Warum das „Wunder“ in der Regentalgemeinde nicht nur in einer Hinsicht „harte Arbeit“ war

Wunder, die kommen in Märchen vor – und als Wunder ist das Blaibacher Konzerthaus oft in den vergangenen Jahren bezeichnet worden. Statt von „Märchen“ spricht Konzerthaus-Architekt Peter Haimerl von einem „Krimi“, aber auch von einer „fantastischen Zeit“ und „meinem tollsten Projekt“. Ein Rückblick auf dieses Projekt, das aus einer Idee entstand, auf viel Widerstand und noch mehr Unterstützung stieß und am Ende Blaibach (Landkreis Cham) weltberühmt machte.
Ohne Haimerls Liebe zu den alten Bayerwald-Häusern gäbe es das Konzerthaus nicht. Alles beginnt mit seinem eigenen Haus in Eben/Viechtach – einem einst ruinösen Bauernhaus, das der Architekt und seine Ehefrau Jutta Görlich behutsam unter Verwendung von Sichtbeton und Holz sanieren. „Birg mich Cilli“ nennen sie das Projekt – nach der letzten Bewohnerin des Hauses, der Bäuerin Cilli; und weil das Neue am Haus das Alte daran quasi einrahmt, schützt, ihm „Geborgenheit“ gibt. „Birg mich Cilli“ ist die Initialzündung für Haimerls Hauspaten-Projekt. Die Idee: Alte Bayerwald-Häuser vor dem Abriss zu bewahren, zu sanieren und einen Käufer zu finden.
Zwischen Passau und Waldmünchen schaut er sich Häuser an, sucht nach Mitstreitern und potenziellen Käufern. Das Geschäftsmodell der Hauspaten funktioniert nicht, bringt Haimerl aber die Bekanntschaft von Bariton Thomas E. Bauer und auch Blaibach ein, als er dort auf das alte Schurmann-Haus stößt.
Blaibach auf Platz 1
Durch Zufall erfährt Peter Haimerl von der staatlichen Städtebau-Initiative „Ort schafft Mitte“, einem Modellprojekt, um Leerständen auf dem Land entgegenzuwirken. Haimerl bietet dem damaligen Bürgermeister Ludwig Baumgartner an, unentgeltlich ein Konzept für den Wettbewerb zu schreiben – unter der Bedingung, Ortsplaner zu werden, falls Blaibach gewinnt. Von 85 Gemeinden werden zehn ausgewählt, darunter Blaibach auf Platz 1.
Die Wiederbelebung von Blaibachs Ortsmitte beginnt mit dem Umbau des Blauen Hauses zum Bürgerhaus. Peter Haimerl sieht sich aber nicht nur als Architekt von „Ort schafft Mitte“, sondern auch als Mittelsmann: Um Leute zu finden, die Ideen für Blaibach haben; „Leute, die engagiert, intelligent und smart sind und nicht ihre eigenen persönlichen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen“. Solche Leute habe es viele gegeben, sagt Haimerl. Der ausschlaggebendste aber ist Thomas E. Bauer.
Der Bariton kauft das Schurmann-Haus und zieht mit seiner Kulturwald GmbH nach Blaibach. Und er hat die Idee: „Hier bauen wir ein Konzerthaus.“ Peter Haimerl ist begeistert: „Ich wusste vom ersten Tag an, dass dieses Ding ein Erfolg wird.“ Der Gemeinderat ist dafür – unter der Bedingung, dass der Kommune nicht mehr Kosten entstehen als beim Bau eines Parkplatzes an derselben Stelle. Haimerl veranschlagt dafür 400000 Euro, kalkuliert zusammen mit den Fördermitteln als Gesamt-Bausumme 1,66 Millionen Euro – „für ein Gebäude, das normalerweise zehn Millionen kostet“. Was Haimerl wichtig ist: Die Gemeinderäte von Blaibach seien hinter ihm und seinen Ideen gestanden, „die haben sich außergewöhnlich verhalten“.
„Zwei Sachen waren klar: Wir haben kein Geld und es muss das beste Konzerthaus der Welt werden“, sagt der Architekt. Ein im wahrsten Sinne des Wortes „Wahnsinns“- Projekt also; auch deshalb, weil sich im Ort Widerstand gegen das Konzerthaus formierte. Interesse am Konzerthaus habe es wenig gegeben. „Es ging sehr menschlich zu, jeden Tag gab es Probleme – es war alles ein Wahnsinn“, sagt Haimerl im Rückblick. Gleichzeitig seien immer mehr Unterstützer aufgetaucht – wie Karl Landgraf, der, obwohl seit vier Jahren in Rente, die Bauleitung des Konzerthauses übernahm.
120 Firmen als Sponsoren
Thomas E. Bauer und Peter Haimerl setzen sich eine Baufrist von einem Jahr. „Das war eigentlich naiv, weil wir ja noch Geld brauchten und das Gebäude bautechnologisch außerordentlich schwierig war.“ Peter Haimerl beginnt, nach Sponsoren zu suchen und bringt 120 Firmen innerhalb eines halben Jahres dazu, Geld oder ihre Handwerksleistung zu spenden. Übrigens überwiegend Firmen außerhalb des Landkreises Cham. Auch Haimerl und Bauer stecken viel Geld in das Projekt und arbeiten selbst auf der Baustelle mit. Peter Haimerls Frau, die Künstlerin Jutta Görlich, legt sechs Wochen lang die Steine für die Fassade des Konzerthauses, „mein ganzes Büro hat mitgeholfen“.
20 Mal sei das Projekt Konzerthaus am Scheitern gewesen – trotzdem spricht Haimerl von einer „fantastischen Zeit“. „Mein Ziel war und ist es, zeitgemäße Kulturorte im Bayerischen Wald zu schaffen, die auch von außen als kulturell wertvoll wahrgenommen werden.“
Architektonisch griff er auch beim Konzerthaus auf die Bautradition des Bayerischen Waldes zurück, zum Beispiel in punkto Granitfassade. „Die Handwerkskunst hier war hochwertig, die Häuser aber nicht so auf Außenwirkung bedacht wie zum Beispiel in Oberbayern.“ So wie der Menschenschlag hier eigenwillig und eigenständig sei, seien auch die Häuser gewesen. „Die Häuser, die vorher auf dem Blaibacher Dorfplatz standen, waren lauter eigenwillige Brocken. Da war klar, dass auch das Konzerthaus so sein musste: ein Brocken in der Mitte.“
Die „Lässigkeit“, die den Bayerischen Wald und seine Häuser früher ausgezeichnet habe, spiegle sich im Konzerthaus wider: Ganz „lässig“ könnten sich Künstler und Publikum treffen, seien nicht getrennt, sondern eine Einheit. „Der Waidler ist ganz unprätentiös – die Konzerte in Blaibach sind es auch.“ Das Konzerthaus Blaibach machte und macht weltweit Furore. Und Peter Haimerl machte es zum Stararchitekten.
Architekt und Städteplaner
Zur Person: Peter Haimerl wurde 1961 in Eben/Viechtach geboren. Er hatte Lehraufträge an der Fachhochschule München, der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, der Kunstuniversität in Linz und eine Gastprofessur an der Universität Kassel. Seit 2018 ist Haimerl Mitglied in der Akademie der Künste in Berlin, seit 2022 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Er war Städteplaner in Viechtach und Waldmünchen und hat die sogenannte Hauspaten-Initiative ins Leben gerufen, um alte Bayerwaldhäuser vor dem Verfall zu bewahren. Als Architekt (mit eigenem Büro in München seit 1991) hat Peter Haimerl den Anspruch, mit jedem Projekt faszinierende, unkonventionelle Lösungen zu gestalten und Innovationen zu entwickeln. Jüngstes Beispiel ist das Wabenhaus in München, ein Haus aus sechseckigen Wohneinheiten.


