Letzter Öffnungstag bei Galeria Kaufhof am Neupfarrplatz: „Da blutet einem das Herz“
Ein grauer Kaufhaus-Koloss vor grauem Himmel: Der Regen und die dunklen Wolken passten zur Stimmung der meisten Kunden, für die sich am Montag zum allerletzten Mal die Schwingtüren von Galeria Kaufhof am Neupfarrplatz öffneten.
Am Mittag lagen nur noch wenige Waren in den Regalen. Boxen und Kleiderständer, die mit„98 Prozent Rabatt“-Schildern versehen waren, waren bereits komplett leergeräumt. Ein paar Grußkarten, ein Dutzend Glückschweinchen aus Marzipan – das waren einige der Kleinigkeiten, die am Tag vor der Schließung noch in den Einkaufstaschen der Besucher landeten, die mit wehmütigem Blick durch die leergeräumte Verkaufsfläche streiften.
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Statt noch ein letztes Mal auf Schnäppchenjagd zu gehen, stand für die meisten Besucher die Nostalgie im Vordergrund. Immer wieder wurden Smartphones gezückt, um die letzten Momente von Galeria Kaufhof festzuhalten. „Gekauft habe ich nichts mehr. Aber ich habe noch ganz viele Fotos geschossen“, meint eine Frau, als sie das Gebäude verlässt. „Es ist wirklich ein ganz komisches Gefühl.“ Schon in den letzten Jahren habe man gemerkt, dass es zu Ende gehe, fügt sie nachdenklich hinzu. „Das Kaufhaussterben ist der Anfang einer Wende. Das sind die Mammuts, die fallen.“
Rolltreppen stehen still
Auch Helmut Weißbrodt hatte es in den Tagen vor der Schließung noch einmal an den Neupfarrplatz gezogen. Dass dort nun die Lichter für immer ausgegangen sind, trifft ihn nicht nur, weil er gerne bei Galeria Kaufhof eingekauft hat. Weißbrodt hatte auch den Großteil seiner beruflichen Laufbahn in dem großen Gebäude verbracht. „1970 habe ich meine Lehre als Dekorateur begonnen – damals noch bei Schoppen“, erzählte er.
Die Einweihung unter dem Namen Horten 1972, der Übergang an die Gruppe Kaufhof im Jahr 1988: All das bekam er als Mitarbeiter hautnah mit. „Das Haus hier am Neupfarrplatz ist immer größer geworden und hat sich immer mehr gefüllt – und wir haben uns immer mehr gefreut.“
Ein Dekorateur erinnert sich
Dekorateur, das sei schon immer sein Traumberuf gewesen, so Weißbrodt rückblickend. „Vielleicht stellt man sich darunter vor, dass man den ganzen Tag Schaufensterpuppen an- und auszieht. Aber es ist noch viel mehr – und es ist eine Mordsarbeit“, sagt er. Maler, Tapezierer, Künstler: Das alles habe der Beruf für ihn vereint.
Jetzt zu sehen, wie sich die Verkaufsfläche des Kaufhauses immer mehr leerte und die Rolltreppen ins obere und ins untere Stockwerk plötzlich stillstanden, habe ihn mitgenommen. „Es ist einfach unglaublich“, sagte er mit Blick auf eine kleine Schlange, die sich noch einmal vor der Kasse im Erdgeschoss bildete, „da blutet einem schon ein bisschen das Herz.“
Vor allem beim Blick auf die leergeräumten Schaufenster überkamen ihn Erinnerungen. „Früher hat man so aufwendig dekoriert. Das waren richtig tolle Spielwarenfenster“, sagt er. Noch gut erinnere er sich zum Beispiel an seine erste Schaufenster-Gestaltung bei der Galeria. Das Thema waren die Domspatzen – und tatsächlich war das Fenster von zahlreichen, täuschend echt aussehenden Sänger-Figuren geschmückt, aufgestellt vor einem Hintergrund aus aufgemalten Kirchenbögen.
Viel Zusammenhalt unter Kollegen
Doch es waren nicht seine Werke als Dekorateur, sondern auch der Zusammenhalt unter den Kollegen, die Weißbrodt an seinem Arbeitsplatz immer geschätzt hatte. Gemeinsam spielen in der hauseigenen Fußballmannschaft, Auftritte als Ballett-Gruppe im Fasching – das seien tolle Erlebnisse gewesen. „In der Deko-Abteilung hatte außerdem jeder einen Spitznamen. Ich war nicht der Helmut, sondern immer nur der Freddy. Ich weiß noch, dass ich damals keine drei Wochen da war, als mich mein Chef plötzlich so genannt hat – und so war der Name geboren.“
Wie es den Mitarbeitern in den letzten Monaten, Wochen und Tagen vor der Schließung ergangen ist, bekam Weißbrodt allerdings höchstens noch über Whats-App-Gruppen mit. Er ist Frührentner – und auch viele seiner damaligen Kollegen sind mittlerweile im Ruhestand. „Leider war bei mir nach 39 Jahren Schluss. Ich hätte gerne noch weitergearbeitet, aber gesundheitlich ging es nicht mehr.“
Lächeln für ein letztes Foto
Dass auch nach Weißbrodts Weggang der Teamgeist groß geblieben ist, zeigte sich jedoch noch am letzten Öffnungstag. Nicht nur die Kunden, auch die Angestellten nutzten neben Kassieren und Aufräumen die Zeit für Fotos. Immer wieder stellten sich Kollegen zwischen abgeräumten Kleiderständern und leeren Vitrinen zu gemeinsamen Selfies auf – und trotz des traurigen Anlasses brachten sie dafür ein Lächeln zustande, alberten herum und nahmen sich gegenseitig in den Arm.
Der Wunsch, den letzten Zustand des Gebäudes vor der Schließung noch fotografisch festzuhalten, rührte wohl auch daher, dass dessen Zukunft so ungewiss ist. Wann und in welcher Form die Regensburger die mehr als 20 000 Quadratmeter mitten im Zentrum der Altstadt wieder betreten werden können, ist unklar.
Ein abschließendes Statement zum Ende des langen Kaufhaus-Kapitels wollte man von Seiten der Geschäftsführung nicht mehr abgeben. Lediglich zur Frage, was mit übriggebliebenen Waren aus der Filiale geschehen soll, äußerte sich Geschäftsführer Roman Kasimir noch einmal. „Wir haben alles verkauft“, sagte er am frühen Montagnachmittag.
Kunden teilen ihre schönsten Kaufhaus-Erinnerungen
Nicht nur ehemaligen Mitarbeitern, auch treuen Kunden fällt das Abschiednehmen vom Kaufhaus am Neupfarrplatz schwer. „Mein ganzes Leben lang bin ich hier einkaufen gegangen“, sagt etwa Angela Fuchs. Die 77-jährige gebürtige Regensburgerin verbindet mit Schocken, Merkur, Horten und Galeria Kaufhof viele Erinnerungen. Schon als Kind habe sie hier die Spielsachen für ihren Kaufladen besorgt. „Vor allem erinnere ich mich aber an die großen Gurken, die man für 20 Pfennig aus dem großen Fass kaufen konnte“, sagt sie, „damals waren die einfach in Papier eingewickelt.“ Auch in den letzten Jahren habe sie noch gerne bei Galeria Kaufhof eingekauft – mit dem Fahrrad ging es für sie vom Hochweg in die Altstadt. „Die Nachricht, dass Galeria Kaufhof schließen wird, war ein Schock. Danach ist die Traurigkeit gekommen“, sagt sie.
Auch Christa Sienel aus Laaber verbindet viel mit dem Kaufhaus. Häufig denkt sie daran zurück, wie Mitte der 1950er Jahre „die Rolltreppen zu rollen begannen“. Damals noch Schülerin, habe sie mit Begeisterung auf die „Wunderdinger“ reagiert. Süßigkeiten oder ein Schulheft – gerne sei sie mit ihren Freundinnen nach Schulschluss ins „Lieblingskaufhaus“ gefahren, um die neuen technischen Errungenschaften auszuprobieren. Ganz anders ging es jedoch ihrer Oma, erzählt Sienel. Beim gemeinsamen Besuch trat die Großmutter zum ersten Mal auf eine Rolltreppe – und habe die Welt nicht mehr verstanden. „Oh heiliga Gott Vata, hilf!“, habe sie gerufen, als sie auf den verhexten Treppenstufen gestanden habe. Erst eine Stärkung im damaligen Stehimbiss im zweiten Stock – glücklicherweise hätte dorthin noch eine „normale“ Treppe geführt – habe sie wieder beruhigen können. Während es für die Oma auf den Schreck hin ein Bier gab, habe sie selbst „die knackigsten Wiener meines Lebens“ gegessen, so Sienel. Wieder eine Rolltreppe betreten habe die Großmutter danach allerdings nicht mehr.