Zwischen Kokain in Mailand und Nachtschichten in Regensburg: PI-Süd-Chef Gerhard Roider geht in Pension

Von Philip Hell · 14. August 2024 um 05:00

Wenn Gerhard Roider am Mittwoch von seinem Schreibtisch aufsteht, kommt er nicht wieder. Der 61-Jährige hat seinen letzten Tag als Chef der Polizeiinspektion Regensburg Süd. Nach knapp 45 Jahren geht er in Pension. Mit der MZ hat er vor dem Ruhestand noch einmal seine Karriere Revue passieren lassen.

Warum sind Sie in den 70er-Jahren zur Polizei gegangen?

Gerhard Roider: Wegen eines Hochglanzprospektes des damaligen Bundesgrenzschutzes. Darauf war ein Kollege abgebildet, der gestreckt hoch über einen Kasten sprang. Ich habe damals viel geturnt, das hat mich fasziniert. Der Einstellungsberater der Landespolizei hat mich aber davon überzeugt, nicht zum Bundesgrenzschutz, sondern zur Polizei zu gehen.

Wie ist es damals bei der Polizei zugegangen? Man hat eine gewisse Vorstellung – auch durch Serien wie „Monaco Franze“...

Roider: Das trifft es. Die Polizei war provinzieller, nicht so professionell – auch in der Ausbildung. Wir wurden paramilitärisch gedrillt, schliefen in Mehrbettzimmern, marschierten im Gleichschritt und haben uns auf Befehl mit voller Ausrüstung in Wiesen werfen müssen, die mit Schafmist übersät waren.

Was hat Sie denn in jungen Jahren geprägt?

Roider: Ich war gerne auf der Straße, bin dabei aber schnell zur zivilen Polizeiarbeit gewechselt. Ich war zunächst bei der zivilen Einsatzgruppe in Landshut. Da hatten wir tolle Erlebnisse – und gefährliche. Rauschgifthändler und Einbrecher trugen häufig Schusswaffen bei sich. Das ist mittlerweile anders. Es war auch die Zeit der RAF. Jeder hatte einen Fahndungsblock mit den Gesuchten dabei. Eigentlich haben wir uns insgeheim gewünscht, mal auf einen RAF-Terroristen zu treffen. Rückblickend betrachtet ist das aber Gott sei Dank nie passiert. Was uns geprägt hat, war auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Ich habe es manchmal bereut, schnell die Gelegenheit zum Aufstieg bekommen zu haben.

Sie wollten nach dem Studium zurück nach Landshut. Das hat aber nicht geklappt.

Roider: Ich bin nach München zum Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) gegangen, zum Rauschgift-Einsatzkommando. Das waren interessante Einsätze. Später übernahm ich Aufgaben im Zusammenhang mit verdeckten Ermittlungen. Da konnte es auch gefährlich werden. Es waren öfter Waffen im Spiel.

Mussten Sie selbst schießen?

Roider: Ich musste nie auf jemanden schießen. Aber es war eine andere Zeit. Wenn man einen Dealer bei seiner Festnahme „geschüttelt“ hat, kam es schon vor, dass eine Uzi oder eine Pistole rausgefallen ist.

Der 11. September 2001 hatte Auswirkungen auf ihre Karriere. Inwiefern?

Roider: Nach den Anschlägen gab es die Vermutung, es könnten – wie die Hamburger Todespiloten – auch in Bayern Terror-Schläfer sitzen. Ich habe für den Staatsschutz beim LKA dazu die Rasterfahndung geleitet. Zwei Jahre habe ich mit einem Team daran gearbeitet.

Haben Sie oft international gearbeitet?

Roider: Immer wieder. Einmal sind wir im Morgengrauen mit 300 Carabinieri durch Mailand zu einer großen Durchsuchungs- und Festnahmeaktion gefahren. Die Operation hieß Weiße Spur – es ging um Kokain. Das war Wahnsinn. Überhaupt: Kokain war Anfang der 90er ein riesiges Thema. Das kam in großen Mengen per Container aus Südamerika. Parallel dazu hat sich der Drogenschmuggel per Lkw über die Balkan-Route aufgetan: Heroin kam aus der Türkei, später aus Afghanistan und dem Iran. In meiner Funktion beim Rauschgiftdezernat hatte ich dazu die Geschäftsführung einer internationalen Arbeitsgruppe zu diesem Thema.

2006 kamen Sie zur Kriminalpolizei in Erding – und bearbeiteten Fälle, die noch heute ein breites Publikum faszinieren.

Roider: Sie spielen auf den sogenannten Dr. Mord an. Ein Mediziner, der bereits für einen Mord im Gefängnis saß, herauskam und erneut mordete. Er wollte uns durch zahlreiche Trugspuren auf eine falsche Fährte locken. Beispielsweise nahm er einer Patientin Blut ab und verteilte es im Haus seines Opfers. Wir konnten das Blut zunächst nicht zuordnen und schrieben über 3000 Patientinnen an – eine meldete sich. Das war der Durchbruch.

Wie fühlt sich so ein Durchbruch als Ermittler an?

Roider: Wie ein Tor im Fußball.

War das Ihr wichtigster Fall?

Roider: Dr. Mord ist von vielen Medien aufgegriffen worden – bis heute. Mich hat auch ein weiterer Fall beschäftigt, auch dabei ging es um einen Arzt. Ein Streit zwischen ihm und seiner Frau eskalierte. Er erwürgte sie und versuchte unter anderem, den Todeszeitpunkt zu verschleiern. Zudem wollte er sich ein Alibi verschaffen. Durch die Obduktion wurde klar: Die Frau wurde erdrosselt. Der Täter verstrickte sich in Widersprüche. Zudem gab es weitere kleine Indizien. Dem Landgericht reichte das aber nicht für eine Verurteilung.

Was hat Sie so beschäftigt?

Roider: Die Erdinger Kripo wurde als dilettantisch und unprofessionell dargestellt. Ein Kollege hatte beispielsweise vor Gericht ausgesagt, er hätte die Leichentemperatur mit einem Bratenthermometer gemessen. Die Abweichung zum medizinischen Thermometer ist minimal – aber der Begriff ging nun mal durch die Gazetten. Dazu haben die Verteidiger uns bei jeder Gelegenheit attackiert. Die Beweisführung beruhte ausschließlich auf Indizien und natürlich mussten wir auch Fehler einräumen. Der Freispruch und die verzerrte öffentliche Darstellung des Falles hat uns alle betroffen gemacht.

Wie ging der Fall aus?

Roider: Der BGH entschied, dass der Fall neu verhandelt werden muss. Just an diesem Tag hatte sich der Arzt jedoch nach Chile abgesetzt. Dort nahmen ihn später BLKA-Zielfahnder aufgrund eines internationalen Haftbefehls fest und brachten ihn zurück nach Deutschland. Er wurde wegen Totschlags zu elf Jahren Haft verurteilt. Was ich toll fand: Die Medien haben nach diesem Urteil unsere Reputation als Dienststelle in der Öffentlichkeit wieder zurechtgerückt.

Warum sind Sie 2018 nach Regensburg gekommen?

Roider: Ich wollte nach der Kripo noch einmal etwas komplett anderes machen. Regensburg liegt nahe an meinem Wohnort Landshut.

Wie arbeitet man sich als Polizei-Chef ein?

Roider: Ich bin zum Beispiel Nachtschichten mit meinen Dienstgruppen gefahren. Das bringt Akzeptanz. Meine Leute sehen: Ich habe Interesse an ihrer Arbeit, sehe ihre Probleme. Auf Streifenfahrten habe ich unseren Bereich gut kennengelernt. Ich weiß auch, durch welche Gasse man noch mit Streifenwagen kommt.

Womit waren Sie in den sechs Jahren beschäftigt?

Roider: In Regensburg gab es schon immer viele Demonstrationen. Aber Corona hat uns über Jahre enorm beschäftigt. Fast jedes Wochenende war eine Demo – meist mit Gegendemo. Es gab Konflikte. Das war sehr aufwendig in der Einsatzplanung und belastend in der Durchführung. Es gab dabei einige nicht so prickelnde Geschichten. Einmal wurde ich selbst angezeigt. Wegen einer Körperverletzung im Amt, die ich nicht begangen habe. Das Verfahren wurde wegen nachweislicher Unschuld eingestellt.

Wie hat sich das Bild der Polizei in der Öffentlichkeit geändert?

Roider: Grundsätzlich genießen wir großes Ansehen und Vertrauen in der Bevölkerung. Zu Beginn meiner Karriere war der Umgang mit der Polizei allerdings mehr von Respekt geprägt. Der Umgang ist auch heute noch überwiegend freundlich – allerdings hat sich das in Konfliktsituationen geändert. Bei unseren Einsätzen in Regensburg sind heute oft Drogen und Alkohol im Spiel. Das lässt die Hemmschwelle sinken.

Was haben Sie im Ruhestand vor?

Roider: Erst mal ein bisschen Ruhe finden.

Das Interview führte Philip Hell