Pflegeheime im Landkreis Neumarkt werden immer teurer – so setzen sich die Kosten zusammen

Ein Rentner bekommt in Bayern eine Durchschnittsrente von rund 1550 Euro brutto. Muss er ins Seniorenheim, wird es aber weitaus teurer. Im Landkreis Neumarkt kann ein Pflegeplatz im ersten Jahr teilweise über 3000 Euro kosten.
Die Caritas betreibt im Landkreis Neumarkt fünf Seniorenheime – in Neumarkt, Berching, Dietfurt, Deining und Freystadt. „Seit 2018 sind die Heimkosten im Landkreis um 47 Prozent gestiegen“, sagt Norbert Bittner, Abteilungsleiter Wohnen und Pflege beim Caritasverband Eichstätt. Ein wesentlicher Grund seien tarifliche Lohnerhöhungen für Mitarbeiter. Aber auch die Ausgaben für Energie- und Verpflegung seien gestiegen. Diese Kosten werden direkt auf die Bewohner umgelegt.
Grundsätzlich setzten sich die Preise für einen Heimplatz aus Unterkunft plus Verpflegung, Ausbildungs- sowie Investitionskosten für den Bau und Erhalt der Pflegeheime und einem einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE) zusammen. Dieser bezeichnet den Anteil an Pflegekosten, den der Bewohner selbst tragen muss und variiert zwischen den Heimen.
Trotz Zuschlägen müssen Senioren tief in die Tasche greifen
Menschen mit Pflegegrad zwei bis fünf zahlen monatlich jeweils einen nahezu einheitlichen Eigenanteil. Denn die Pflegekasse beteiligt sich mit gestaffelten Beträgen zwischen 770 und 2005 Euro an den Pflegekosten. Zudem entlastet ein Leistungszuschlag die Bewohner bereits ab dem ersten Jahr mit 15Prozent und erhöht sich mit der Dauer des Aufenthalts bis auf 75 Prozent. Dieser Zuschlag berechnet sich aus den Pflege- und Ausbildungskosten.
Dennoch: Besonders im ersten Jahr müssen Senioren tief in die Tasche greifen. Ohne die Abzüge durch den Leistungszuschlag kostet im Caritas-Seniorenheim in Neumarkt ein Einzelzimmer ab dem Pflegegrad zwei zum Beispiel 2856Euro, in Berching aber 3128 und in Dietfurt sogar 3136 Euro.
Kostenunterschiede in den Pflegeheimen
Auch bei den beiden BRK-Seniorenheimen in Neumarkt unterscheiden sich die Preise. In Woffenbach (2907 Euro) zahlen Pflegebedürftige fast 150 Euro mehr für ein Einzelzimmer als in der Friedenstraße (2767 Euro).
Ebenso in den beiden Einrichtungen der Diakonie NAH: Im Martin-Schalling-Haus in Neumarkt liegen die Kosten bei 3147 Euro und im Seniorenzentrum in Pyrbaum bei 3385 Euro. Im privat geführten Seniorenheim St. Therese in Mühlhausen liegen die Kosten zwischen 3302 und 3378 Euro.
Die Unterschiede bei den Einrichtungen mit gleichem Träger ergeben sich häufig durch höhere Investitionskosten, die bei einem Haus anfallen, sagt Bittner. Das Caritas-Seniorenheim in Berching sei beispielsweise erst kürzlich saniert worden. Ähnlich verhält es sich beim BRK, wie Einrichtungsleiter Jens Küneth erklärt: Das BRK-Seniorenheim in Woffenbach sei größer und benötige dadurch mehr Energie. Ebenso wirken sich unterschiedliche Personalstrukturen in den Einrichtungen auf den Preis aus.
Intensive Verhandlungen mit Pflegekassen über Kosten
Laut Elke Kaufmann, Geschäftsführerin der Diakonie NAH, müsste für das Seniorenzentrum in Pyrbaum eine höhere Gebäudemiete aufgebracht werden als in Neumarkt. Sie betont: „Kein Träger legt seine Kosten einfach selbst fest.“ Dahinter steckten intensive Verhandlungen mit der Pflegekasse. Man müsse dafür genau nachweisen können, wie hoch die einzelnen Kostenpunkte sind, so Kaufmann.
Gertraud Rupp, die das Seniorenheim St. Therese führt, sagt: „Früher waren wir günstiger als andere im Landkreis.“ Die Kostensteigerung führt sie vor allem auf gestiegene Löhne und Energiepreise zurück.
Heimkosten sind für viele alleine nicht stemmbar
Aber wer kann sich diese Heimkosten noch leisten? „Wir haben es mittlerweile ganz häufig, dass die Kosten durch die Rente nicht gedeckt werden können“, gibt Bittner zu.
Auch das BRK und andere Heimleiter aus dem Landkreis nehmen diese Entwicklung wahr. Die Wege, damit umzugehen, seien individuell, sagt Küneth. Es gebe Betroffene, die zum Beispiel Immobilien besäßen, die sie dann vermieten oder verkaufen könnten. „Oft springen die Kinder ein – oder der Weg führt in Härtefällen zum Sozialamt.“ Verpflichtet sind Kinder aber erst, für die Heimkosten ihrer Eltern aufzukommen, wenn sie über 100000 Euro brutto im Jahr verdienen, so Bittner.
Die Lage wird sich in Zukunft zuspitzen. Davon sind viele Heimleiter, mit denen unser Medienhaus gesprochen hat, überzeugt. Immer mehr Menschen müssten bereits auf Sozialhilfe zurückgreifen, um ihren Heimplatz zu finanzieren. In städtischen Bereichen ist die Lage laut Bittner ernster als auf dem Land. Aber auch hier im Landkreis verzeichnet die Caritas eine Quote von 25,1 Prozent an Sozialhilfeempfängern. Bittners Einschätzung nach habe sich diese Zahl über die vergangenen zehn Jahre nahezu verdoppelt.
Durchschnittsrenten reichen nicht aus
Küneth sieht in der Debatte ein gesamtgesellschaftliches Problem: „Wer für einen Heimplatz rund 2600 Euro zahlt und als Durchschnittsbürger in dieser Klasse 1500 Euro Rente zur Verfügung hat, steht einfach vor einer Lücke, die er nicht oder nur sehr schwer schließen kann.“
Was muss sich also ändern? Bittner ist sich sicher, dass es in der Versorgungsstruktur Änderungen geben muss. Der Bedarf sei zwar riesig – auch hier im Landkreis gleicht die Heimplatzsuche einem Glücksspiel – aber deutschlandweit seien viele Seniorenheime von Insolvenz bedroht. Um eine hundertprozentige Auslastung zu bewerkstelligen, fehle es oft an Personal. Im Landkreis liege die Auslastung der Caritas-Seniorenheime bei 96 Prozent, im gesamten Verband bei 93 Prozent. „Ab 96 Prozent sind die Kosten gedeckt“, sagt Bittner. Auch beim BRK und der Diakonie ist jeweils eine Einrichtung nicht zu 100 Prozent ausgelastet, da hierfür die Fachkräfte fehlen.
Kritik an Nachlässigkeit der Politik
Trotzdem werde es Seniorenheime in Zukunft brauchen. Bittner kann sich jedoch vorstellen, dass vieles auf die ambulante Pflege verlagert wird. Was nicht nur von ihm, sondern auch von einigen Heimleitern zu hören ist: „Politisch wird zu wenig gemacht.“ Schon vor vielen Jahren sei klar gewesen, dass man auf diese Probleme zusteuert.
Um Pflegebedürftige zu entlasten, würde laut dem Caritas Abteilungsleiter ein „Sockel-Spitze-Tausch“ helfen. Aktuell bezahlt die Pflegekasse feste Beträge, Steigerungen fallen zulasten der Bewohner aus. Das könne man umkehren und den Bewohnern feste Kosten garantieren.
Forderungen des Sozialverbands VdK
Auch der Sozialverband VdK blickt mit Sorge auf die Entwicklungen in Pflegeheimen. „Für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen sind die Kosten eine riesige Belastung“, sagt Kreisvorsitzende Antje Dietrich. Der VdK fordert deshalb eine solidarische Umverteilung, indem die private und gesetzliche Pflegeversicherung zusammengelegt oder zumindest ein Solidarausgleich erfolgt. Außerdem fordert der Sozialverband, „dass die Länder endlich in vollem Umfang die Investitionskosten für die Pflegeheime tragen und die Kosten für die Ausbildung der Pflegekräfte aus Steuermitteln finanziert werden.“