Altenpflege: Heimleiter im Kreis Neumarkt widerlegen Klischee des schlechten Gehalts

Von Anika Ferko · 9. Juli 2024 um 19:00

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt jährlich. Währenddessen kämpfen die Einrichtungen mit Fachkraftmangel und fehlenden jungen Bewerbern – auch im Landkreis Neumarkt. Kritisiert wird dabei oft die Bezahlung in der Pflege. Doch verdienen Altenpfleger wirklich so schlecht, oder ist das Klischee längst überholt?

Es ist Montag, 12 Uhr. Zeit für eine kurze Mittagspause im Caritas-Seniorenzentrum St. Franziskus in Berching. Monika Filippou (58) und Maria Liebhardt (61) sitzen bereits am Tisch im Garten, die Kaffeetassen vor sich. Auf ihren Namensschildern steht in großen Lettern „Pflege“. Während Filippou als Hilfskraft im Heim arbeitet, ist ihre Kollegin Liebhardt Pflegefachkraft. Beide sind Quereinsteiger.

„Ich habe mit 40 Jahren noch mal angefangen und die Altenpflegeausbildung gemacht“, berichtet Liebhardt. Seit 15 Jahren arbeitet die 61-Jährige nun schon im Berchinger Seniorenheim. „Die Eltern und Großeltern, alle benötigen in einem gewissen Alter mal Hilfe und da ist man selbst ziemlich hilflos ohne Erfahrung“, erzählt Liebhardt. Damals hätte sie sich gedacht: „Wenn schon, dann will ich es gescheit lernen.“

Filippou, gelernte Metzgereiverkäuferin, ist seit 13 Jahren in der Einrichtung tätig. „Hätte ich es mal früher gemacht“, sagt sie. Dieser Beruf würde ihr viel geben, „die Arbeit hat einen Sinn“. Über die Bezahlung sprechen beide Pflegerinnen gleich: „Ich als Helferin finde schon, dass ich gut verdiene“, sagt etwa Filippou.

Seit 25Jahren ist Gerhard Binder Heimleiter des Caritas-Seniorenzentrums in Berching. „Angefangen habe ich 2001, mit 42 Mitarbeitern“, erinnert sich Binder. Jetzt habe er das Doppelte an Personal, weil die Zahl der Pflegebedürftigen „exorbitant“ nach oben geschossen sei.

Großes Problem in der Altenpflege: Fehlende Fachkräfte

Aktuell verfüge das Heim über 72 Betten, angestellt sind 89 Mitarbeiter. Doch auch Binder bleibt vom Personalmangel nicht verschont: Aufgrund von fehlenden Fachkräften seien vier der 72 Betten nicht belegt.

Binder weiß um die Klischees rund um die Pflege: „Egal, mit wem du über das Thema Pflege redest, kommt die Aussage: Das kannst du doch nicht machen, da verdienst du nichts.“ Zudem kenne Binder nicht wenige Lehrkräfte, die ihren Schülern abraten würden, in die Pflege zu gehen – für ihn unverständlich. „Es muss in dem Bewusstsein der Leute sein, dass es unsere ältere Generation verdient hat, würdig zu altern“, betont Binder. Dies sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Andrang an Pflegerhelfen aus dem Iran oder der Ukraine

Mit Fachkräftemangel in der Pflege wird auch in Neumarkt gekämpft. Jörg Erler ist stellvertretender Leiter im Martin-Schalling-Haus in Neumarkt, einem Senioren- und Pflegeheim der Diakonie. Seit 28 Jahren ist Erler nun schon im Bereich Pflege tätig – und hat die Entwicklung über diese Zeit mitbekommen.

Vor 15 Jahren sei es nicht schwierig gewesen, Fachkräfte an Bord zu ziehen, im Gegenteil. „Doch seitdem ist es ein schleichender Prozess“, stellt Erler fest. Aktuell müssten sie im Martin-Schalling-Haus selbst Fachkräfte ausbilden, um die Fachkräftequote erfüllen zu können. Während Erler händeringend nach neuen Fachkräften sucht, sei der Andrang an Pflegehelfern derweil groß. Das Team sei inzwischen eine „Multikulti-Gruppe“ im Seniorenheim und das sei auch erwünscht. „Viele kommen aus dem Iran oder der Ukraine. Ohne sie würde es hier gar nicht mehr laufen“, sagt Erler. Es sei erfrischend und würde das Team „total weiter bringen“.

Jörg Erler: „Wir haben schon immer gut verdient“

Die Kapazitätsgrenze der Betten im Martin-Schalling-Haus ist jedoch erreicht: Laut Erler leben aktuell 76 Bewohner im Haus, daneben sind 95 Mitarbeiter angestellt. Die Arbeitnehmer würden nach dem Tarifvertrag AVR-Bayern bezahlt, für eine Fachkraft hieße das etwa 3400 Euro im Schnitt, für eine Hilfskraft 2500 Euro brutto. Jedoch müsse man zusätzlich etwa die Sonntagsarbeitszeiten und Einspringboni beachten.

„Wir haben schon immer gut verdient“, findet Erler. Natürlich gehörten sie nicht zu den Topverdienern, jedoch sei das Einkommen höher als das Mittelmaß. Das Klischee, dass man in der Altenpflege nichts verdient, nehme Erler allerdings schon wahr.

Leiterin Dolles: Nachwuchsgewinnung durch Image erschwert

Für den stellvertretenden Leiter müsse sich in Zukunft etwas ändern. In den vergangenen Jahren hätten sich die wenigsten in die Öffentlichkeit gestellt und gesagt: „Ich bin Altenpfleger und stolz drauf.“ Dieses Bild nach außen habe der Pflege nicht gut getan, findet Erler.

Ähnlich sieht es Ingeburg Dolles. Sie ist Leiterin des Hauses Wolfstein, einer privaten Einrichtung in Neumarkt. „Das öffentlich geprägte negative Image erschwert die Nachwuchsgewinnung“, betont Dolles. In Zukunft müssten immer weniger Mitarbeiter für immer mehr Pflegebedürftige da sein. Dass die Mitarbeiter in der Pflege schlecht verdienen würden, gehöre für Dolles jedoch der Vergangenheit an. Aber: „Mehr geht natürlich immer.“

Für den Gewerkschafter ist noch Luft nach oben

Heinz Neff ist im Landesfachbereich für Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft im ver.di-Landesbezirk Bayern tätig. Laut Neff gibt es im Lohngefüge zwar eine leichte Entwicklung nach oben, jedoch hilft es noch nicht, die große Wende in der Pflege herbeizuführen. „Die Bezahlung entspricht noch nicht der Leistung und Verantwortung, die die Pfleger vollbringen.“ Zudem müssten sich etwa die Weiterentwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Pflege verbessern sowie die Arbeitsbedingungen.

Wie viel man in der Altenhilfe verdient

Fachkräfte: Laut Informationen des Verbandes katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD) verdienen Fachkräfte in der Langzeitpflege bei der Caritas rund 200 Euro mehr als im Branchendurchschnitt – und 450 Euro mehr als der Durchschnitt der Fachkräfte aller Branchen. In der Altenpflege (Caritas) seien es 4149 Euro, in der Altenpflege aller Träger 3936 Euro brutto.

Hilfskräfte: Bei den Hilfskräften unterscheidet die Caritas zwischen zwei Vergütungsgruppen, erklärt der VKAD: Hilfskräfte ohne Ausbildung sind in der Vergütungsgruppe P4 und verdienen im Schnitt 3302 Euro brutto. Hilfskräfte, deren Tätigkeiten eine einjährige Ausbildung voraussetzt, sind in der Vergütungsgruppe P6 und verdienen 3738 Euro.

Auszubildende: Laut des VKAD erhält eine angehende Pflegefachkraft bei der Caritas im ersten Jahr eine tarifliche Ausbildungsvergütung von 1341 Euro brutto. Im Schnitt verdiene eine angehende Pflegefachkraft 1415 Euro. Zum Vergleich: Als angehender Versicherungskaufmann verdiene man im Schnitt 1281 Euro.

Monika Filippou (l.) und Maria Liebhardt haben sich der Altenpflege verschrieben – im Berchinger Seniorenzentrum. Foto: Anika Ferko