In der Totenbrett-Werkstatt von Hohenwarth: Florian Berlinger schafft Andenken an Verstorbene

Von Lisa Steigerwald · 6. August 2024 um 15:00

Totenbretter haben im Landkreis Cham eine lange Tradition. Früher wurden die Verstorbenen auf den Holzbrettern zu Hause aufgebahrt und auf ihnen auch zu Grabe getragen. Doch der Brauch hat sich gewandelt.

„Für mich sind sie zu Andenkbrettern geworden“, sagt Florian Berlinger. Der 40-Jährige fertigt sie in seiner Hobbywerkstatt in Hohenwarth. Und im Gegensatz zu den alten Exemplaren sind die von Berlinger aufwendig gestaltet – standen früher oft nur Name, Geburts- und Sterbedatum auf den Totenbrettern, zieren heute unter anderem kirchliche Motive, Blumen und Sprüche das Holz.

Früher gab es außerdem eine Sage: Die Seele eines Verstorbenen sei erst erlöst, wenn das Brett verrottet ist, erzählt Berlinger. Heute würden sie dagegen eher als eine Art Grabstein betrachtet und erneuert, wenn sie nicht mehr schön aussehen.

Sein Hobby entdeckte er durch Zufall

Vor rund zehn Jahren kam Berlinger durch Zufall zu seinem Hobby. Denn in Hohenwarth gab es einen Mann, der bereits Totenbretter anfertigte. Und als dieser starb, brachte der 40-Jährige die angefangenen zu Ende. „Daraus wurde dann eine Leidenschaft“, sagt Berlinger. Besonders gefällt ihm die „Fitzelarbeit“ bei der Gestaltung der Bretter.

„Ich arbeite nur daran, wenn ich Lust habe“, sagt der Heizungsbauer. Nach einem harten Arbeitstag fallen ihm fili-grane Arbeiten wie das Malen oft schwer. Rund acht Stunden benötigt der Hohenwarther für ein Exemplar. Dann sei es aber eher schlicht – für detailreiche Malereien wie Blumen, Hände oder die Muttergottes braucht der Handwerker deutlich länger. Die Motive sind meist im Stil der Bauernmalerei gehalten.

Gesichter zu malen sei besonders schwierig, sagt der 40-Jährige, denn es fällt sofort auf, wenn zum Beispiel die Proportionen nicht stimmen. Deshalb besucht Berlinger Malkurse, um sich weiterzuentwickeln und Neues auszuprobieren.

„Holz lebt und ist ein schönes Produkt“

Um die Bretter in die richtige Form zu bringen, kommen Band- und Stichsäge zum Einsatz. Anschließend werden sie geschliffen und mit einer Holzlasur grundiert – der Vorgang wird einmal wiederholt. Danach wird das Brett bemalt. „Holz lebt und ist ein schönes Produkt“, sagt Berlinger, der schon immer gerne mit dem Naturprodukt gearbeitet hat.

Berlinger hat viele Acrylfarben und Lasuren getestet, denn nicht alle halten der Witterung stand. Ab und an kommt es auch vor, dass sich der Handwerker vermalt. „Bei kleinen Fehlern hilft Nagellack“, sagt der 40-Jährige. Zuerst habe er es mit Spiritus versucht, aber damit ging nicht nur die Acrylfarbe, sondern auch die Grundierung weg. Bei größeren Fehlern muss er das Brett abschleifen und von vorne anfangen. Mit der Zeit wird man routinierter und macht weniger Fehler, sagt Berlinger.

Ab 180 Euro bekommt man bei Berlinger ein handgefertigtes Totenbrett. Das Holz bezieht der Hohenwarther aus dem Sägewerk, meist verwendet er Fichte, aber auch Douglasie und Eiche kommen zum Einsatz. Die Bretter werden nach den Wünschen der Kunden bearbeitet – eher selten kommt es vor, dass der Verstorbene oder die Hinterbliebenen ganz spezielle Wünsche haben.

Totenbrett für lebende Frau angefertigt

Eine etwas kuriose Anfrage erhielt Berlinger von einer Frau, die ein Andenkbrett für ihre Mutter haben wollte. Beim Anfertigen fiel dem 40-Jährigen auf, dass er nur den Namen und das Geburtsdatum der alten Dame hatte. Er fragte nach, wann die Mutter gestorben sei. Etwas erstaunt war er über die Antwort, denn die Frau lebte noch.

Berlinger stellt angefangene Andenkbretter fertig

In seiner Werkstatt stehen derzeit auch zwei angefangene Bretter, die ein Mann bereits zugeschnitten gebracht hatte. Berlinger erzählt, dass der Vater des Mannes vor vielen Jahren selbst Totenbretter für seine Eltern angefertigt hat. In diesem Zuge schnitt er zwei weitere, für sich und seine Frau, zurecht. Nun ist der Mann gestorben und der Hohenwarther wird sie für ihn fertigstellen.

Übergabe der Bretter ist oft emotional

Nicht nur Angehörige beauftragen Berlinger, auch Vereine nehmen seine handwerklichen Fähigkeiten in Anspruch, um verstorbener Mitglieder zu gedenken. Oft werden dann gleich mehrere Bretter in Auftrag gegeben. Damit diese einheitlich werden und zusammenpassen, hat der 40-Jährige Schablonen für Motive und Bretter angefertigt.

„Ich bin auf jedes einzelne stolz“, sagt Berlinger über seine handgefertigten Totenbretter. Die Übergabe an die Hinterbliebenen sei oft sehr emotional. Dann nimmt sich der Hohenwarther Zeit, um sich die Anekdoten über die Verstorbenen anzuhören.

Brauchtum

Stoßzeit: Zur Maiandacht werden viele Totenbretter in Auftrag gegeben, so Berlinger. Die meisten Andenkbretter stellt er in der Winterzeit her.

Bekanntheit: Die Bretter sind heute vor allem noch im Bayerischen Wald bekannt. Doch der 40-Jährige hat auch Kunden von weiter her. Meistens seien es Urlauber, die den Brauch zwar oft nicht kennen, aber es eine schöne Idee finden.

Die „Fitzelarbeit“ macht dem 40-Jährigen Spaß. Foto: Lisa Steigerwald
Zu sehen sind die Andenkbretter oft an Wegrändern, im Wald oder in privaten Gärten. Foto: Lisa Steigerwald