Fall im Michlstift weitet sich aus: Wurde das entführte Kind für 1600 Euro nach Regensburg verkauft?

Dass Mitte April ein Kind aus dem Regensburger Michlstift entführt worden ist, ist in Rumänien längst in aller Munde. Der Sechsjährige soll zuvor nach Deutschland verkauft worden sein.
Über die erschütternde Geschichte wird in der Republik am Schwarzen Meer seit April lang und breit berichtet. Laut Astrid Freudenstein laufen Ermittlungen wegen Menschenhandels. Der hiesigen Kritik am Sicherheitskonzept des Schutzhauses erteilt die Sozialbürgermeisterin (CSU) eine Absage.
Am 19. April spazierte ein Mann in die städtische Einrichtung und nahm den Sechsjährigen gegen den Willen der Erzieherinnen mit. In Tschechien trafen Polizisten auf Täter und Kind. Der Junge war wohlauf. Gegen den Mann leitete die Polizei ein Verfahren wegen Entziehung eines Minderjährigen ein. Die Ermittlungen laufen noch. Soweit, so bekannt.
„Pflegevater“ nimmt Kind aus Regensburger Schutzhaus mit
Wie Freudenstein im Gespräch mit der MZ erklärt, hatte das Jugendamt den Jungen nur Stunden vor der Entführung aus einer Regensburger Kita heraus in Obhut genommen. Zuvor lebte er bei einem Mann im Stadtwesten, der sich laut Freudenstein als „Pflegevater“ des Kindes bezeichnete. Einen Tag nach dem Aufgriff in Tschechien holte ein Mitarbeiter des Jugendamtes den Jungen zurück nach Regensburg.
Weitere acht Tage später, am 29. April, kamen laut Freudenstein Vertreter der rumänischen Regierung und des rumänischen Generalkonsulats in München gemeinsam mit einem Team aus Psychologen und Pädagogen nach Regensburg, um das Kind in sein Heimatland zurückzuholen. Seitdem befindet sich der Junge in Rumänien in Obhut.
„Die Behörden beider Länder ermitteln wegen des Verdachts auf Menschenhandel mit Minderjährigen“, sagt Freudenstein. Laut rumänischen Medienberichten sollen die Eltern ihr Kind für 1600 Euro verkauft haben, leugnen das aber. Die Geschwister des Sechsjährigen wurden demnach in Pflegefamilien untergebracht.
Missverständnis um Sicherheitsdienst in Regensburger Schutzhaus
Bereits ohne die erschütternden Hintergründe, die jetzt bekannt wurden, warf die Entführung aus dem Schutzhaus ein Schlaglicht auf die Sicherheitsvorkehrungen im Michlstift. Die Pforte ist unbesetzt. Mitarbeiter klagten, überlastet zu sein. Der Fall schlug jedoch insbesondere deshalb hohe Wellen, weil die Stadt auf mehrere Nachfragen mitteilte, dass aufgrund der Haushaltslage seit 1. Januar 2024 tagsüber kein Sicherheitsdienst mehr vor Ort sei.
Das stimmt so jedoch nicht ganz. „Tagsüber war noch nie ein Sicherheitsdienst vorgesehen“, sagt Freudenstein. Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra klärt das Missverständnis auf: Tatsächlich seien von Oktober bis Dezember 2023 auch tagsüber Security vor Ort gewesen – allerdings nur, weil zu dieser Zeit besonders viele unbegleitete Flüchtlinge in der Einrichtung untergebracht waren.
Kind aus Michlstift entführt: Regensburger Grüne fordern Antworten
Die Regenbürger Grünen kritisieren die Zustände in der städtischen Einrichtung scharf. Stadträtin Theresa Eberlein wirft Freudenstein vor, „den Rotstift bei der Sicherheit der Angestellten und Kinder und Jugendlichen anzusetzen“. Der Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol fordert Antworten von der Staatsregierung – denn als oberste Aufsichtsbehörde über die Einrichtung fungiert die Heimaufsicht bei der Regierung der Oberpfalz.
„In der Einrichtung leben besonders schutzbedürftige Kinder, weshalb es ein Skandal ist, dass das Sicherheitskonzept seit Beginn des Jahres offensichtlich löchrig ist“, erklärt Mistol zu seiner schriftlichen Anfrage an die Staatsregierung. Darin erkundigt er sich unter anderem nach der aktuellen Sicherheitslage im Michlstift und nach dem Informationsfluss zwischen Stadt und Heimaufsicht.
Die Aufgabe der Heimaufsicht sei es, zu überprüfen, ob die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind – also ob ausreichend Platz, Personal und finanzielle Mittel vorhanden sind, um den Kindern die notwendige Betreuung zu bieten, erklärt Manfred Schmied, Pressesprecher bei der Regierung der Oberpfalz. Man stehe in regelmäßigem Austausch mit der Stadt. „Die Kinder werden altersgerecht von pädagogischen Fachkräften betreut“, sagt Schmied. Die Heimaufsicht begrüße die geplante Besetzung der Pforte, ein Sicherheitsdienst sei für diese Einrichtung rechtlich nicht vorgesehen.
Diskussion um Sicherheit im Regensburger Michlstift: Keine „geschlossene Einrichtung“
„Das Michlstift war nie eine geschlossene Einrichtung, will und kann es nicht sein“, sagt Freudenstein. Auch Schulen, Kitas, Jugendzentren, Pflegefamilien oder größere Kinderheime stünden nicht unter ständiger Bewachung. „Kinder, die zeitweise oder dauerhaft nicht bei den eigenen Eltern leben können, sollen trotzdem ein halbwegs normales Leben führen“, erklärt Freudenstein.
Die Vorfälle rund um den 19. April bezeichnet die Sozialbürgermeisterin als „offenkundig kriminelle Handlungen“, die die zuständigen Behörden nun klären. Die Fachkräfte des Jugendamtes hätten sich sehr professionell verhalten.