Von Berlin, London und Barcelona nach Neumarkt: 24-Jähriger soll Start-up-Szene aufbauen

Grün ist die Farbe der Hoffnung. Da passt es, dass das Haus in der Kaminfegergasse grün gestrichen ist. In ihm sollen Menschen Ideen entwickeln, aus denen im besten Fall neue Unternehmen entstehen. Die Hoffnungen, die die Stadt Neumarkt in das Projekt setzt, fußen vor allem auf einem jungen Mann: Manuel Kania.
Dessen Auftritt im Mai war anders als es die Stadträte gewohnt sind. Ein 24-Jähriger, der das ganze Gremium duzt und in einem mit englischen Fachbegriffen durchsetzten Vortrag über die Welt der Start-ups und eine neue Firma namens Dreamdriven spricht. Der Auftritt versinnbildlicht aber, worum es geht: Ein frischer Wind soll in Neumarkt Gründergeist entfachen.
Wobei Gründergeist kein Wort ist, das Kania verwenden würde. Eher Entrepreneurship, Venture Capital, Angel-Investoren und andere Begriffe aus der Welt der Start-ups, in der er sich vom Abiturienten zum Unternehmer entwickelt hat.
Das hat Eindruck bei der Stadt Neumarkt gemacht, als Kania auf sie zukam. Beide gründeten eine gemeinnützige GmbH. Dreamdriven lautet deren Name, was so viel wie „von einem Traum angetrieben“ heißt.
Neumarkter sind erfolgreich im Internet mit E-Commerce
Was sein Traum ist, das musste Kania für sich neu entdecken. Sein Traum, zu studieren und als Investmentbanker zu arbeiten, verflüchtigte sich, als dieser auf die Realität traf. „Das war mir alles zu theoretisch“, sagt Kania über das Studium. In der Welt der Banken „fehlte mir die Seele“.
Klar war ihm jedoch: „Ich will etwas aufbauen.“ Aber was? Mit welchem Geld? Da passte es gut, dass sein Bruder Michel sich die gleichen Fragen stellte. Das Internet bot die Möglichkeit, sich als Unternehmer mit viel Motivation, aber wenig Budget zu versuchen.
Die Brüder setzten mehrere Firmen auf, die bis heute über Online-Shops Produkte wie Schmuck und Uhren, Börsen für Kreditkarten oder nachhaltige Freizeitkleidung verkaufen. Sie lernten, wie man mittels digitaler Daten Marktlücken sucht, Kunden analysiert und die dazu passenden Produkte und Marken aufbaut.
Online-Firmen entstanden im Haus der Oma in Nürnberg
Laut Kania entwickelten sich die Firmen rasant. Nach einem Jahr hätten bis zu 20 Menschen an den Projekten mitgearbeitet. Die WG im früheren Haus der Oma in Nürnberg entwickelte sich zur Firmenzentrale. Bald sei jeder Winkel Lager gewesen, der Paketdienst ein und aus gegangen.
Weil der Platz fehlte, ging es 2021 für die Kanias nach Neumarkt, wo Vater Richard seit vielen Jahren eine Steuerkanzlei betreibt. Die Söhne richteten sich und ihre Unternehmen in einem Haus in der Sachsenstraße ein.
Für Manuel Kania war es zugleich der Zeitpunkt, sich zu hinterfragen. „Du bist wie in einem Goldrausch“, sagt Kania über die intensiven Jahre. Es sei ihm klar geworden, welcher Leidenschaft er folgen wolle: Menschen dabei zu beraten, wie man von Null an eine Idee bis zum fertigen Produkt entwickelt, die Finanzierung sichert und ein Geschäft aufbaut.
Co-Living in Neumarkt soll Gründer fördern
Also machte er sich daran, das Gleiche mit seiner Idee zu tun: Nach Aufenthalten in Berlin, London und Barcelona, wo er in die Start-up-Szenen eintauchte, gründete er zurück in Neumarkt die Dreamdriven Ventures GmbH. Deren Ansatz: Kania berät gegen Bezahlung oder gegen Anteile an einer noch zu gründenden Firma.
Eine intensive Form der Beratung ist das Konzept des Co-Living. Es ist ein Mix aus WG und Intensivkurs, an dem sich im Sommer 2023 erstmals mehrere von Dreamdriven ausgewählte Gründer beteiligten. Sie lebten für mehrere Monate zusammen in der Sachsenstraße, um intensiv an ihren Ideen zu arbeiten. Begleitet von einem Team aus Experten für Design, Marketing, Strategie etc. um Kania.
Diesen Ansatz überträgt Kania in Teilen nun auf die gemeinnützige Dreamdriven GmbH, an der die Stadt Neumarkt 49 Prozent der Anteile hält. Die Stadt stellt für das Co-Living-Projekt Räume im neuen Studentenwohnen in der Kaminfegergasse bereit.
Neumarkt will Ökosystem für Innovation und Start-ups schaffen
Die Bewerber werden nicht nur aus der Region kommen, sagt Kania. Er ist zuversichtlich, Interessenten nach Neumarkt zu locken: „Von der Persönlichkeit her ist es diesem Typus egal, wo er gründet, solange die Voraussetzungen stimmen“. In Neumarkt zu gründen, ist eine Voraussetzung dafür, in das Programm zu kommen. Im Gegenzug müssen die Teilnehmer nichts bezahlen.
Der Vorteil für Kania, der parallel sein kommerzielles Angebot mit der Dreamdriven Ventures GmbH fortführt: Eventuell ergibt sich im Anschluss an das aufgrund der Gemeinnützigkeit begrenzte städtische Programm eine weitere Zusammenarbeit mit Gründern.
Doch der Auftrag für Dreamdriven ist weiter gefasst als nur das Co-Living. „Ein ganzheitliches Konzept war uns wichtig“, sagt Linus Sklenarz. Er ist im Rathaus unter anderem zuständig für die Wirtschaftsförderung. Es gehe darum in Neumarkt ein Ökosystem zu schaffen, das Innovation und Gründen fördert. Das sei bislang stiefmütterlich behandelt worden. Es brauche Innovation, damit der Wirtschaftsstandort weiter konkurrenzfähig bleibe.
Dreamdriven wird in Neumarkt drei Jahre getestet
Das vorerst auf drei Jahre angelegte Konzept soll nicht an den regionalen Unternehmen vorbei wirken, sondern deren Bedürfnisse aufgreifen. Ein Beispiel: Firma X hat eine Problem. Im Rahmen von Dreamdriven macht sich ein Team daran, Lösungsideen auszuarbeiten. Es gebe bereits viel versprechende Gespräche, sagt Kania über die Vernetzung mit der regionalen Wirtschaft. Ein Hackathon im Januar wird der Startschuss sein.
In das Ökosystem sollen auch die Hochschulen aus Nürnberg und Amberg-Weiden sowie örtliche Schulen eingebunden sein.
Ebenfalls Teil des Konzepts ist ein Co-Working im besagten Haus in der Kaminfegergasse. In den gemeinschaftlich genutzten Büroräumen sollen Freiberufler, Studenten und Start-ups Arbeitsplätze und eine produktive Atmosphäre finden. Durch das räumlich angedockte Co-Living gebe es bereits die nötige kritische Masse, damit das Co-Working sich mit Leben fülle, sagt Kania. Zudem sollen die Arbeitsplätze anfangs nichts kosten.
Für die Stadt sei all das eine kosteneffektive Möglichkeit, die Wirtschaft zu fördern, sagt Sklenarz. Die Kosten für die Stadt belaufen sich im Jahr auf rund 70.000 Euro.
Überschaubarer Aufwand, großer Ertrag: Dass in der Kleinstadt Neumarkt erfolgreiche Start-ups entstehen können, daran glaubt Kania − und sagt einen Satz, der mit dem Start-up-Sprech so gar nicht zusammen zu passen scheint: „Hier ist viel Bodenständigkeit. Das finde ich cool“.