und starker Konkurrenz. Zwischen zwei und drei Prozent nehme der Bierkonsum jedes Jahr bundesweit ab, sagen die beiden Gloßners. Deshalb seien der Mineralbrunnen und das breit aufgestellte Sortiment wichtig. „Vom Bier allein kann man nicht leben“, unterstreicht der Senior.

Außerdem verschiebe sich der Konsum hin zu alkoholfreien Bieren. 15 Brauereien in und außerhalb von Bayern beliefert die Glossnerbräu inzwischen mit ihrem alkoholfreien Angebot. Insgesamt vertreibt sie damit nach eigenen Angaben gut 80000 Hektoliter Bier, Neumarkter Mineralbrunnen und Handelsware jedes Jahr.

Zum Jubiläum am 14. und 15.September kommt ein weiteres Produkt dazu. Ein neues Helles: heller als das bisherige, herber und in der kleinen 0,33-Liter-Flasche. Doch das ist nicht das einzige Zukunftsprojekt. Denn es ist geplant, das Wasser aus der Quelle beim Kloster St. Josef in einer Leitung bis in die Schwesterhausgasse zu führen, um es vor Ort abzufüllen. Bislang muss es in Tanks vom Berg hinunter in die Altstadt transportiert werden.

Auf einem Drittel des Weges liegen die Rohre bereits in der Erde. Wenn es auf dem Brauereigelände in Flaschen abgefüllt wird, dürfte es nämlich ganz offiziell als „Heilwasser“ deklariert werden. Die Anerkennung liege schon vor, sagt Franz Xaver Gloßner.

Aber das Verlegen der Leitungen ist teuer, außerdem schreibt der Gesetzgeber vor, dass ein Apotheker vor Ort sein müsste, damit das zertifizierte Heilwasser als solches verkauft werden dürfe. „Das ist alles nicht so einfach.“ Trotzdem sei es sein erklärtes Ziel, das zu schaffen, sagt der 81-Jährige.

Ein konkreter Zeitplan dafür existiere nicht. Aber dieses Ziel werde bei allen Überlegungen und Entscheidungen berücksichtigt, fügt sein Sohn an. „Wir haben immer eins nach dem anderen gemacht und uns nie übernommen.“ In einem Familienunternehmen denke man in Generationen. „Wir haben Zeit.“

So wird das Jubiläum der Glossnerbräu gefeiert:

Tag der offenen Brauerei: Am 15. September sind alle Interessierten von 10 bis 18 Uhr eingeladen, die Glossnerbräu aus der Nähe kennenzulernen. Es werden Führungen angeboten und ein „Bierweg“ über das Firmengelände, um die Brauerei auf eigene Faust zu erkunden. Auf Kinder warten Hüpfburgen, ein Feuerwehrauto, Bobbycars, Schminken und einiges andere mehr. Von einem Hubsteiger aus können die Besucher einen Blick von oben auf die Altstadt werfen. Damit Auswärtige ihr Auto unterbringen, haben die Gloßners das benachbarte Parkhaus in der Ringstraße angemietet.

Unterhaltung: Am Samstagabend tritt Cocaine bei Rock im Bräu auf (Eintritt frei). Am Sonntag sorgen Bröslschmarrn und Hochdruck Böhmische für Musik. Außerdem gibt es um 10 Uhr einen ökumenischen Frühschoppen.

An dieser Abfüllanlage hat Franz Xaver Gloßner als fünfjähriger Bub selbst Flaschen abgefüllt und in der Firma mitgeholfen.
Der „Oxerer“ Franz Brandl mit einem geschmückten Gespann
In der Schwesterhausgasse ziert der Stammbaum der Familie die Fassade des Bräustübls.
Heute werden Edelstahltanks eingesetzt – früher benutzte man Holzfässer. Foto: Tina Achhammer
Im Brauereimuseum ist noch die alte Karren zu sehen, mit der früher das Bier ausgeliefert wurde. Foto: Tina Achhammer
Unter dem Bräustübl ist noch die historische Mauer erhalten geblieben – trotz der Bombardierung zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
Im Bräustübl hängt der große und lange Stammbaum der Gloßners.
Bei einem Tag der offenen Brauerei zum 450-jährigen Jubiläum können Besucher die Firma kennenlernen.