Zehn Jahre Konzerthaus Blaibach: Intendant spricht über Kultur, Klassik und ein knallhartes Geschäft

Von Christina Hainzinger-Feigl · 18. Juli 2024 um 05:00

Er könnte, wenn er wollte. Das Konzerthaus hinter sich lassen. Die ehrenamtliche Arbeit als Geschäftsführer der Kulturwald GmbH. Die vielen Jahre, in denen er „menschlich und finanziell in Vorleistung“ ging. Macht er aber nicht. Zehn Jahre nach Eröffnung des Konzerthauses hat dessen Intendant Thomas E. Bauer immer noch Spaß daran, die Weltklasse ins Dorf zu holen. Zweifel, dass das Projekt Erfolg haben würde, hatte Bauer nie.

Vor zehn Jahren hat Thomas E. Bauer einen Vertrag unterschrieben. – Randbemerkung: Das „E.“ steht für Bauers zweiten Vornamen Eduard und galt der Unterscheidung, als mit ihm noch zwei weitere Thomas Bauer in München Gesang studierten. – Inhalt des Vertrags: Bauer übernimmt für 25 Jahre sämtliche Betriebskosten des Konzerthauses. „Hätte ich das nicht gemacht, gäbe es das Konzerthaus nicht. Die Gemeinde hätte das finanziell nicht stemmen können.“ Ein Konzerthaus zu bauen, sei einfach (die Bausumme betrug 2,7 Millionen Euro); der Schlüssel zum Erfolg aber sei es, so ein Konzerthaus zu betreiben.

Das Doppelte der Bausumme

Unzählige Vertreter von Kommunen aus ganz Deutschland haben sich das Konzerthaus schon angesehen. Weil sie von dessen Erfolg gehört haben und etwa einen Leerstand mit neuem Leben füllen wollen. Was Bauer ihnen dann zu sagen hat, sei meistens demoralisierend: „Man muss bereit sein, für das Programm eines solchen Hauses das Doppelte der Bausumme für die ersten zehn Jahre auszugeben.“ Die Kulturwald GmbH sei da mit dem Konzerthaus Blaibach „schon weit drüber“. „Das wären in unserem Fall 500000 Euro im Jahr. Für 2025 kalkulieren wir zum Beispiel mit 1,2 Millionen Euro.“ Eine Summe, die durch die Ticketpreise, öffentliche Zuschüsse und Sponsoren finanziert wird. Er selbst arbeitet übrigens ehrenamtlich, hat sich als Geschäftsführer in diesem Jahr zum ersten Mal einen bescheidenen Lohn nebst Spesen für seine Fahrtkosten ausbezahlt.

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Bislang war das mit den staatlichen Zuschüssen so eine Sache: Bauer musste sie jährlich beantragen, wusste bei der Jahresplanung nie, wie viel er bekommt und erhielt das Geld erst Mitte des Jahres. Das für 2024 übrigens vergangene Woche. Vor ein paar Monaten war Bayerns Wissenschafts- und Kulturminister Markus Blume im Konzerthaus zu Besuch und hat zugesichert: Der Freistaat wird das Konzerthaus ab 2024 dauerhaft und gesichert finanziell unterstützen. Womöglich habe das mit der Ausstiegsklausel zu tun, die es in dem 25 Jahre laufenden Vertrag gebe, meint Bauer augenzwinkernd. Die besage, dass er nach zehn Jahren aufhören darf. „Vielleicht hat sich die öffentliche Hand angesichts dieses möglichen Worst-Case-Szenarios Gedanken gemacht...“

Denn nicht nur Blaibach kann man sich ohne das Konzerthaus nicht mehr vorstellen – auch das Konzerthaus ohne Thomas Bauer nicht. Er lässt seine Kontakte in die Klassikszene spielen, holt Weltklasse-Musiker nach Blaibach („Dazu muss ich keinen überreden“), geht finanziell in Vorleistung (wenn Fördergelder auf sich warten lassen) und hat auch menschlich einiges investiert. „Wer so ein Projekt angeht, muss wissen: Das ist ein knallhartes Geschäft.“ Denn die Idee eines Konzerthauses stieß in Blaibach auch auf Widerstand, der teilweise persönlich wurde. „Ich weiß, dass ich den Leuten viel zugemutet habe. Aber es gab keine Alternative.“ Für andere Ideen zur Belebung der Ortsmitte wie etwa ein Ärztehaus hätten erst Investoren gefunden werden müssen.

In der Stadt wie auf dem Land

Was Bauer interessant findet: Die Argumente der Konzerthaus-Gegner seien damals dieselben gewesen wie jene der Gegner der Elbphilharmonie in Hamburg oder des neuen Konzerthauses in München: Es sei ein Elite-Bau; und der kleine Mann müsse nun dafür zahlen. Sicher, sagt Bauer: „Das, was im Konzerthaus gespielt wird, ist nicht für jedermann. Aber jeder ist dazu eingeladen.“

Ein pädagogisches Konzept nach dem Motto „Wir wollen den Leuten auf dem Land Hochkultur näher bringen“ habe das Konzerthaus-Projekt nie verfolgt. „Es gibt doch keinen Unterschied zwischen den Menschen in der Stadt und auf dem Land, wie sie denken, was sie mögen, welche Möglichkeiten sie haben.“ Und: „Der Begriff Kultur umfasst vieles – von der bayerisch-böhmischen Knödelwoche über den Drachenstich bis zum Klassikkonzert. Alles hat seine Berechtigung.“ Aber: „Die Leute hier haben genauso einen Anspruch auf Spitzenklassik wie die Städter. Das Konzerthaus war der Baustein in Sachen Kulturangebot, der hier noch fehlte.“

Auch das hat der 54-Jährige gebürtige Niederbayer schon gehört: Klassische Musik gehört nicht zur bayerischen Kultur. Und ob, sagt Bauer: „Klassische Musik ist ein Menschheitserbe“, gehöre also zu den Menschen auf der ganzen Welt. Auch deshalb ging er mit dem Konzerthaus keinen Kompromiss ein – der Fokus liegt (abgesehen von den Veranstaltungen, die die Gemeinde Blaibach organisiert) auf klassischer Musik. Das sei das Erfolgsgeheimnis.

Ziel sei es nie gewesen, alle Menschen in der Region zu Klassikfans zu machen. Tatsächlich kommt das Gros des Publikums aus München, Frankfurt, Wien... Die Hemmschwelle aber, sich einmal Karten für ein Klassikkonzert zu kaufen, sei für das Publikum vor Ort geringer, wenn das Konzerthaus nur um die Ecke stehe. Außerdem stecke hinter dem Konzerthaus-Projekt ein alternatives touristisches Konzept, um Touristen nach Blaibach zu bringen und den Ort neu zu beleben.

Die Zeiten der im Vergleich zu den Städten günstigen Ticketpreise für hochkarätige Künstler sind in Blaibach vorbei. „Warum sollte hier weniger für ein Ticket bezahlt werden, noch dazu angesichts des Vorteils, dass in Blaibach nur 200 statt 1000 Zuhörer im Saal sitzen...?“ Dass sich das Publikum in weiten Teilen als „Teil des Projekts“ sehe, spiegle sich auch in den Spenden wider, die nicht nur von Firmen und Privatpersonen, sondern „extrem viel“ aus dem Publikum kämen. In Blaibach seien Künstler und Publikum eine Einheit, räumlich und menschlich „eng beieinander. Diese Nähe gibt es in der Stadt nicht.“

Am Sonntag, 28. Juli, steigt – bei freiem Eintritt – das Fest zum Zehnjährigen im Konzerthaus. Anfang Oktober kommt das neue Programm heraus – mit den „berühmtesten Künstlern der Welt“, die man sich dank der zugesicherten staatlichen Unterstützung nun leisten könne. Im Herbst geht auch das neue, eigene Ticketsystem der Kulturwald GmbH an den Start. Bauers Wunsch für 2025: „Eine 100-prozentige Auslastung des Konzerthauses.“ Eine 90-prozentige hat er schon.

Auf der schiefen Hausbank vor dem Schurmann-Haus – Thomas Bauer kaufte das jahrhundertealte Haus in Blaibachs Ortsmitte – entwickelte Bauer zusammen mit Architekt Peter Haimerl die Idee eines modernen Konzerthauses. Fotos: Christina Hainzinger-Feigl