Regensburger Kunden trauern um die Galeria: „Das Herz wird uns genommen“

Von Marion Koller · 9. August 2024 um 17:00

Das Verkaufspersonal des Regensburger Kaufhauses wird mit wenig Geld abgespeist. Die Münchner Erbengemeinschaft, der ein Teil der Immobilie gehört, erhält nach wie vor die Pacht. Doch wer die eigentlich bezahlt, ist unklar.

„Alles muss raus“ und „-70%“ verkünden Schilder in der Galeria. Hunderte Schnäppchenjäger tummeln sich am Donnerstag dort. Sie probieren Hemden an und drehen sich vor dem Spiegel. Ein Mann nimmt eine Schultasche aus dem Regal. Frauen schlüpfen in Schuhe und gehen ein paar Schritte damit. Andere wühlen am Sockentisch.

Ilka Heinmöller wartet in der Kassenschlange. Die Regensburgerin bedauert die Schließung des Kaufhauses sehr. Am 20. August ist Schluss. „Das war ein großes Kaufhaus, in das man gerne reingeschaut hat.“ Dass die Ware verramscht wird, findet die 46-Jährige schade. „Aber man macht so seine Schnäppchen.“ Sie hat zwei Hosen für die Arbeit und Schuhe zum Ausgehen gefunden.

Drei Insolvenzen erlebt

Uschi Urban sucht einen Badeanzug. „Dadurch, dass ich in der Altstadt wohne, sage ich, das Herz wird uns genommen. Das war ein wichtiger Mittelpunkt.“ In der Altstadt gebe es ja sonst kein Kaufhaus. Die 68-Jährige ist traurig über das Aus. Sie hat gerne am Neupfarrplatz eingekauft. Urban, früher Bürokauffrau, wünscht sich zahlreiche kleine Geschäfte als neue Lösung.

Die drei Kassenmitarbeiterinnen im Erdgeschoss arbeiten unter Hochdruck. Während sie Waren einpackt und kassiert, meint eine ältere Mitarbeiterin: „In zehn Tagen sperren wir zu. Was soll ich dazu sagen? Ich darf im Donau-Einkaufszentrum anfangen.“ Beim Ausverkauf wirken nur noch rund 30 der langjährigen Kräfte mit. Studentische Aushilfen packen die Ware aus und füllen die Regale.

„Es herrscht Endzeitstimmung“, sagt Betriebsratsvorsitzender Hans-Jürgen Burkert. Die Belegschaft hat drei Insolvenzanträge innerhalb weniger Jahre erlebt. „Diesmal ohne Happy End.“

Vor allem seit der Übernahme durch Karstadt 2018 sei es abwärtsgegangen. „Das war ein Kahlschlag.“ Ende 2019 sind etwa in der dritten Etage zehn von 14 Verkäuferinnen entlassen worden. Das Warenserviceteam ist in eine niedrigere Lohngruppe eingestuft worden. Urlaubs- und Weihnachtsgeld fielen weg. 2650 Euro brutto verdiente eine Verkäuferin nach sechs Berufsjahren zuletzt.

Fünf langjährige Beschäftigte wechseln in die Filiale im Donau-Einkaufszentrum, eine Verkäuferin verabschiedet sich in den Ruhestand. Die Kollegen, die gekündigt wurden, erhalten allenfalls zwei Monatsgehälter als Abfindung. „Insgesamt sind das höchstens 7500 Euro“, sagt Hans-Jürgen Burkert.

Einige Mitarbeiterinnen sind erneut im Verkauf tätig. Die Bezahlung sei sehr unterschiedlich. Burkert weiß von ehemaligen Galeria-Beschäftigten, die sich finanziell deutlich verbessert haben. Sie sind bei Lebensmittelketten, bei Deichmann, dm oder im Drogeriemarkt Müller untergekommen.

Hans-Jürgen Burkert selbst wechselt in eine Transfergesellschaft. Er erhofft sich Beratung und eine Weiterqualifizierung. „Es wird nicht einfach“, befürchtet der gelernte Einzelhandelskaufmann, der 43 Jahre lang beim Kaufhauskonzern sein Geld verdiente.

Wer steckt hinter der GmbH?

Zwar bemühen sich die Stadt und die Kaufleute-Vereinigung Faszination Altstadt um eine Lösung, doch es gibt bisher keine neue Nutzung für den mächtigen Bau. Die sechs Etagen umfassen 16 000 Quadratmeter.

Ein kleiner Teil der Immobilie, vom Neupfarrplatz aus das linke Eckgebäude mit dem Haupteingang und die Alte Wache, gehört einer fünfköpfigen Erbengemeinschaft. Deren Sprecher ist der Münchner Allgemeinarzt Rudolf Fischl. Die Erben verfügen über einen Erbpachtvertrag mit der Kaufhof Regensburg GmbH in Leverkusen. „Bisher wird die Miete bezahlt“, sagt Fischl am Freitag. „Ich habe noch nie mit der Geschäftsführerin der GmbH Kontakt gehabt. Die antworten nicht. Keine Ahnung, wer dahintersteckt.“

Mehr als 100 Jahre

Geschichte: Das erste Kaufhaus in der Pfauengasse, das die jüdische Familie Schocken ab 1920 führte, verwüsteten die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Der Direktor wurde ins KZ verschleppt. Nach dem Grauen der Nazizeit eröffnete der „Merkur“. 1972 folgte der Horten-Neubau, 1998 übernahm Kaufhof.

Erinnerung: Haben Sie besondere Erinnerungen an das Kaufhaus, wie unser Autor im „Rengschburg mit allem“? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte: regensburg@mittelbayerische.de