Kind aus Regensburger Schutzhaus nach Tschechien entführt: Wie konnte das passieren?

Von Jonas Raab · 16. August 2024 um 17:00

Es ist ein erschreckender Vorfall, der jetzt ans Licht kommt: Mitte April hat ein Mann ein Kind aus dem Schutzhaus im Michlstift in Regensburg nach Tschechien entführt. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Sicherheit in der städtischen Einrichtung.

Polizeisprecherin Corinna Wild bestätigt die Entführung und eine grenzüberschreitende Fahndung auf Nachfrage. Kollegen aus Tschechien trafen Täter und Kind – es war wohlauf – schließlich an. Gegen den Mann leitete die Polizei ein Verfahren wegen Entziehung eines Minderjährigen ein. Der Ermittlungen laufen noch.

Wie konnte der Mann das Kind aus der Einrichtung entführen? „Das war keine Situation, wie man sich gemeinhin eine Entführung vorstellt. Aber es war natürlich eine brenzlige Situation“, sagt Volker Sgolik, Leiter des Jugendamtes. Das Kind habe den Mann gekannt und sei auf ihn zugelaufen. Der habe es dann gegen den Willen der Erzieherinnen mitgenommen.

Regensburger Schutzhaus bekommt einen Pförtner

Wie Stadtsprecherin Kristina Kraus erklärt, bewacht nachts ein Security-Mitarbeiter das Haus. Tagsüber ist kein Sicherheitsdienst mehr vor Ort. Demnächst soll ein Pförtner eingestellt werden, sagt Kraus. Momentan kann man im Schutzhaus also unbehelligt ein- und ausgehen.

In den verschiedenen Einrichtungen des ehemaligen Altersheims werden rund 50 junge Menschen betreut, darunter minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind. Rund 140 Einsätze zählt Polizeisprecherin Wild seit Anfang vergangenen Jahres am Michlstift. Das sei für eine solche Unterkunft nicht unüblich, sagt sie.

Reichen die Sicherheitsvorkehrungen aus? „Es ist eine Gratwanderung zwischen Schutz und Überwachung. Die Menschen sollen ja zur Selbstständigkeit erzogen werden“, sagt Jugendamtsleiter Sgolik. Der Michlstift sei ein offenes Haus. „Aber ein Mehr an Sicherheit ist gut. Wir freuen uns, dass die Pförtnerstelle kommt.“

Nach Entführung: Regensburger Grüne fordern schnelles Handeln

Grünen-Stadträtin Theresa Eberlein spricht von einem „Skandal“ und kritisiert die Zustände in der Einrichtung scharf. „Die Menschen im Michlstift arbeiten in einem herausfordernden und anspruchsvollen Umfeld mit einem sowieso schon vulnerablen Klientel“, schreibt sie in einem Statement. Die Stadt müsse als Arbeitgeberin ihrer Verantwortung zur Sicherung guter Arbeitsbedingungen nachkommen. „Eine unbesetzte Pforte kann gefährliche Konsequenzen haben, wie der aktuelle Fall beweist. Den Rotstift bei der Sicherheit der Angestellten und Kinder und Jugendlichen anzusetzen, ist verantwortungslos und muss sofort korrigiert werden“, fordert die Stadträtin in ihrem Schreiben.