Schließung im Herzen der Regensburger Altstadt: Kaufhof könnte auf Denkmalschutzliste landen

Von Christian Eckl · 28. Mai 2024 um 11:48

Das Landesamt für Denkmalpflege hat das Gebäude am Neupfarrplatz in Regensburg seit geraumer Zeit im Fokus. Experten raten, das Warenhaus unter Denkmalschutz zu stellen, da es eindrücklich die Wirtschaftsgeschichte der Stadt dokumentiert. Doch was bedeutet das für den Eigentümer? Und welche Konsequenz hat, dass dieser mutmaßlich ein Fonds ist und seinen Sitz auf den Cayman Islands haben könnte?

Würde man eine Befragung am Neupfarrplatz durchführen, die meisten Passanten würden wohl dafür plädieren, das Kaufhaus an zentraler Altstadtstelle dem Erdboden gleich zu machen. Doch immer mehr Architektur- und auch Denkmalschutzexperten halten das Warenhaus, das seit 1973 in dieser Form dort steht, für schutzwürdig. Jetzt hat die Ankündigung des Konzerns Galeria Karstadt Kaufhof, das Warenhaus endgültig zu schließen, neue Fahrt in die Debatte gebracht. Das Landesamt für Denkmalpflege, zuständig für die Schutzliste, hat dieser Zeitung jedenfalls bestätigt, dass man prüft.

„Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat den Regensburger Kaufhauskomplex am Neupfarrplatz bereits seit längerer Zeit im Fokus“, so eine Sprecherin der Behörde auf Anfrage, „da er Bestandteil eines bayernweiten Erfassungs-Projektes des Landesamtes zu Bauten des Konsums von 1960 bis 1980 ist“. Das Projekt sei aber noch nicht abgeschlossen.

Eigentümer ist machtlos

Weiter teilte die Behörde mit, dass es kein formelles Mitspracherecht Dritter an einer Prüfung gibt. Die Denkmaleigenschaft eines Gebäudes werde rein nach „fachlichen Kriterien“ ermittelt. Maßgeblich sei das Bayerische Denkmalschutzgesetz und die Frage, ob ein Gebäude geschichtlich, künstlerisch, städtebaulich, oder wissenschaftlich von Bedeutung sei.

In Regensburg gibt es schon seit längerem eine Debatte um die Denkmalschutz-Eigenschaft des Gebäudes. 2021 legte eine damalige Studentin an der Technischen Hochschule eine Seminararbeit vor. „Der Diskurs über die Erhaltung von Bauten aus der jüngsten Vergangenheit rückt immer weiter in den Fokus der Denkmalpflege“, schrieb Autorin Nadine Merk damals. So seien auch die Bauten der 70er Jahre schützenswert und gleichzeitig kontrovers. „Kontrovers oft deshalb, weil sie innerhalb der breiten Öffentlichkeit keinen großen Zuspruch finden“, heißt es weiter. Aber: „Ästhetische Grundsätze dürfen nicht über Denkmalwerte entscheiden.“

Gebäude wird von der Öffentlichkeit eher negativ wahrgenommen

So sei das auch in Regensburg: „Der Bau des Regensburger Galeria Kaufhof gehört zu diesen ungeliebten Gebäuden und wird von der breiten Öffentlichkeit eher negativ bewertet.“ Merk rekapitulierte in ihrer Arbeit, welche Auswirkung der Streit um den Abriss der Bausubstanz an der Stelle hatte. Demnach sie „die verstärkte Diskussion um Abbruch und Erhalt von Altbauten als Brandbeschleuniger für das 1973 verabschiedete Bayerische Denkmalschutzgesetz“ in Erscheinung getreten. 1973 ist auch das Jahr, als der neue Horten am Neupfarrplatz eröffnete.

Die Autorin, die heute selbst bei der unteren Denkmalschutzbehörde arbeitet und sich nicht mehr zu der Immobilie öffentlich äußern möchte, beschrieb auch die dramatische Geschichte des Gebäudes eindrücklich. Alteingesessene Regensburger nannten das Kaufhaus nämlich lange noch Schocken, so hieß es früher. Doch die Kaufhauskette einer jüdischen Familie wurde „arisiert“. In einem Buch, das im Kaufhaus vor Ort erhalten ist und die wechselhafte Geschichte dokumentiert, ist sogar eine Abschrift der Arisierung vom 20. September 1938 erhalten.

Die Autorin blickte in ihrer Arbeit aber noch weiter zurück und erinnerte daran, dass an der Stelle des heutigen Kaufhauses auch bis zum Abriss im 17. Jahrhundert der sogenannte „Judenstadel“ stand. Die Stelle markiere also in mehrfacher Hinsicht eine historisch bedeutende Epoche, die eng mit dem jüdischen Erbe der Stadt stehe. „Wegen seines besonderen Ortsbezugs und der Firmengeschichte im Allgemeinen kann das Kaufhaus als Symbolträger für die Verwicklung der Firma Horten in die Arisierungsprozesse der Nationalsozialisten gesehen werden“, so Merk weiter. „Diese Tatsache weist den Bau als Teil der jüdischen Geschichte Regensburgs aus, die wiederholt durch Vertreibung und Antisemitismus geprägt war.“

„Ich teile die Haltung von Frau Merk voll und ganz, zumal ich die Arbeit damals auch betreut habe“, sagt Peter Morsbach. Der Kunsthistoriker lehrt als Honorarprofessor an der Fakultät für Architektur an der OTH. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das ein interessantes Objekt ist für die Denkmalliste und dass das natürlich geprüft werden muss“, so Morsbach weiter. Seinen Informationen zufolge sei die Arbeit von Nadine Merk auch auf dem Schreibtisch in den Behörden gelandet, sie hätten sich also mit den Argumenten befasst. Doch nicht nur aus denkmalschutzpflegerischer Sicht sei der Erhalt der Bausubstanz für ihn wichtig. „Die Frage ist, ob wir uns aus ökologischen Gründen heute so einen Abbruch überhaupt noch leisten können.“ Zum einen sei ein Abriss „irrsinnig teuer“, zum anderen habe man in der Architektur „längst erkannt, dass die graue Energie“ – der Energieverbrauch bei der Herstellung von Bausubstanz – „ein wesentlicher Bestandteil des Klimaschutzes ist“. Auch Morsbach erkennt in dem Gebäude eine besondere Substanz, die für die Wirtschaftsgeschichte Regensburgs stehe: Die Konstruktion des Daches würde „die historische Bebauung aufgreifen“, die ringsherum ist, aber auch diejenige, die abgerissen wurde, spiegle sich in der Architektur wider. Eine historisierende Bebauung, wie nach einem Abriss denkbar wäre und die beispielsweise für Wohnbebauung umgesetzt werden könnte, lehnt Morsbach ab.

Hortenkacheln bedeutsam

Vor allem die sogenannten Hortenkacheln, die das Gebäude nur an der Fassade in Richtung Pfauengasse und St.-Kassians-Platz aufweist, sei architektonisch wichtig. Das Gebäude ist wohl das letzte, an dem diese verbaut wurden. Als das Gebäude gebaut wurde, gab es auch Streit um die Kacheln. Das heutige Gebäude ist auch ein Kompromiss der Debatte zwischen Stadtgesellschaft, Verwaltung, Denkmalschutz und Unternehmen.

Eine Aufnahme in die Denkmalschutzliste würde den Eigentümer massiv darin einschränken, was er mit der Immobilie anfangen könnte. Ähnliche Debatten gibt es auch in anderen Städten. So schließt die Stadt Nürnberg beispielsweise einen Abriss eines Kaufhof-Gebäudes für Wohnbau aus. Doch in Regensburg ist nicht bekannt, sondern es wird nur vermutet, wem die Immobilie tatsächlich gehört. Ein Immobilien-Fonds mit Sitz auf den Cayman Islands könnte der Eigentümer sein.

So sah das Areal aus, als sowohl die historische Bausubstanz, als auch ein in den 50er Jahren entstandenes Merkur-Kaufhaus abgerissen wurden. Städtische Bilddokumentation