Neubau der Hochschule: Verblüffende Perspektiven, technische Kniffe und versteckte Details

Johannes Berschneider wäre stolz. Wenn das neue Wintersemester beginnt, werden die Studenten in Neumarkt eine Hochschule vorfinden, die architektonisch ihresgleichen sucht. Kein leichtes Erbe, das Projektleiter Peter Mederer, einer der Geschäftsführer von Berschneider + Berschneider, angetreten hat. Stellte das Projekt doch Planer und Handwerker vor viele Herausforderungen.
Johannes Berschneider war Ästhet und Perfektionist. Und das ist die DNA, die er seinen Mitarbeitern und Gebäuden vererbt hat. Viele Details, auf die Peter Mederer während eines Rundgangs durch die neue Hochschule hinweist, fallen einem Laien vielleicht nicht unbedingt bewusst auf. Aber unbewusst sorgen sie für ein harmonisches Gesamtkunstwerk und eliminieren selbst kleine Störfaktoren.
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So verschwinden beispielsweise die Luftschächte der Tiefgarage mitsamt einer möglichen Lärmbelästigung hinter der Fassade. Auch der Glasaufzug verbirgt sich hinter Lamellen und nirgendwo stören Gitterroste die Wandgestaltung. Der Materialmix im Lichthof dient nicht nur der Optik, sondern verhindert einen unangenehmen Schall. Und wer vor dem Eingang an der Abtsdorfer Gasse steht und zu den Fenstern hinauf blickt, wird keinen Versatz im Naturstein aus Schlesien entdecken. Millimetergenau mussten hier die Handwerker schon im Rohbau arbeiten.
„Starke Baukompetenz“ im Landkreis Neumarkt
„Solche Anforderungen schaffen wir nur, weil wir außergewöhnlich gute Handwerksbetriebe in der Region haben“, lobt Mederer die hervorragende Zusammenarbeit in den vergangenen vier Jahren. Und Oberbürgermeister Markus Ochsenkühn fügt an: „In Stadt und Landkreis haben wir eine sehr starke Baukompetenz.“ Die Firmen fühlten sich für einen Bau mitverantwortlich und deshalb werde gemeinsam so lange nach Lösungen für technische Probleme gesucht, bis es eine gebe. „Wir planen quasi bis zum letzten Tag“, lacht Mederer, der gelernter Maurermeister ist.
Licht und Luft sind solche Herausforderungen gewesen. Beton- und Holzlamellen in unterschiedlichster Ausführung sorgen in der Außenhülle für eine natürliche Beschattung und für angenehme Temperaturen im Inneren. Die Holzläden zum Residenzplatz hin wie auch die Klappläden etwa fahren automatisch auf und zu – je nach Sonnenstand. „Die Fassade lebt“, sagt Mederer. Und durch die geöffneten Eichenlamellen kann nachts kühle Luft ins Innere strömen. So müssen nur EDV-Raum und Hörsaal klimatisiert werden.
Auf dieser Seite zu den historischen Nachbarn haben sich Architekten und Stadtrat bewusst für eine Klinkerfassade entschieden, deren kleine Versprünge und Fugen für ein leises Schattenspiel sorgen. Im ungleichmäßigen historischen Putz des Reitstadels findet sich dieser Effekt wieder. „Aber an einem modernen Gebäude konnten wir die alte Fassade nicht nachäffen“, sagt Mederer.
„Stadt und Landkreis Neumarkt sind stark im Handwerk unterwegs.“ Markus Ochsenkühn, Oberbürgermeister
Was dem OB besonders gefällt: „Jetzt sind die alten Gassen wieder erkennbar“. Die neuen Holzhäuser mit neun Wohnungen für 24 Studierenden reihen sich in gedecktem Grün, Gelb, Blaugrau und Rosé entlang der Kaminfegergasse. Von dort erfolgt in den nächsten Tagen noch ein Durchbruch direkt hinter dem Reitstadel bis zur Hutmachergasse. Und auch ein neuer Zugang der Tiefgarage leitet Autofahrer direkt in die Altstadt. Die Umrandung des alten Abgangs am Residenzplatz wurde indessen aus optischen Gründen abgesenkt. In den nächsten Wochen folgen noch die Hochbeete und Tröge für die Begrünung.
Was die Erbauer ebenfalls zu Millimeterarbeit bei der Erweiterung der Tiefgarage gezwungen hat, ist der hohe Grundwasserspiegel in der Neumarkter Altstadt. Der hätte auch nicht abgesenkt werden dürfen, weil der Reitstadel auf Eichenpfählen thront, erklärt Peter Mederer. Stünden diese nicht mehr im Wasser, würden sie verfaulen. Eine Erdbetonmischwand, ein Vakuum und eine Lehmschicht halten jetzt das Grundwasser in Schach, könnte man vereinfacht sagen – die technischen Details sind weitaus komplexer.
Seminarräume und eine Loggia für die Neumarkter Studenten
Für solche Probleme müssen sich die Studenten und ihre Dozenten nicht interessieren. Auf sie warten kleinere und größere Seminarräume, eine Bibliothek und Kaffeeküche, ein Raum für Automaten mit Verpflegung, ein Lern- und Studierraum mit Blick über die Altstadt sowie eine Loggia, die den Blick über die historische Dächerlandschaft der Innenstadt eröffnet.
Selbst das Treppenhaus für die Fluchttreppen und die Notausgänge bietet beeindruckende Sichtachsen und einen Beton, den die ausführende Firma so fein gearbeitet hat, als wäre er Sichtbeton. „Den hätten wir uns nicht leisten können“, schmunzelt Projektleiter Mederer.
Zusätzlich zu den technischen und architektonischen Anforderungen hätten erst die Coronapandemie , dann Lieferengpässe, Energiekrise und der Ukrainekrieg alle Beteiligten auf eine harte Probe gestellt, erinnert sich Bauleiter Benedikt Stark. Mitten in der Bauphase hatte der Stadtrat zudem beschlossen, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach zu installieren, weil die Altstadtsatzung geändert worden war.
„Es ist ein ganz tolles Projekt“, sagt Mederer und verrät, dass er jetzt aber trotzdem froh sei, wenn es zu Ende gehe. Der Platz zur Abtsdorfer Gasse wird noch mit Granitplatten gepflastert. Die Schreiner erledigen Feinheiten in der Hochschule, in den Studentenwohnungen vollenden die Handwerker den Innenausbau. Ende Juni soll die Hochschule von ihrem Interimsquartier im Haus St. Marien umziehen. Dann ist das Großprojekt fertig, von dem Johannes Berschneider bei der Vorstellung seiner Pläne sagte: „Das ist nix anderes als a Schul‘, bloß hat‘s an Hörsaal“.



