Blaibacher Kramerladen bringt das Dorf zusammen – Bezahlung auf Vertrauensbasis

Von Sabrina Kauer · 17. Juli 2024 um 05:00

Wem am Sonntag Zucker, Mehl oder Sahne für den Kuchen fehlen oder gar Blaukraut, Kartoffelpüree oder Maggi für das Mittagessen, der kann sich im Landkreis Cham selbst am Tag des Herrn damit eindecken – und zwar in Blaibach.

Dort betreibt Ofenbauer Mario Pittoni (34) seit einem halben Jahr den Rainer Rosl 2.0-Laden. Das kleine Geschäft in der Chamer Straße 2 hat sich bewährt: Es hat rund um die Uhr geöffnet. Die Leute kaufen dort nicht nur ein. Sie kommen zusammen, ratschen und schwelgen in Erinnerungen.

Alles habe 2022 mit der Softeismaschine am Eck des Blaibacher Ofen-Geschäfts begonnen. Pittoni wollte es seiner früheren Nachbarin Franziska „Fanny“ Klement gleichtun und den Blaibachern im Sommer eine süße Abkühlung bieten. Fanny Klement hatte das von 1965 bis 2001 getan. Mario Pittonis Softeis wurde ein Renner. „Ich bin oft gar nicht mit dem Auffüllen der Waffeln hinterhergekommen“, sagt er.

Bier aus dem Automaten führt zur nächsten Idee

Als nächstes habe der Ofenbauer Bier aus dem Automaten anbieten wollen. Doch den habe er nicht einfach vor seinem Geschäft aufstellen dürfen. Nur in einem geschlossenen Raum. Die Idee war geboren: es sollte ein Kramerladen werden. Einen solchen habe Fanny Pittoni, die Frau des Bruders seines Opas vor etwa 80 Jahren an exakt derselben Stelle betrieben, wo jetzt der Kramerladen von Mario Pittoni wortwörtlich lebt. Denn dort tut sich so einiges. „Es kommen täglich viele Schulkinder vorbei. Dann werfen sie ihren Schulranzen in die Ecke und schauen sich um. Es kommen aber auch Großeltern mit ihren Enkeln, die dann ein Eis bekommen“, erzählt Pittoni.

Aber nicht nur die Jüngeren können sich an Orangen-, Erdbeere- oder Vanille-Softeis erfreuen – die Sorten wechselt der Betreiber alle vier bis fünf Tage –, auch auf die Großeltern warten im Kramerladen süße Besonderheiten. Unter anderem sollen Schleckmuscheln, Kaugummizigaretten oder Gummibär-Schlangen Kindheitserinnerungen wecken.

Der Laden ist „wie eine große Speisekammer“

Nun aber weg vom Süßen, hin zum Alltäglichen: Zwischen Spargelkartoffeln und Eiern liegen Butterkekse. Das Katzenfutter befindet sich bei den Chips. Gleich daneben stehen unter anderem Grabkerzen und Ofenglas-Reiniger. Ein Regal weiter findet man Salami-Sticks, Sonnencreme und Aufbackbrötchen. Hinzu kommen Waschmittel, Soßen, Babynahrung und Blumenstöcke. Und das sind nur wenige Produkte, die es im Rainer Rosl 2.0-Laden zu kaufen gibt.

„Es soll lustig sein, wie in einem richtigen Kramerladen, wo die Zahnpasta neben dem Maggi steht. Es ist wie eine große Speisekammer“, sagt Pittoni und schmunzelt. Das Konzept scheint aufzugehen: „Wenn dir mal was ausgeht, kannst du jederzeit hierherkommen. Sonntags kommt es vor, dass jemand noch einen Kuchen oder Sahne kauft. Feriengäste decken sich oft für ihr erstes Frühstück ein“, erzählt der 34-Jährige und betont, dass er keine Konkurrenz für die hiesigen Bäcker und Metzger sein möchte.

Auf Vertrauensbasis

Das macht er deutlich mit zwei Ausdrucken, die oberhalb der Kasse hängen und auf den Blaibacher Metzger und Bäcker verweisen. Apropos Kasse: Die Bezahlung läuft auf Vertrauensbasis, und das „funktioniert erstaunlich gut“, sagt der Betreiber. Die Kunden würden sehr gewissenhaft mit ihren Einkäufen umgehen, indem sie die auf den Produkten aufgeklebten Preise zusammenrechnen und den Endbetrag in die Kasse einwerfen. Selbst die ist seit Tag eins noch nicht weggekommen. Im Nebenraum des Kramerladens steht zudem ein Kicker, der Jung und Alt anzieht. Laut Pittoni habe sich bereits eine Gruppe an Männern zusammengefunden, die demnächst ein Turnier veranstalten wollen. Und während die Männer im Inneren des Ladens ihre Kicker-Künste messen, sitzen draußen auf der Bank gerne Seniorinnen und ratschen.

Die Nachbarn akzeptieren die Gaudi im Dorf

„Erst war es so ausgestorben und jetzt rührt sich wieder was. Es ist richtig schön, was das wieder für ein Dorfleben ist“, sagt Pittoni und ist im selben Zug dankbar, dass die Nachbarn die Gaudi, wie er es nennt, rund um den 24-Stunden-Laden akzeptieren. „Es gibt keine Beschwerden. Der Laden wurde von Anfang an angenommen und es wäre schön, wenn man jemanden damit anstecken könnte, auch so etwas zu machen.“

Rainer Rosl 2.0

Mehrere Läden: In Blaibach habe es früher viele Kramerläden gegeben. „Da hatte fast jede Straße ihren eigenen“, so Pittoni.

Die „Rainer Rosl“: In der Gsteinetstraße hatte die „Rainer Rosl“ ihren Laden. Davon habe Mario Pittonis Großvater ihm oft erzählt. Deswegen benannte er seinen Kramerladen nach ihr.

Übrigens: Das beliebteste Produkt ist laut Pittoni der Red Bull für 1,50 Euro inklusive Pfand.

Dort, wo jetzt der Kramerladen von Mario Pittoni ist, war früher die Gemischtwarenhandlung von Fanny Pittoni. Foto: Josef Vogl
Die selbst geschriebenen „Kassenzettel“ der Kunden hängt Mario Pittoni auf. Foto: Kauer
Im Kühlautomaten steckt das beliebteste Produkt: Der Red Bull für 1,50 Euro inklusive Pfand. Foto: Kauer
Alle vier bis fünf Tage wechselt Mario Pittoni die Softeis-Sorte. An diesem Tag gab es Orangen-Eis. Foto: Kauer
Ein buntes Durcheinander: Katzen- und Hundefutter, Chips, Ofenreiniger und Grabkerzen auf einem Fleck Foto: Kauer